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Drohen und Pöbeln wird zum Volkssport

Bademeister, Sozialarbeiter, Lehrer, Pflegerinnen und Verwaltungsangestellte lernen sich zu wehren.

Daniel Wahl
Anti-Gewalt-Training. Schauspieler Silvan Kappeler lässt sich einen authentischen Fall erklären, während Körpersprache-Expertin Béatrice Zimmerli (links), und «Gewaltpräventiönler» Thomas Brändle das Verhalten analysieren und Tipps geben.
Anti-Gewalt-Training. Schauspieler Silvan Kappeler lässt sich einen authentischen Fall erklären, während Körpersprache-Expertin Béatrice Zimmerli (links), und «Gewaltpräventiönler» Thomas Brändle das Verhalten analysieren und Tipps geben.
Daniel Wahl

Ein Mann pinkelt im Gartenbad in aller Öffentlichkeit an einen Baum. Wie soll sich die anderthalb Kopf kleinere Schwimmbadmeisterin verhalten, wenn sie sich dem Hünen mit seinem tropfenden Hahn in der Hand nähert? In Bruchteil von Sekunden muss sie über ihr Vorgehen entscheiden, während Scham, Neugier, Ekel und Machtspiel mitbestimmen. Wer geht am Ende vor den Augen der Schwimmbadgäste als Sieger vom Platz?

Mit solchen bizarren Begegnungen setzten sich die Teilnehmer an den «Workshops für Gewaltprävention, Körpersprache und Deeskalation» auseinander, die Thomas Brändle und Béatrice Zimmerli überall in der Schweiz anbieten. Diesmal haben sich Gemeindeangestellte, Mitarbeiter von Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), Lehrer, Pflegerinnen in Altersheimen und Sozialpädagogen angemeldet.

Sie tragen Fallbeispiele aus ihrem Berufsalltag vor, analysieren und trainieren ihr Verhalten zusammen mit dem Schauspieler Silvan Kappeler – zum Beispiel ein Leiter eines RAVs, dem ein Blutbad mit der Kalaschnikow angedroht worden ist oder eine Pflegerin, die von einem dementen Heimpatienten immer wieder einmal geschlagen wird.

Es sind keine Einzelfälle. Schlagzeilen im Baselbiet machte vor ein paar Jahren ein damals 37-jähriger Mann türkischer Abstammung, der die Eptinger Gemeindepräsidentin Renate Rothacher würgte, weil er finanziell am Ende war und bei den Behörden nicht zu seinem Ziel kam. Oder unlängst ein Türke, der den Spannteppich und die Wände des Liestaler Sozialamts mit Benzin übergoss und drohte, sich anzuzünden. Das Personal musste durch die Fenster im Erdgeschoss flüchten.

Verrohung der Gesellschaft

Vermutlich zeigen sich immer mehr Menschen aus Verwaltung und öffentlichen Institutionen von Drohungen und Gewalt betroffen. «Wir stellen grundsätzlich eine Verrohung gegenüber Verwaltungsangestellten oder auch Krankenkassenmitarbeitern fest», sagt Thomas Brändle. Aber Trends bekannt geben würde der «Gewaltpräventiönler», wie Brändle sich bezeichnet, nicht.

Zu unscharf seien die Begriffe Drohung und Gewalt, zu uneinheitlich die Statistiken, zu wenig erforscht das Themenfeld. Brändle, der die Fachstelle Gewaltprävention Zürcher Oberland aufgebaut hatte, erwähnt in diesem Zusammenhang die ersten Resultate der Studie Z-Proso, ein Zürcher Projekt zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter: «Der Hype im Jahr 2009 um die Zunahme der Jugendgewalt hat sich nicht bestätigt; die Wahrnehmung hat sich nur verändert, weil die Fälle brutaler wurden», sagt Brändle. Er wolle vorsichtig sei und nicht Zahlen nennen, die durch eine nächste Studie bereits wieder überholt würden.

Aber wenn – so führt er auf sichererem Boden wiederum aus –, dann neigen Menschen im Alter von vier Jahren am häufigsten dazu, Gewalt einzusetzen. Ein zunehmendes Problem seien ferner abgeklärte Männer im gesetzteren Alter, die beruflich oder beziehungsmässig perspektivlos sind und im Internet Hass verbreiten. «Das Verhalten der Politiker und der Wirtschaft stehen mit der die Verrohung der Gesellschaft im direkten Zusammenhang» erklärt Brändli. Er stützt sich bei dieser Aussage auf die Resultate des forensischen Psychiaters Frank Urbaniok. Verletzen Vorbilder Anstand und Fairness, spiegle sich dies im Umgang mit den Behörden.

Drohungen ernst nehmen

Beide, Körpersprache-Expertin Zimmerli und Gewaltpräventionöler Brändle, haben unmittelbar Gewalt im Leben erfahren. Béatrice Zimmerli, hatte, als sie in einem Asylheim arbeitete, das Brotmesser eines Halbwüchsigen am Hals. Lehrbuchmässig habe sie sich nicht verhalten, als sie dem Jungen in einem Überraschungscoup das Messer entwand und seinen Arm auf dessen Rücken arretierte, gesteht sie ein. «Dann hiess es: Was machst Du da? Das sind doch noch Kinder.» Zimmerli korrigiert am Workshop die Kursteilnehmer: «Nein, diese Menschen, die sich in vielen Ländern durchgeschlagen konnten, werden bei uns zu Kindern gemacht.» Jede Drohungen müsse man ernst nehmen. «Dieser Grundsatz steht an erster Stelle.»

Das heisst in der Praxis: Zuerst Sicherheit herstellen, das eigentliche Thema abbrechen, Unterstützung beiziehen und den Gewaltakt selber thematisieren, bis er geklärt ist. Erst dann könne man sich wieder der Ursache annehmen. Dann zeigt Zimmerli auf, wie man sich mit entsprechender Körpersprache richtig positioniert. Mann und Frau stehen stämmig auf dem Boden, vielleicht auch so wie ein Fechter, diagonal, den Schulterschluss machend, bereit zum Rückzug. Der Händedruck sei kräftig, aber angenehm; die Stimme bleibe bewusst gesenkt.

Pistole am Kopf nicht akzeptieren

Einschneidend war bei Thomas Brändle das Erlebnis an der Zürcher Drogenfachstelle. Einem seiner Berufskollegen wurde die Pistole von einem Drögeler an die Schläfe gehalten. «Es hiess, wir müssen das akzeptieren. Wir hätten einen anderen Standard, denn bei Drögelern ist das bloss ein Ausdruck von Verzweiflung.» Zwei Wochen Hausverbot erhielt der Mann für seine Drohung. Das war zunächst alles.

Darauf diskutierte Brändle die Frage des Wertmassstabs mit vier Professoren. Eine Drohung ist nur dann zum Offizialdelikt, wenn sie gegen Behörden und Beamte ausgeführt wird, wie es im Strafgesetzbuch, Paragraf 285, definiert ist. Wer Behörden «hindert, nötigt oder während einer Amtshandlung tätlich angreift, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.»

Das gilt nicht für Sozialarbeiter. Würde man den Volkssport Drohen auf alles ausdehnen, wären die Gefängnisse überfüllt und die Justiz lahm gelegt, hielten die Juristen fest. Die Lösung, so Brändle, bestand darin, dass man den Klienten vorsorglich in Untersuchungshaft nahm. «Als er heraus kam, hat sich entschuldigt und tat es nie mehr.» Seither gibt es im Kanton Zürich ein Bedrohungsmanagement.

Ebenso im Kanton Baselland. Leute, die im Internet Drohungen ausstossen wie «ich lasse es eskalieren, wenn nicht bald etwas geschieht», werden gelegentlich vom Generalsekretär der Sicherheitsdirektion, Stephan Mathis aufgeboten. Man zieht den Psychologen Dieter Bongers bei. Im Gespräch erhalten die Behörden ein Bild und können den Bürger besser einschätzen. «Dazu besteht im Polizeigesetz eine gesetzliche Grundlage auf der eine Fachstelle tätig ist.»

Eine Statistik, wie oft Institutionen und Behörden generell von Drohungen betroffen sind, existiert nicht. Zu mannigfaltig sind die Toleranzen und die Art der Bewältigung.

Geklärte Verantwortungsbereiche

In den meisten Fällen, so zeigt sich heute, ticken die Menschen auf Ämtern und in Institutionen darum aus, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. «Die Drohung hat in den meisten Fällen ein Appell-Charakter: ‹Nehmt mich endlich ernst›», ist am Workshop von Zimmerli und Brändle zu erfahren. Diese Appell-Ebene müsse man ebenso angehen. Nicht selten werden Führungsstrukturen bei Behörden und Institutionen selber zum Problem, wie am letzten Workshop auch zum Ausdruck kam.

Dazu ein Beispiel aus der Schule: Schüler opponierten wegen des Prüfungsdrucks und verlangten eine Verlegung der Termine. Der Lehrer durfte auf Geheiss der Schulleitung keine Lösung anbieten. Erst als die Schüler selber zur Schulleitung durchdrangen, zeigte sich diese grosszügig. Der Lehrer fühlte sich darauf desavouiert und in seiner Autorität untergraben.

«Das ist verheerend und muss angegangen werden», kommentiert Brändle. Die Klärung von Verhandlungsspielräumen, von Abläufen und von Kompetenzen sind Führungsfragen, die von jeder Institution und Verwaltung vor einem Konfliktfall angegangen werden müssen.

Die Fallbeispiele im Video:

Der Terror auf dem RAV

Ein Kunde (hier gespielt von Schauspieler Silvan Kappeler), finanziell am Anschlag, kommt ins Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV). Er stellt Forderungen, denen der Mitarbeiter nicht entsprechen kann. Der Kunde fühlt sich schon lange nicht mehr ernst genommen. Er beginnt zu fluchen und schliesslich zu drohen: «Ich gehe jetzt nach Hause und hole meine Kalaschnikow. Dann wisst ihr, was ein Blutbad ist.»

Lösungsansätze: Selbstschutz ist der oberste Grundsatz. Hat man den Mann bereits dann richtig eingeschätzt, als er das Büro betreten hatte? Warum hat der RAV-Mitarbeiter die Türe geschlossen, statt offen gelassen, damit andere Angestellte im Bild sein könnten? Soll das Gespräch alleine oder zu zweit stattfinden? Blieb immer auch ein Fluchtweg offen? Das sind Fragen, die bei Gesprächsantritt geklärt sein sollten. Im Fall einer massiven Drohung sei es ratsam, die Polizei vorbeizuschicken, um abklären zu lassen, ob der Mann überhaupt eine Kalaschnikow hat. Der Auftritt der Polizei mit zwei Wagen vor der Haustüre, sei schon in vielen Fällen derart «heilsam», so Thomas Brändle, dass renitente Leute Einsicht zeigten und sich entschuldigten.

Das renitente Heimkind

Die Knopf-Kopfhörer stecken in den Ohren, die Dächlikappe ist entgegen der Mittagstisch-Regeln noch immer aufgesetzt. Der Heimleiter ermahnt den Jugendlichen eher nörglerisch die Kappe wegzulegen. Der Jugendliche gibt sich autistisch, sagt schliesslich: «Du nervst!» Der Heimleiter droht Sanktionen an: «Es gibt kein Essen!» «Du gehst ins Zimmer.» «Ich begleite dich jetzt ins Zimmer.» Das Gespräch vor den Augen aller Kinder eskaliert. «Fick Dich, willst Du mir an die Wäsche», droht der Jugendliche.

Lösungsansätze:Zwischen den Parteien steht der Tisch. Er stellt einen Schutz für den Jugendlichen dar; ein Möbel, hinter dem er sich verbergen kann. «Tue das Unerwartete», rät Béatrice Zimmer. Man könne den Jugendlichen zu spiegeln versuchen – sein Verhalten bloss zu legen. Oder den Tisch wegnehmen und den Jugendlichen «schutzlos» im Raum stehen lassen. Brändle rät, das Gespräch auf später zu verlegen, um dann zuerst Verhalten zu thematisieren. Aber nie vor den Augen aller. «Vor einer Gruppe artet ein Konflikt immer zum Machtspiel aus, in dem es nicht mehr um die Sache, sondern ums Gewinnen geht.»

Der unheimliche Besuch

Nie weiss die Gemeindeangestellte, was sie wirklich hinter der Haustür nach dem Betreten dieses unheimlichen Vorgartens erwartet, wenn sie Gerichtsurkunden zustellen und die Unterschrift einholen muss. Aber das ist ihr Auftrag, der andernorts von der Polizei wahrgenommen wird. Wie begegnet sie der latenten Angst, vor möglichen renitenten Adressaten, die sie ins Haus zerren könnten?

Lösungsansätze. Aufs Bauchgefühl hören, und wagen, die Zustellung der Gerichtsurkunde abzubrechen, das rät Béatrice Zimmerli. Ein solcher Entscheid sollte vom Arbeitgeber mitgetragen werden, ergänzt Thomas Brändle. Zum Erfolg braucht es ein sicheres Auftreten: Atemübungen helfen vor allem Frauen, die Stimme zu senken, um autoritärer zu wirken. Einen sicheren Stand und Standort wählen. Kopf und Oberkörper sind aufrecht, aber beweglich zu halten. Die Person sollte mit Namen, teilweise mehrfach, deutlich angesprochen werden. Im Gespräch ist der Blickkontakt wichtig – kein Anstarren, aber Aufmerksamkeit. Berührungen und Distanzlosigkeit sollen nicht geduldet, sondern mit einem lauten Stopp quittiert werden. Die persönliche Distanz misst zwischen 60 und 150 Zentimeter.

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