Das singende Luusmaitli

Als Elsbeth von Allmen vor 75 Jahren mit dem Singen begann, musste sie im Chor noch stricken. Am Samstag ist sie vom Veteranenbund beider Basel geehrt worden.

Die Chor-Veteranin Elsbeth von Allmen sitzt vor ihrem Haus, von dem aus sie direkten Blick auf Schloss Wildenstein hat.

Die Chor-Veteranin Elsbeth von Allmen sitzt vor ihrem Haus, von dem aus sie direkten Blick auf Schloss Wildenstein hat.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Wenn Elsbeth von Allmen von ihren Anfängen im Chor erzählt, kann man sie sich bildlich vorstellen. Ein Luusmaitli mit langen Haaren, das in der Schule nicht still sitzen kann, immer wieder mal einen Spruch macht und ihren Lehrer nicht ausstehen kann. Denn dieser hat ihr zwei Ohrfeigen verpasst, für etwas, das sie gar nicht getan hat. Trotzdem ist er es, der sie in einen Chor holt, ein Hobby, das sie bis heute nicht aufgegeben hat, obwohl sie seit einem Schlaganfall vor einem Jahr nicht mehr richtig singen kann.

Der Lehrer ist, zum Leidwesen der jungen Elsbeth, in ihrem Haus in Ziefen eingemietet. «Mein Vater starb während des Krieges, als ich zwölf Jahre alt war. Deshalb dachte mein Lehrer, er müsse mich auch noch erziehen», sagt Elsbeth von Allmen. Ein Fach, das sie in der Schule jedoch liebte, war das Singen. Das fällt auch dem Lehrer auf, der gleichzeitig der Dirigent des Frauenchors Ziefen war. «Am 13. Oktober 1944 wurde ich 16 Jahre alt und hatte am selben Tag meine Konfirmation. Einen Tag später fragte der Lehrer meine Mutter, ob ich nicht bei ihm im Chor singe wolle. Er sagte, selber könne er mich nicht fragen, denn dann würde ich sicher Nein sagen», erzählt Elsbeth von Allmen.

Die 16-Jährige geht hin, und die Lieder, die der Dirigent aussucht, gefallen ihr sehr. «Wir wohnten etwas ausserhalb des Dorfes. Ich konnte nirgendwo hin. So, dachte ich, kann ich im Dorf in den Ausgang.» Die Rechnung geht nicht auf: «In dem Chor sangen drei meiner Tanten. Die haben geschaut, dass ich keinen Blödsinn mache.» Auch sonst ging es sehr gesittet zu und her. Die Frauen mussten alle eine Schürze tragen. Wenn die eigene Stimme nicht mit Üben dran war, mussten sie stricken. «Wir mussten auch alle Röcke tragen, dazu hatte ich einen selbst gestrickten Pullover an. Wir waren auch frisiert wie alte Frauen. Ich sah damals älter aus als heute.»

Ein Stück Freiheit

Das Singen entspannt das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Lehrer. «Wir hatten später ein schönes Verhältnis. Ich hab sogar seine Kinder gehütet. Die Kinder hatte ich auch sehr gerne.» Gerne wäre sie Kindergärtnerin oder Kinderschwester geworden. Doch das lag für die vaterlose Familie, die sich mit Posamentern über Wasser hielt, nicht drin: «Meine Brüder durften in die Lehre, dafür musste man sogar bezahlen. Ich machte den Haushalt, arbeitete auf Bauernhöfen oder flickte Wäsche. Aber die Gesangsstunden, die waren schön. Sie waren Erholung und ein kleines bisschen Freiheit.»

Doch auch im Chor fällt die junge Elsbeth manchmal aus der Reihe. «Als die älteren Frauen gehen mussten, kam eine jüngere Frau, die hatte Pfiff. Wir beschlossen, keine Schürze mehr zu tragen und auch nicht mehr zu stricken.» Als die Pfarrersfrau, trotz Verbots des Pfarrers, an einem kalten Tag in Hosen statt in einem Rock zur Kirche geht, bricht auch dieses Tabu: «Als ich mit Hosen in den Chor kam, gingen meine Tante zu meiner Mutter und stauchten sie zusammen. Meine Mutter musste weinen.»

«meine grosse Liebe»

Aus dem Frauenchor Ziefen wurde der Töchterchor Ziefen. Nach einer Fusion gehörte dieser zum Frauenchor Bubendorf, später zum Gemischten Chor Bubendorf. Elsbeth von Allmen war immer dabei. Als ihre Kinder klein waren, schaute ihr mittlerweile verstorbener Mann, «meine grosse Liebe», ein Chorsänger im Männerchor, zu Hause zum Rechten. Bisvor einem Jahr sang sie auch im Veteranenchor.

Das frühere Luusmaitli scheint noch heute durch. Fröhlich bittet die 90-Jährige herein, schäkert mit dem BaZ-Fotografen. Er trägt Bart, das gefalle ihr. Sie wohnt idyllisch in einem Häuschen direkt neben dem Schloss Wildenstein. Ihre Tochter lebt mit ihrem Mann gleich nebenan und sorgt für sie. Elsbeth von Allmen hat 5 Kinder, 13 Enkel und 12 Urenkel.

Noch immer dabei

Als sie diesen Oktober 90 Jahre alt wurde, kamen 150 Leute – und natürlich trat auch ihr Chor auf. «Ich hab mir schon gedacht, dass sie auftauchen», sagt Elsbeth von Allmen grinsend. Denn obwohl sie seit ihrem Schlaganfall vor einem Jahr nicht mehr singen kann, wird sie jede Woche von Mitsängern abgeholt: «Ich darf zuhören, wenn sie üben. Im Kopf kann ich alles mitsingen. Auch auf Reisen nehmen sie mich mit.» Dass sie nicht mehr singen könne, sei ihre grösste Behinderung. «Doch es tut mir gut, zuzuhören.»

Das Singen habe ihr geholfen, fröhlich zu bleiben. «Der Tod meines Vaters war schon sehr traurig, ich war ein Babbi-Kind, doch das Singen hat geholfen. Man soll nicht immer nur das Schlechte sehen, sonst kann man ja nie fröhlich sein.» In ihrem Leben habe es mehr Gutes als Schlechtes gegeben: «Und das Singen gehört zum Guten.»

Veteranen-Ehrung

Diesen Samstag ernannte der Veteranenbund seine neuen Sängerveteranen. In diesem Jahr hatte es 50 Jubilare, die ihr 25-, 35-, 40-, 50-, 60-, 70- oder, wie Elsbeth von Allmen, ihr 75-Jahr-Jubiläum feiern konnten. Der Veteranenbund ist eine Untersektion des Chorverbandes beider Basel, dem auch ein eigener Chor, der Veteranenchor beider Basel, angegliedert ist.

Basler Zeitung

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