Silberwasser macht Baselbieter blauviolett

Weil das Blut eines Mannes einen zu hohen Silbergehalt aufwies, hat sich seine Haut verfärbt. Wie sich herausstellte, liegt die Schuld bei einem Gerät, das Trinkwasser in ein Allheilmittel verwandeln soll.

Blau angelaufen: Auch dieser Amerikaner hat eine für die Argyrie typische blaue Hautverfärbung.

«Sein Gesicht war blauviolett, das hatte ich in meiner langjährigen Praxis noch nie gesehen», berichtet der Hausarzt von R. B. der BaZ. Nach intensiven Abklärungen und Gesprächen mit dem Patienten, bei denen er erst spät erfuhr, dass dieser regelmässig Silberwasser trank, kam er der Krankheit auf die Spur: Argyrie (von griechisch Silber) ist eine irreversible Verfärbung der Haut und der Schleimhäute, die durch die Einnahme von Silber entsteht. Das Farbspektrum reicht von schiefergrau, graubläulich bis zu violett.

R.B., mit dem die BaZ sprechen konnte, erinnert sich. «Etwa vor einem halben Jahr bemerkte meine Frau, dass sich mein Gesicht bläulich verfärbt.» Den Grund für das seltsame Phänomen kennt er nun. Seit fünf Jahren trinkt B. jeden Morgen ein Glas Silberwasser. Dieses stellte sich der Baselbieter mit dem Gerät «Pocket Silver» selber her. «Pocket Silver» dient der Anreicherung von Trinkwasser mit Silberionen.

Schwächung der Sehkraft

Der Fall von R. B. hat jetzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zu einer öffentlichen Warnung vor der Verwendung des Geräts «Pocket Silver» bewogen. Das BAG empfiehlt, «das Gerät nicht zu verwenden». Denn: «Durch die erhöhte Silberzufuhr können Ablagerungen von Silbersalzen in Haut, Schleimhaut und verschiedenen Organen – wie Nieren und Augen – entstehen.» Dadurch könne es zu einer bleibenden schiefergrauen Hautfärbung oder einer Beeinträchtigung des Sehvermögens kommen, schreibt das BAG in seiner Warnung. Es empfiehlt Per­sonen, welche dieses Gerät verwendet und Verfärbungen der Haut oder eine Beeinträchtigung des Sehvermögens festgestellt haben, einen Arzt auf­zusuchen.

Ausser der Hautverfärbung hat R. B. bisher keine negativen Symptome bei sich feststellen müssen. Je nach Wetter verhalte sich seine Haut unterschiedlich: «Wenn ich bei der jetzigen Kälte spazieren gehe, wird sie deutlich dunkler», berichtet er der BaZ. Behandeln lässt sich seine Krankheit nicht. Er wird mit seiner verfärbten Haut leben müssen. «Wenn ich spazieren gehe, schauen mich die Leute komisch an», stellt R. B. fest. Dennoch verzichte er nicht auf seine Spaziergänge, sagt der Rentner. In der Literatur hingegen sind Fälle bekannt, wo Argyrie wegen der gesellschaftlichen Stigmatisierung zu schweren psychischen Problemen führt.

Trotz Verbot im Internet angeboten

Der Hausarzt von R. B. fand mithilfe der klinischen Pharmakologie des Universitätsspitals Basel und eines deutschen Speziallabors die Ursache heraus: Der Silbergehalt im Blut von R. B. lag über 200-mal über dem Normwert. Sofort schaltete der Arzt den Baselbieter Kantonsarzt ein, der seinerseits das kantonale Labor alarmierte. «Wir haben daraufhin den Fall ans Bundesamt für Gesundheit gemeldet», sagt der Baselbieter Kantonschemiker Peter Wenk.

Da eine Gesundheitsgefährdung vorliegt, habe er zudem ein Verkaufsverbot erlassen und den Fall an Liechtenstein übergeben, das wiederum der dortigen Vertriebsfirma den Verkauf verboten habe. Offenbar sei das Gerät weit verbreitet, so Wenk. Mit seiner Warnung wolle das BAG darum möglichst viele Benutzer erreichen. Abgeklärt werden müsse auch, ob es weitere Hersteller gebe, welche ähnliche Geräte vertreiben.

Trotz des Verbots durch den Bund gab es auch gestern noch das Angebot eines schweizerischen Verkäufers im Internet. Für 349 Franken plus Porto bietet er den «Original Pocket Silver» an und verkündet vollmundig: «Wegen des grossen Wirkungsspektrums von Silberkolloid kann es bei über 650 Krankheitserregern erfolgreich eingesetzt werden.» Seine Liste der behandelbaren Krankheiten umfasst zwischen Grippe und Geschlechtskrankheiten fast alles, was es zwischen Himmel und Erde gibt. Und schliesslich behauptet er: «Nebenwirkungen konnten auch bei hohen Konzentrationen und Langzeitanwendungen keine festgestellt werden.» R. B. hingegen hat andere Erfahrungen gemacht. Er, der das Gerät nicht gegen eine bestimmte Krankheit einsetzte, sondern «weil ich glaubte, dass es mir guttut», lässt seine Finger davon.

Interessant ist die Geschichte hinter der Krankheit. So war Argyrie bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts noch nicht so selten wie heute. Vor dem Aufkommen der Antibiotika war Silber in vielen Heilmitteln enthalten. Und weil Adelige früher aus Silbergefässen assen, wurden sie mit ihrem bläulichen Teint zu den im Volksmund bekannten Blaublütern.

Basler Zeitung

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