Der Pinguin, der aus dem Weltraum kam

Moderne Sagen drehen sich nicht um Hexen, Teufel oder Furcht einflössende Geisterhunde, sondern sie handeln von unglaublichen Geschichten aus dem Alltag. Oder von Ufo-Entführungen. Aber das ist eher die Ausnahme.

Die Mutter des kleinen Mädchens staunte nicht schlecht, als sie an jenem Abend den Rucksack ihrer Tochter öffnete: Anstatt der Lunchbox fand sie einen hilflos dreinblickenden Pinguin. Offenbar hatte das Mädchen, das mit dem Kindergarten in den Basler Zoo gegangen war, solche Freude an den Pinguinen gehabt, dass sie kurzerhand einen der kleinen Kerle in ihren Rucksack packte. Glücklicherweise konnte das Tier dann aber noch am gleichen Abend – und ohne Schaden – in den Zoo zurückgebracht werden.

Diese unglaubliche Geschichte erzählte eine Nachbarin dem Schreibenden, mit dem Verweis, dass eine Freundin von ihr die Lehrerin des Mädchens kenne. Die Geschichte schaffte es sogar in die «Mittelland-Zeitung» vom 16. Juni 2007. Doch sie ist kreuzfalsch, wie eine Nachfrage beim Zoo Basel ergibt. Es ist eine moderne Sage, eine sogenannte «urban legend» – und es gibt sie in ähnlichen Variationen in Köln, Hamburg, England und den USA.

Schwanger im Schwimmbad

Moderne Sagen wie diese gibt es viele, und sie kursieren in den Pausenhöfen, Büros und Coiffeursalons dieser Welt. Immer sind sie einem Freund eines Freundes passiert. Oft sind sie grenzwertig, spielen mit Ängsten. Wie etwa jene in Basel kursierende Sage über das «Spermalbad Rheinfelden», laut der eine Frau im Wasser des Kurorts schwanger wurde – durch ein frei schwimmendes Spermium. Dabei sind die Geschichten keinesfalls neu, denn viele Ängste haben sich auch in Jahrhunderten nicht geändert. Die Geschichte vom Thermalbad Rheinfelden etwa wird in ähnlicher Form 1646 in Sir Thomas Brownes «Vulgar Errors» erwähnt. Nur ist es dort eine Badewanne, die ein Mann zuvor benutzt hat.

Ufos als Sonderform

Eine Sonderform der modernen Sage stellt der Ufo-Mythos dar. Der älteste Bericht einer Ufo-Sichtung in Basel stammt aus dem Jahr 1566. Ein Flugblatt berichtet davon, dass am 28. Juli schwarze Kugeln vor der untergehenden Sonne im Westen der Stadt gesehen wurden, die sich sehr schnell hin und her bewegten. Schwebten damals Ufos am Himmel des frühneuzeitlichen Basel?

Fakt ist: Die schwarzen Kugeln sind nicht die einzige angebliche Ufo-Sichtung in der Region. Es gibt unzählige Menschen, vom einfachen Angestellten bis zum Universitätsprofessor, die etwas am Himmel gesehen haben wollen. Wie etwa die von dem Hobbypilot, der am 27. März 1982 von einem «ovalen Gebilde, graustrahlend mit hellblauer Korona», verfolgt wurde, das jedes seiner Manöver zu kopieren schien. Oder die von dem Ehepaar, das im August 1986 auf seinem Balkon in Basel sass, als gegen 23 Uhr zwei Lichter am Himmel «abrupte Bewegungen» ausführten. «Eines der Objekte richtete plötzlich einen grellen, zylinderartigen ‹Scheinwerferstrahl› auf die Erde.» Dann verschwanden die Lichter.

Unmögliche Erlebnisse

Diese beiden Berichte stammen aus dem Buch «Ufos über der Schweiz» des Basler Journalisten Luc Bürgin. Für den Herausgeber des «Mysteries»-Magazins sind diese Sichtungen aber durchaus real. Bürgin bestreitet nicht, dass sich ein sehr grosser Teil der Ufo-Berichte erklären lasse. Beim Rest handle es sich aber nicht um blosse Himmelserscheinungen oder Verwechslungen. «Wenn ein Swissair-Pilot auf dem Radar etwas sieht, das einfach auftaucht und dann plötzlich in einem rechten Winkel wieder wegfliegt, was flugtechnisch eigentlich unmöglich ist, dann hat das nicht mehr viel mit einer Sage zu tun.»

Dieter Sträuli, Psychologe an der Uni Zürich, beschäftigt sich intensiv mit Ufo-Sichtungen. Er bestreitet nicht, dass viele Leute «irgendetwas» am Himmel sehen. «Auffällig ist einfach, dass als Erklärung dafür oft sehr schnell der Ufo-Mythos beigezogen wird. Dass andere, rationalere Erklärungsansätze nicht zuerst genannt werden, ist erstaunlich.» Sträuli führt die Faszination von Besuchern aus dem All auf den wissenschaftlichen Fortschritt zurück. «Im rein naturwissenschaftlichen astrophysischen Weltbild gibt es Hintergrundstrahlung, weisse Riesen und graue Materie – aber die Leute fragen sich: Wo bin ich in dem ganzen Kosmos?» Gerade in der Esoterik hätten Ausserirdische oft die Funktion, zu erklären, wer wir sind und was der Zweck unseres Daseins ist. «Sie beantworten existenzielle Fragen – im Gegensatz zur Wissenschaft, die oft viel mehr neue Fragen erzeugt als beantwortet.»

Forschung ist gespalten

In der Sagenforschung ist man geteilter Meinung, ob der Ufo-Mythos zu den modernen Sagen gezählt werden soll. Immerhin fehlt dabei die charakteristische Erzählkette vom Freund eines Freundes, und alltäglich sind Entführungen von Ausserirdischen auch nicht gerade. Trotzdem gibt es schon im Baselbieter Sagenbuch einige Geschichten, die man problemlos als eine Begegnung der dritten Art deuten könnte. Eine erzählt etwa von einem Metzger aus Ettingen, der auf weiter Flur von einer unsichtbaren Kraft ergriffen wird. Samt Hund und Kalb wird er in die Höhe gezogen – und wird nie mehr gesehen. Ist dies das Zeugnis einer Entführung durch Ausserirdische?

Von der Ruine Ränggen gibt es die Geschichte eines seltsamen, ganz in Rot gekleideten Mannes, der zuerst am Boden kniet, dann aber plötzlich sausend durch die Luft fliegt. Bald darauf kommen an dieser Stelle drei andere, ebenfalls seltsam gekleidete Männer zum Vorschein. «Auch sie knieten eine Zeit lang am Boden, worauf sie wie der erste ihre Luftfahrt antraten», heisst es in der Sage. Sind dies Berichte von technisch fortgeschrittenen Besuchern aus dem All? Oder ist alles erfunden wie die Geschichte mit dem Pinguin im Rucksack? Erfahren werden wir es erst, wenn sich die kleinen grünen Männchen erkennbar machen.

Basler Zeitung

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