Die neuen Seilschaften der InterGGA

Eine Firma erhält nach einem «unabhängigen Gutachten» einen Job beim favorisierten Kabelnetzbetreiber. Ging da alles mit rechten Dingen zu?

Wer mit wem beim Thema InterGGA kutschiert und geschäftet, ist nur schwer zu durchschauen.

Wer mit wem beim Thema InterGGA kutschiert und geschäftet, ist nur schwer zu durchschauen.

(Bild: Grafik BaZ/mm)

Joël Hoffmann

Der Verdacht, der im Raum steht, ist gravierend: Der Reinacher Einwohnerrat könnte in seiner freien Meinungsbildung beeinflusst worden sein – das wäre ein Verstoss gegen die Bundes- und Kantonsverfassung. An seiner Sitzung vom 29. Juni sprach sich das Reinacher Parlament gegen den Ausstieg der grössten Aktionärsgemeinde aus dem Kabelnetzverbund InterGGA aus. Die InterGGA gehört 15 Aktionären, davon 13 Baselbieter Gemeinden, und beliefert 46'000 Haushalte. Bei seinem Nein zur Ausstiegs-Initiative setzte der Einwohnerrat unter anderem auf das scheinbar unabhängige Gutachten der Firma Leo Renggli GmbH aus dem luzernischen Inwil. Doch das Unternehmen ist nicht neutral: Leo Renggli GmbH arbeitet für die InterGGA.

Recherchen der BaZ bringen weitere neue alte Seilschaften ans Tageslicht. In ihrer Medienmitteilung vom 29. Juli gab die InterGGA bekannt, dass der Geschäftsführer Gregor Schmid das Unternehmen verlässt. Begründet wurde der Abgang mit dem Wechsel des TV-, Radio- und Internetsignallieferanten weg von der Improware zu Quickline. Die Geschäftsführung werde per sofort vom neuen Verwaltungsratspräsidenten Iwan Nussbaumer übernommen, hiess es. Was jedoch nicht zu lesen war: Ein paar Tage später nahm Lucas Wyss seine Arbeit als De-facto- Geschäftsführer der InterGGA auf.

Schatten-Geschäftsführer Wyss

Wyss ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war bis Ende 2014 Verwaltungsrat der InterGGA und war dort für folgende seltsame Vorgänge mitverantwortlich: 2012 traten mit Iwan Nussbaumer und Roger Ballmer zwei Männer neu in den Verwaltungsrat ein, die bereits damals beruflich mit der Quickline liiert waren. Nach ihrer Wahl wurde beschlossen, einen neuen Provider zu suchen. Für die Providersuche war Lucas Wyss zuständig. Die Ausschreibung erarbeitet und durchgeführt hat die Firma Broadband, die gleichzeitig die Modemlieferantin der Quickline ist. Den Zuschlag erhalten hat bekanntlich Quickline. Broadband konnte darauf Tausende Modems ins Baselbiet liefern.

Ferner versuchte Wyss den kritischen Binninger Gemeinderat Urs-Peter Moos zu besänftigen, indem er ihm einen Verwaltungsratsposten bei der InterGGA in Aussicht stellte, was dieser als Bestechungsversuch interpretierte und ausschlug. Moos äusserte bereits früh den Verdacht, dass mit dem Providerwechsel die Konsumenten mehr Geld für weniger Leistung bezahlen müssen. Eine Vermutung, die sich bewahrheitet hat und die selbst Gemeinderäte grosser Aktionärsgemeinden vertraulich zugeben, derweil sie öffentlich das Gegenteil behaupten.

«Zugunsten der Kontinuität»

Lucas Wyss ist gleichzeitig Inhaber der Sowacom, die Telekommunikationslösungen anbietet. Die Firma inserierte in Lokalanzeigern pünktlich zum Providerwechsel als Quickline-Partner. So erhielt Sowacom dank dem Insiderwissen von Wyss einen Wettbewerbsvorteil. Wyss zog sich darum, nachdem die BaZ dies aufgedeckt hatte, per sofort aus dem InterGGA-Verwaltungsrat zurück.

Nun ist Lucas Wyss wieder da – ausgerechnet er, der privat am Providerwechsel verdient hat. Verwaltungsratspräsident Nussbaumer rechtfertigt den Entscheid: «Wir befanden uns in einer ausserordentlichen Situation und haben uns zugunsten der Kontinuität entschieden.» Zwar zeigen Unterlagen, die der BaZ vorliegen, dass Wyss als Geschäftsführer handelt. Nussbaumer spricht lediglich von einem Beratungsauftrag, der mit der Übergabe an einen neuen Geschäftsführer enden werde.

Gemeinderat ortet kein Problem

Wyss ergänzt, dass er noch unfertige Projekte abschliessen will. Er nennt etwa die Einführung von zeitversetztem Fernsehen. Übrigens: Dieses Angebot war 2012 ein Hauptkriterium, weshalb der Verwaltungsrat die Quickline der Improware vorgezogen hat. Während Quickline allerdings noch immer kein zeitversetztes TV anbietet, ist dieses bei Improware bereits überall Standard.

Nun soll bei der Einführung des zeitversetzten Fernsehens die Firma Leo Renggli GmbH helfen. Seit Mitte August übernimmt sie die Funktion des Technischen Leiters bei der InterGGA. Es ist die Firma, die für die Gemeinde Reinach ein Gutachten erstellt hat, das dazu verhalf, dass die Einwohnerräte an der InterGGA festhielten. Dafür scheint nun die Firma Renggli belohnt worden zu sein: Sie erhielt einen Job bei der InterGGA. Der Reinacher SP-Gemeinderat Silvio Tondi sagt, er habe unabhängig von der InterGGA die Firma Renggli beauftragt, ein unabhängiges Gutachten zu erarbeiten. Dies zur zentralen Frage, ob es sinnvoll ist, dass der Konsument zwischen zwei Providern wählen kann.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die InterGGA und die Quickline kein Interesse daran hatten, dass die Bevölkerung zwischen ihrem Angebot und dem eines anderen Kabelnetzanbieters wie Cablecom oder Improware wählen kann. So kam die Firma Renggli denn auch zum Schluss, dass zwei Provider auf dem Kabelnetz mehr Nach- als Vorteile bringen würden. Dieser Expertise in der technisch komplexen Angelegenheit folgte der Reinacher Einwohnerrat. Die Politik stützte sich also auf ein «unabhängiges» Gutachten einer Firma, die im Anschluss ein Mandat bei der InterGGA erhalten hat.

Weitere Aufträge für Renggli

Wie es aussieht, pflegten die InterGGA und die Firma Renggli bereits vor dem Auftrag der Gemeinde eine geschäftliche Beziehung. Auf Anfrage der BaZ teilt das Luzerner Unternehmen lediglich mit: «Zum Zeitpunkt des Kleinauftrags, und ein halbes Jahr davor und danach, bestand mit der InterGGA kein Kontakt, keine Zusammenarbeit und auch keine Aussicht auf Aufträge.» Zudem betont das Unternehmen, den Gemeinde-Auftrag «100 Prozent neutral» ausgeführt zu haben.

Als Reinach der Firma Renggli Ende 2014 den Auftrag erteilt hat, seien fachliche Kompetenz und Unabhängigkeit die Ansprüche der Gemeinde an die Firma Renggli gewesen, teilt Gemeinderat Tondi mit. Auf die Frage, ob er wisse, dass Renggli für die InterGGA arbeitet, antwortet Tondi knapp: «Nein.»

Für den Gemeinderat ist diese ­Doppelrolle der Firma jedenfalls kein Problem, weil zum Zeitpunkt des Auftrags der Gemeinde die Firma Renggli in keinem Vertragsverhältnis mit der InterGGA gestanden habe. «Über die Rolle der Firma Leo Renggli in Reinach war mir nichts bekannt», sagt auch InterGGA-Chef Nussbaumer. Auch für ihn ist diese Verbindung unproblematisch: «Entscheidend ist die Befähigung der Firma, die Funktion kompetent wahrzunehmen.» Wie viel Geld die «unabhängige» Firma Renggli und der Schatten-Geschäftsführer Lucas Wyss von der InterGGA erhalten, darüber geben die Verantwortlichen keine Auskunft.

Basler Zeitung

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