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Ein Lama kommt selten allein

Vor mehr als zehn Jahren schaute Daniela Tschaggelar einem «Neuweltkamel» zu tief in die Augen. Heute ist sie stolze Besitzerin einer kleinen Herde.

Katrin Hauser

Es ist Auffahrt, neun Uhr in der Früh. Die Geschäfte sind geschlossen, die Strassen von Aesch menschenleer. Die meisten Leute räkeln sich noch schlaftrunken in ihren Pyjamas. Ein paar Hundert Meter weiter oben ist Daniela Tschaggelar bereits putzmunter. «Ich bin seit drei Stunden auf den Beinen», sagt die Pächterin der Oberen Klus, eines hoch gelegenen Bauernhofs zwischen Pfeffingen und Aesch.

Auch die Exoten unter den hier beheimateten Tieren, die ­Lamas, sind schon wach. Neugierig recken sie ihre Hälse, als Daniela Tschaggelar das Gehege zu den Männchen der 21-köpfigen Herde aufschliesst. Für einen morgendlichen Fototermin mit der BaZ lassen sie sich jedoch nur mässig begeistern.

«Lamas sind Distanztiere, keine Kuscheltiere. Auch wenn ich auf sie zugehe, reagieren sie zunächst zurückhaltend», erklärt die 52-Jährige. Und tatsächlich: Kaum hat sich Tschaggelar einem Lama bis auf wenige Zentimeter genähert, schreckt es ­zurück und kehrt ihr sein Hinterteil zu. Charmant ist anders.

Es ist aber nicht so, dass die Lamas Angst vor Tschaggelar haben. Vielmehr mustern sie ihre Besitzerin aufmerksam, drehen dann den Kopf weg und staksen gemächlich davon. Als ob ihnen just in diesem Moment in den Sinn gekommen wäre, dass sie etwas Besseres zu tun haben.

Innert Kürze schafft es die ­Lama-Halterin jedoch, zwei ihrer Tiere zu erweichen. Sobald diese von ihrer Besitzerin aus dem Gehege geführt werden, kommen die anderen ebenfalls zum Gitter, um zu sehen, was mit den beiden passiert. Dabei haben sie diesen Lama-typischen und ziemlich ulkigen «Häh? Was ist los?»-Ausdruck im Gesicht.

Die Besitzerin schmunzelt: «Ja, Lamas sind extrem neugierig.» Spucken – ebenfalls ein Mythos um das kamelartige Tier aus den Anden – würden ihre Lamas jedoch höchst selten. «Das Spucken dient eigentlich der Kommunikation untereinander.»

Dafür hätten die Tiere ein ­ausgezeichnetes Gespür für ­Menschen. «Wenn ein Lama von einem Kind im Rollstuhl geführt wird, verhält es sich instinktiv folgsamer.» Tschaggelar bietet unter anderem Kurse für Kinder heilpädagogischer Schulen an.

Plötzlich steht alles still

Nach dem Fototermin bei den Männchen geht es weiter zum Weibchen-Gehege. Daniela Tschaggelar lockt die Stuten mithilfe eines Sacks voller Heu nach draussen. Die Faszination, die sie für die sogenannten Neuwelt­kamele hegt, entstand vor über zehn Jahren. «2003 war ich zu Besuch auf einem Lama-Hof in Südtirol», erzählt sie. Dort wurde sie Zeugin einer alten südamerikanischen Weisheit: Schaue niemals einem Lama zu tief in die Augen, denn du wirst dich darin verlieben.

Daniela Tschaggelar verliebte sich gleich zweimal. Zuerst in die Tiere selbst und rund drei Jahre später in den Pächter des Hofs, auf dem sie uns gerade herumführt. Mit ihren vier Lamas, die sie 2005 gekauft hatte, war sie im Jahr darauf an den Tag der offenen Bauernhöfe eingeladen. Bei einer Vorbesprechung sei es schliesslich passiert: «Ich stieg aus meinem Auto aus, sah diesen Mann und wusste: Das ist der Mann meines Lebens.»

«Buure» lernen

Seit dieser Begegnung sind dreizehn Jahre vergangen – eine Zeit, in der sich das Leben der ­gebürtigen Bernerin einmal um hundertachtzig Grad drehte. Tschaggelar besuchte einen zweijährigen Kurs, um das «Buure» zu erlernen, gab ihre Massagepraxis in Aesch auf, zog mit ihren drei Kindern auf das Anwesen ihres Partners, lernte, Ställe auszumisten, die Angus-Rinder auf dem Hof zu versorgen, ging sogar unter die Lama-Züchter; neue Tiere kamen, alte Tiere starben. Das Leben auf dem Bauernhof ist ein turbulentes. Bis dann plötzlich alles stillstand.

«Genau ein Jahr nachdem ich auf den Hof gezogen war, verstarb mein Partner – völlig unerwartet.» Diesen Satz sagt die 52-Jährige, ohne dass es ihr die Stimme verschlägt oder Tränen in ihre Augen schiessen. Daniela Tschaggelar hat einen Weg ­gefunden, mit dem Schicksalsschlag zu leben. Die Arbeit auf dem Bauernhof hat ihr dabei ­geholfen. Das Anwesen aufzu­geben, sei für sie nicht infrage gekommen, erzählt sie bei einer Tasse Kaffee auf dem Innenhof: «Die Probleme folgen einem, egal wohin man geht.» Letztlich müsse ein solcher Verlust im Herzen verarbeitet werden.

So beschloss die alleinerziehende Mutter trotz geringer Berufserfahrung, den Bauernhof zu übernehmen. «Die ersten zwei Jahre waren hart, klar», gibt sie zu. Anfangs habe sie Hilfe von einem pensionierten Bauern erhalten. Zwei Jahre später stellte sie dann Laura ein, ihre Vollzeitmitarbeiterin, die bis heute geblieben ist. Sie habe bewusst nach einer Mitarbeiterin gesucht, so Tschaggelar: «Denn Frauen werden im Landwirtschaftsberuf immer noch weniger respektiert als Männer.»

Diese Bäuerin sucht nicht

Auch ihre Kinder hätten sie während dieser schwierigen Zeit unterstützt. «Ich weiss noch, wie der Mittlere zu mir sagte: Natürlich wäre es einfacher, wieder zurück ins Dorf zu ziehen, aber hier oben ist dein Paradies, und deshalb schaffen wir das!»

Ein Paradies, das ist es wirklich. Mittlerweile haben wir den Hof verlassen und fahren an Weiden vorbei, auf denen Aufzuchtrinder, Mutterkühe und Kälber grasen. Von oben betrachtet, wirkt das Anwesen mit der Traubenranke vor dem Eingang, den vielen Blumentöpfen und der für einen Bauernhof untypischen Ordnung geradezu malerisch.

Die Idylle der Oberen Klus und der Beziehungsstatus der Pächterin entgingen auch einem gewissen Schweizer Fernsehsender nicht: «Vor zwei Monaten kamen tatsächlich Leute von 3+ zu mir und fragten, ob ich nicht bei ‹Bauer, ledig, sucht› mitmachen möchte», erzählt Daniela Tschaggelar schmunzelnd. «Ich bekam einen kleinen Lachanfall.» Für so etwas habe sie nun wirklich keine Zeit.

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