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Der Mann, der Sex-Videos von Buben sammelte

Ein 37-Jähriger steht vor Gericht, weil er sich in Chats als Mädchen ausgegeben hat, um von minderjährigen Jungs erotische Aufnahmen zu erhalten.

Als Sekundarlehrer wusste er, wie er die minderjährigen Jungen manipulieren konnte. Der 37-jährige Schweizer suchte gezielt Chatforen auf, in denen sich die Jungen bewegten, um Mädchen kennenzulernen. Seit Dienstag steht der Schweizer vor dem Strafgericht Basel-Stadt und muss sich wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfach versuchter sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfacher Nötigung und mehrfacher illegaler Pornographie verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem in Basel wohnhaften Mann vor, «die Unerfahrenheit, Naivität und sexuelle Neugierde» von minderjährigen Buben ausgenützt zu haben. Die Delikte beging der Ex-Lehrer zwischen 2003 und 2013. Die Staatsanwaltschaft hat 80 bis 100 Betroffene ausfindig gemacht. Weitere konnten nicht ermittelt werden, da die Jungen sich nicht mit ihrem richtigen Namen im Netz bewegten.

Insgesamt haben die Fahnder beim Betroffenen 47670 kinderpornographische Bilder gefunden, dazu 4096 kinderpornographische Videos, hinzu kommen noch rund 100 tierpornographische Bilder und Videos. «Wir haben hier eine Datenmenge zu beurteilen, die schlicht immens ist», sagt Roland Strauss, Präsident am Strafgericht Basel-Stadt.

Keine eigenen Bilder geschickt

Der Ex-Lehrer verwendete mehrere Alias-Namen in den Chats und gab sich als gleichaltriges Mädchen aus. Er verlangte vom Opfer erotische Fotos oder Videos in eindeutigen Posen. Um die Jungen zu ködern, stahl er im Internet laszive Fotos von Mädchen, schickte diese den Buben und täuschte somit eine falsche Identität vor. Auch versprach er Aufnahmen von sich als 14-Jährige, die heiss sei auf ein erotisches Abenteuer. Die Staatsanwaltschaft beschreibt die Absicht des Beschuldigten so: «Seine Absicht zielte darauf, in seinen Opfern die Erwartung auf Fotos von sich, bei immer erotischeren beziehungsweise sexuellen Handlungen, zu wecken. Damit trachtete er sie zur Aufnahme von Nacktfotos und pornographischen Videos sowie der Vornahme sexueller Handlungen an sich selber via Live-Übertragung per Webcam zu verleiten.» Dem Lehrer gelang das mehrfach.

Bilder von sich in der wahren Identität sendete der Mann nie, auch hat er nie bekanntgegeben, wer er tatsächlich ist. Wollten die Jungen ebenfalls etwas Eindeutiges von dem angeblichen Mädchen sehen, brachte er Ausreden: Die Webcam funktioniere nicht oder sie sei gerade kaputt oder er müsse gleich weg. Bilder oder Videos erhielten sie nie.

Nicole, Camilla, Lucie

Um einschlägige Bilder zu erhalten, setzte der Beschuldigte die Jungen auch unter Druck. Er sagte zum Beispiel, er müsse gleich weg und wolle die Bilder sofort, sonst sei die Chance eines Kontaktes vertan. Die Minderjährigen, die stets im Glauben waren, sie würden mit einer Gleichaltrigen chaten und bald die 14-Jährige nackt sehen können, waren nicht selten bereit, nach detaillierten Anweisungen des Beschuldigten aufreizend oder anstössig zu posieren oder sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Die Opfer wurden auch dazu gedrängt, Dinge in Körperöffnungen zu stecken.

Buben, die skeptisch wurden oder Verdacht schöpften, er könnte ein Fake sein, beschimpfte und verhöhnte er und drohte ihnen, die Bilder und Videos im Internet zu veröffentlichen oder sie an Bekannte der Opfer weiterzuleiten. «Eine ebenfalls häufig angewandte Taktik des Beschuldigten bestand darin, seine ihm kognitiv weit unterlegenen Opfer durch rethorische Tricks zu verwirren», schreibt die Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte warf den Minderjährigen vor, ihn belogen oder «verarscht» zu haben.

Dann wurde es richtig perfid: Wenn die Minderjährigen panisch darum bettelten, dass er die Bilder oder Videos nicht veröffentliche, sagte er, es gebe eine Möglichkeit, das zu verhindern: Ihm weitere pornographische Bilder zu schicken. Die Staatsanwaltschaft schreibt hier in ihrer Anklageschrift von «einigem psychologischem Geschick», mit dem der Beschuldigte perfide seine Überlegenheit ausspielte und zu seinen Gunsten nutzte.

«Hatte nie eine feste Beziehung»

Der Beschuldigte antwortete vor Gericht gefasst und knapp den Fragen des Richters. Der Schweizer sagte, er schäme sich für sein Verhalten. Der in Allschwil aufgewachsene Mann beschreibt sich als kontaktfreudig, als jemanden, der gerne mit Leuten zusammen ist und leicht Zugang zu einer Gruppe findet, einerlei ob Erwachsene oder Jugendliche. «Wie es angefangen hat, kann ich nicht mehr sagen», sagte der Beschuldigte zum Richter. Jedenfalls war er auch auf Plattformen unterwegs, auf denen sich Pädophile tummelten, angeblich auch wegen der Musik, die dort zum Download angeboten wurde.

Oft sprach der Beschuldigte von einer realen und einer virtuellen Welt. In der realen Welt habe er nie zu Jugendlichen Kontakt gehabt, nur in der virtuellen Welt. Allerdings: Er hat noch bis 2017 Lager mit Jugendlichen geleitet und die Staatsanwaltschaft hat auf seinem Computer Fotos entdeckt, die der Mann während diesen Lagern gemacht hat; Photographieren bezeichnete er als sein Hobby.

Auf die Richterfragen, mit wem er erste sexuelle Erlebnisse hatte, wich der Mann aus. Es gab schon Männer und Frauen in seinem Leben. Heute würde er sich als bisexuell bezeichnen, sagte er. Doch eine feste Beziehung hatte er bis heute nie. Neben dem Chatleben gab es aber auch sexuelle Beziehungen. «Ich hatte das Bedürfnis nicht, heute einerseits ja, andererseits nein. Doch der Wunsch nach einer Partnerschaft ist sicherlich da.» In der Jugend schaute er oft Pornos, hatte aber auch reelle Kontakte. Ob Mann oder Frau, wollte er «lieber nicht sagen».

«Zusehen faszinierte mich»

Hat Ihnen der Kontakt im Internet sexuelle Befriedigung verschafft, fragte Richter Strauss. «Ich glaube, ja. Es war eine Faszination. Worin genau diese bestand, kann ich nicht beschreiben.» Der Richter liess nicht locker: War es die Faszination, nackte Buben zu sehen, die Sie angetrieben hat? Oder war es eine Faszination, dass die Buben ausführten, was Sie wollten? «Nein, eher das Zusehen wars, das mich fasziniert hat», sagte der Beschuldigte. Heute konsumiere er legale Pornographie quasi als Ersatz für die Kinderpornographie, die er sich jahrelang angesehen hatte. Er sehe sich aber nicht auf Entzug.

Pikant: Als Lehrer führte er Informationen durch, dass es im Internet Gefahren gebe und warnte sie genau vor dem, was er tat. War Ihnen bewusst, wie widersprüchlich Sie waren, wollte der Richter wissen. Der Beschuldigte gab an, sich nicht mehr daran erinnern zu können.

Er kannte einige der kontaktierten Minderjährigen, aus der Schule und aus dem Privatleben. Der Richter las eine Liste von Namen vor - der Beschuldigte nickte nur. Auf die Frage, warum er gerade auf diese Buben gekommen sei, wusste er keine Antwort. Unerlaubterweise in E-Mail-Konten eingedrungen, wie einige Buben es bei den Befragungen durch die Staatsanwaltschaft vermuteten, sei er nie.

Tipp aus England

Auf die Spur kamen dem Schweizer englische Fahnder, die in Foren ermittelten, wo sich Pädophile trafen und Bilder austauschten. Da war der Beschuldigt auch dabei. Die englischen Behörden gaben darauf den Schweizern einen Tipp, worauf das Verfahren ins Laufen kam. Der Mann war bis im Sommer 2018 noch als Lehrer einer Musikschule im Aargau tätig, erst nachdem die Staatsanwaltschaft die Schule über das laufende Verfahren unterrichtete, verlor er den Job. Seither ist er arbeitslos. Den Beschuldigten erwartet eine unbedingte Haftstrafe. Das Urteil ist auf Donnerstag angekündigt.

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