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Die Defizite der Sekundarschule Oberwil

Alkohol, Rassismus und Mobbing: Nach dem Eklat im Klassenlager wollen die Schulleiter keine Aufarbeitung.

Fehlende Aufarbeitung: Das Hüslimattschulhaus will sich nichts vorwerfen lassen. Foto: Mischa Christen
Fehlende Aufarbeitung: Das Hüslimattschulhaus will sich nichts vorwerfen lassen. Foto: Mischa Christen

Seit gestern stehen die Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarschule Oberwil wieder vor der Wandtafel und dozieren Inhalte wie eh und je. Als sei die Reformpädagogik an der Oberstufe vorbeigegangen. Vor ihnen sitzen jetzt neue Schüler – letztlich Kunden, um die sich die Lehrer noch nie haben bemühen müssen. Obligatorisch werden ihnen die Primarschulabgänger einfach zugeteilt. Die «alten» Schüler, die noch vor den Sommerferien mit illegaler Waffeneinfuhr, Alkoholkonsum, Rassismus, Mobbing und Sexismus aufgefallen waren und national für Schlagzeilen gesorgt hatten, sind weitergezogen. Die Sek Oberwil ist zur Tagesordnung übergegangen.

Vor einer Aufarbeitung dieses Eklats während einer Klassenfahrt ins Tessin im Juni hat sich die Schule bis heute geziert. Nie konnten sich die betroffenen Schüler äussern. Und Eltern, die sich über das Kommunikationsverhalten der Schulleitung und die fehlende Aufklärung entsetzt an die Medien wandten, wurden von der Schulleitung kritisiert: Sie hätten nie das Gespräch gesucht. Zusammenfassend suggeriert die Schule, alles im Griff zu haben; die Leitung lässt sich nichts vorzuwerfen.

Noch vor den Sommerferien hat die Schulleitung ein Schreiben von Urs Blindenbacher erreicht. Der Gymnasiallehrer, Praxislehrer und Theaterpädagoge ist in der Region weitum bekannt für seine Jazz-off-Beat-Veranstaltungen und hatte eine unbescholtene Tochter in einer der beiden Klassen. In bemerkenswerter Weise legt er den Finger auf die wunden Punkte der Sekundarschule Oberwil.

Wie Kriminelle verhört

Zur Erinnerung: Nachdem Alkohol und Waffen zweier Oberwiler Abschlussklassen in den Lagerzimmern entdeckt worden waren, hat die Schulleitung die Tessiner Polizei einberufen. Ohne die Eltern zu orientieren, wurden angeblich 18 Jugend­liche wie Kriminelle verhört. Dann wurde das Lager abgebrochen; kollektiv ging es zurück. Die Lehrer orientierten die Eltern nicht selber. Danach dissten die Täter im Chat jene sexistisch und derb, die nicht mitgemacht hatten.

Die fehlende Aufarbeitung dieses Eklats ist für Blinden­bacher das eine – die Tatsache, dass das nachgereichte Elternschreiben eine sicherheits­politische Rechtfertigung der Schulleitung darstellte und der Vorfall in keiner Weise päda­gogisch oder schulpolitisch gewürdigt wurde, dann auch die Tatsache, dass das Mittel der Kollektivstrafe angewandt wurde, dass ferner zu keinem Zeitpunkt ein problemorientiertes Gespräch mit den ­Klassen gesucht wurde. «Verdrängung», kommentiert Blindenbacher, «und ein fehlendes Krisenmanagement». Im Ernstfall werde der Lehrer von der Schulleitung alleingelassen. Aber Blindenbacher hat noch tiefer greifende Probleme geortet. Diese zeigten sich bereits bei Schulantritt an der Sek Oberwil in Ansätzen.

Aufgefallen sind ihm die fehlende Zusammenarbeit unter den Lehrern und die fehlende Absprache mit den anschliessenden Schulen. «In Deutsch las man ‹Das Parfum› von Patrick Süsskind und legte den Sekschülern eine Prüfung auf Maturniveau vor. Stufengerecht stelle ich mir anders vor», sagt der Gymlehrer. Die mangelnde Zusammenarbeit unter den Lehrern wird von Pädagogen bestätigt, mit denen die BaZ sprechen konnte. Im Hüslimatt arbeite jeder für sich im Klassenzimmer. Eine Schulleitung, die die Zusammenarbeit und ein gutes Klima fördere, sei inexistent. Eine Qualitätskontrolle sei nicht sichtbar. Und im Hintergrund wurstle ein Schulrat, der eine hohe Fluktuation aufweise und sich nicht getraue, die Probleme der Schulleitung aktiv anzusprechen.

Eltern machen Faust im Sack

Ein Kundenbewusstsein fehlt der Schule offensichtlich. Es gab keine Lagerabrechnung, geschweige denn ein Budget, welches man den zahlenden Eltern vorlegen konnte. Eine Antwort auf sein Schreiben hat Blindenbacher erst erhalten, als die Schule medial unter Druck geriet.

Warum auch hat sich die ­Schule gegen die Wünsche ihrer Kundschaft gewehrt und nicht rechtzeitig ein Klassen­lager durchgeführt? Sinnvollerweise setzt man Lager in der ersten oder zweiten Klasse aus sozialpädagogischen Gründen an, um etwa den Klassengeist zu fördern, wie Blindenbacher sagt. Waren es mangelndes Interesse und fehlendes Engagement? Letztlich hat sich auch der Sinn eines abgebrochenen Abschlusslagers nicht erschlossen, weil es kein Lagerprogramm gab. Das gemeinsame Schwimmen war frei gestaltet. Shoppen – überhaupt, Shoppen! – fand unbegleitet statt. Am Abend fehlte ein Programm, beispielsweise gemeinsames Spielen. «Man muss sich nicht wundern, wenn die Schülerinnen und Schüler selber Fantasie entwickeln», sagt Blindenbacher.

Viele Eltern machen die Faust im Sack nach solchen Vorfällen. Anonym bleiben wollen vor allem jene, die sich an die BaZ wenden, und sie begründen ihre Angst: «Wir haben noch ein zweites Kind an der Schule und wollen nicht, dass es unter Druck gerät.» Man könnte diesen Eltern Feigheit unterstellen. Aber der Vorwurf fällt auf die Schule zurück. Offenbar gelingt es den Pädagogen – ausgerechnet den Fachleuten auf diesem Gebiet – nicht, die Eltern und auch die Schüler davon zu überzeugen, dass Repression nicht das Druck­mittel der Schule ist.

Blindenbacher bestätigt diese Angstkultur. Im dritten Schuljahr drehe sich alles nur noch um die Noten. Die Situation habe sich verschärft, nachdem der Mindestnotendurchschnitt für den Übertritt ans Gymnasium von 4 auf 4,25 heraufgesetzt worden sei. Und nicht selten wüssten dies die Lehrer zur Disziplinierung ihrer Schüler als Druckmittel einzusetzen.

Verdrängung, fehlende Qualitätskontrollen, ausbleibendes Krisenmanagement und eine Angstkultur: Die Sekundarschule Oberwil hätte eine Reihe von Themen aktiv anzugehen.

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