Schüler ertrinken im englischen Sprachsee

Wie das Baselbieter Bildungssystem scheitert: Das zeigt das Beispiel des neuen Englischlehrmittels «New World», das für junge Kinder völlig ungeeignet als Lehrmittel ist.

«Tatsachen komplett ausgeblendet». Das Urteil des Aescher Englischlehrers Philipp Loretz ist vernichtend.

«Tatsachen komplett ausgeblendet». Das Urteil des Aescher Englischlehrers Philipp Loretz ist vernichtend.

(Bild: Stefan Leimer)

Daniel Wahl

Wenn man die Missstände im Baselbiet an einem Buch zeigen will, dann blättere man durch das neue Englischlehrmittel «New World».Flächendeckend will das Baselbiet das Lehrmittel zum Erwerb der englischen Sprache einführen. Damit hat sich der Bildungsrat für ein Werk entschieden, das von Fachpersonen hart kritisiert wird und noch vor der definitiven Einführung zu einer Motion von Caroline Mall (SVP) geführt hat, mitunterzeichnet von sechs weiteren Landräten. Sie verlangen «Lehrmittelfreiheit».

«New World» steht auch für haus­gemachte Probleme: Nur sechs Kantone in der Schweiz führen Englisch in der fünften Klasse ein . Darum gibt es auch nur wenige Lehrmittel, die auf den Reifegrad eines Elfjährigen zugeschnitten sind. Nochmals dünner wird die Auswahl an verfügbarem Lehrmaterial, weil das selektionierte Lehrmittel der Ideologie des Lehrplans 21 entsprechen und «kompetenzorientiert» sein muss.

Nun ist es gekommen, wie es kommen musste: Auf die Schnelle hat der Bildungsrat ein Lehrmittel durchgewinkt, ohne über eine Wirksamkeitsstudie zu verfügen. Insofern steht «New World» auch für die überhastete Bildungspolitik im Baselbiet – ein weiterer Akt der Bildungsmisere, die nun von Landräten gestoppt oder infrage gestellt wird.

Ertrinken oder überleben

Welche Philosophie steht hinter «New World»? Man darf es sich bildlich wirklich so vorstellen: Man nehme junge Nichtschwimmer, werfe sie in einen See und schmeisse ihnen eine Schwimmanleitung nach. Dabei hofft der Pädagoge vom Ufer aus, dass die Kinder während des Lesens der Anleitung im Wasser nicht ertrinken. Wer überlebt, hat schwimmen gelernt.

Dieses Bild entspricht dem Konzept von «New World». Gerne spricht man vom englischen Sprachbad, das Schüler erleben – und «by the way» Englischkompetenzen erwerben sollten. Das basiert auf der Vorstellung, dass Kinder in mehrsprachigen Familien die Zweitsprache mühelos, fast traumwandlerisch erwerben. Dass die Volksschule ein solches Sprachbad anbieten kann, gehört zur Selbstüberschätzung der Bildungsverantwortlichen, die diese Philosophie propagieren. «Die Tatsache, dass zweimal 45 Minuten Englisch pro Woche rein gar nichts gemein haben mit einem permanenten Sprachbad, wie es beim Erwerb der Muttersprache der Fall ist, wird vom Autorenteam, von der Projektleitung und von den Bildungsverantwortlichen konsequent ausgeblendet», kritisiert Philipp Loretz.

Loretz, qualifiziert mit dem Cambridge Certificate of Proficiency, unterrichtet an der Sekundarschule in Aesch, ist Vater zweier schulpflichtiger Kinder und Geschäftsleitungsmitglied des Baselbieter Lehrerverbands (LVB). Er hat sich intensiv mit «New World» beschäftigt und den Mitgliedern des Bildungsrats seine Expertise zukommen lassen. Sein Fazit ist vernichtend: «Das Lehrmittel überfordert die Primarschüler systematisch und kann nur gebraucht werden, wenn der praxisorientierte Lehrer die Defizite von ‹New World› permanent ausgleicht.»

Nach seiner Untersuchung und ­seiner Kritik gibt es auch eine gute Nachricht vorweg: Die Mehrheit des Basel­bieter Bildungsrats ist gewillt, nochmals über die Bücher zu gehen: «New World» gilt nicht mehr – wie ursprünglich geplant – als definitiv eingeführt. Und dennoch: In den fünften Primarklassen wird mit dem umstrittenen Werkzeug an den ­Kindern herumlaboriert.

Verzettelung im Schulalltag

Alleine schon die Tatsache, dass die Kinder das Buch, ein Activity-Heft, Worksheets, eine CD-Rom und zusätzliche Arbeitsblätter ausgehändigt bekommen – also an fünf verschiedene Komponenten für ein Fach denken müssen –, werde für die Elfjährigen zur ­Herausforderung, sagt Loretz. Einige Kostproben aus dem Lehrmittel, die Loretz exemplarisch herausgefiltert hat, zeigen, dass den Schülern systematisch zu viel zugemutet wird.

Es beginnt bereits im ersten Kapitel (Unit 1). Hier werden die Anfänger mit einem Würfelspiel konfrontiert, das den Kindern gleich die englischen Zahlen von 1 bis 100 vor den Kopf wirft. Eine Spielanleitung auf Englisch liest sich für die «absolute beginners» in ihren ersten Englischstunden so: «Throw the dice, move forward and read the number of your square in English. If the number you say is correct, you can move forward one square. If the number is wrong, you move back one square. You can play a more difficult version of this game. Ask your teacher to give you the copy sheet.» Im selben Stil geht es in «New World» weiter.

Der Kompetenz-Knüller

Bereits eine Unit später – nach rund 20 Lektionen à 45 Minuten – wird von den Schülern eine erste «Project task» (Projektarbeit) verlangt. In Gruppen müssen die Lernenden anhand einer anspruchsvollen Checkliste im Umfang einer A4-Seite ein «Sports poster» gestalten – schriftlich, in der Ziel­sprache, versteht sich. «Derart komplexe Aufträge überfordern so manchen ­Primarschüler heillos», sagt Loretz.

In der dritten Unit wartet das Buch mit einer weiteren «Project task» namens «An exhibition in our art ­gallery» auf. Es soll die Kinder befähigen, die englische Sprache «zu verstehen und zu gebrauchen», unter Berücksichtigung der angeblich unterschiedlichen Lernniveaus. Der Kompetenz-Knüller folgt nach 13 auf Englisch verfassten Einzelanweisungen: «Enjoy the exhibition. Talk to the other about your painting.» («Freue dich über deine Ausstellung. Sprich mit den anderen über dein Gemälde»). Loretz: «Es ist absurd, Schüler über ein Thema sprechen zu lassen, obwohl ihnen das dazu notwendige Vokabular fehlt. Das verdeutlicht nur eines: Es werden überhöhte An­forderungen an die Lernenden gestellt. Im ganzen ersten Band befinden sich die Schüler in der ungemütlichen Lage, Gruppendiskussion führen zu müssen und Präsentationen zu halten, ohne über die dafür notwendigen Strukturen und den Wortschatz zu verfügen», ­analysiert Philipp Loretz.

Defizite längst bekannt

Nach ersten Rückmeldungen aus dem Kanton Bern räumen die Lehrmittel-Entwickler in einem Interview mit dem Schulmagazin Berner Schule ein, tatsächlich steil in die Sprache eingestiegen zu sein. «Das Lehrmittel ist grundsätzlich sehr gut angekommen», sagen sie zuerst, um erst dann zur Sache zu kommen: «Vor allem der Einstieg hat Schwierigkeiten verursacht, dieser war für einige Schülerinnen und Schüler wohl zu anspruchsvoll», wie «New World»-­Redaktorin Barbara Wuthier erklärt.

Loretz ist wenig zuversichtlich, dass eine grundsätzliche Überarbeitung des Lehrmittels ins Auge gefasst wird. Im Interview des Schulmagazins mit den Autoren kommt nämlich weiter zum Ausdruck, dass sich die Entwickler dagegen sträuben, dass ihr Werk zu sehr vereinfacht würde.

Einfacher wird es für die Kinder auch im zweiten Band nicht. Mit «authentischen» und «lebensnahen» Texten, wie für «New World» geworben wird, soll das Textverständnis gefördert werden. Was damit gemeint sein könnte, zeigt das Lehrmittel anhand eines Textes über Jeans. So sollen die Schüler im 30 Zeilen langen Text zur Hose erfahren, welche Rollen die Herren Strauss und Davis dabei gespielt und welche Gründe – vom Goldrush über den Film «Rebel Without a Cause» bis hin zur Teenage-Rebellion – zur Verbreitung von Jeans geführt haben. «Unter lebensnah verstehe ich etwas anderes», sagt Loretz trocken. Und die erste Arbeitsanweisung lautet (kein Witz): «Bevor du einen Text liest, überlege dir, was darin stehen könnte.»

Ein solch lebensferner Text könnte für Primarschüler immerhin noch in einfachen Worten daherkommen. Darauf wird verzichtet. Loretz hat gezählt: 50 neue Wörter, lange Sätze, bereits Haupt- und Nebensätze, Passivkonstruktionen, zwölf unregelmässige Vergangenheitsformen und neben dem Simple Past drei weitere Zeiten: Past Continuous, Present Perfect und Simple Present.

Geschmückt wird das Ganze mit phrasenhaften Aufträgen wie «Übernimm Sätze und Redewendungen und verwende sie in der Alltagssprache.» Oder: «Lass in deinem Kopf eigene Bilder entstehen und nutze sie zum Schreiben.»

Der Kompetenzideologie verhaftet

Stutzig macht, dass der Baselbieter Bildungsrat «New World» ohne Wirksamkeitsstudie eingeführt hat. Er stützte sich einerseits auf einen Evaluationsbericht von Lisa Singh und Daniel Elmiger. Wie allerdings die erhältliche Kurzfassung zeigt, vermochte «New World» nicht zu überzeugen. «Die allgemeine Zufriedenheit der Lehrpersonen mit dem neuen Fremdsprachenunterricht ist im laufenden Praxistestjahr im Vergleich zu den Vorjahren gesunken. Am deutlichsten zeigt sich dieser Trend bei den Englischlehrpersonen, wo nur noch ein Drittel der Lehrpersonen allgemein mit dem neuen Englischunterricht zufrieden ist», heisst es. Und weiter führt der Evaluationsbericht an: «Etwas mehr als die Hälfte der Englischlehrpersonen hält das Lehrmittel ‹New World› für ihren Unterricht als geeignet, wobei auch hier die Anzahl der Lehrpersonen, die dieser Meinung sind, im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gesunken ist.» Eine ungewöhnlich tiefe Zustimmungsquote.

Grotesk ist aber, dass sich der Baselbieter Bildungsrat in Zusammenarbeit mit der Lehrmittelkommission Primarstufe auch auf einen Schlussbericht der Zürcher Bildungsdirektion stützt, der zwar 37 Lehrmittel analysiert, aber das Lehrmittel «New World» gar nicht berücksichtigt hat. Das stellt die Entscheidungsqualität des Baselbieter Expertengremiums schwer infrage.

Und als ob die Baselbieter Schüler fürs Wirtschaftsleben bewusst nicht vorbereitet werden sollen: Es war ausdrücklich Wunsch, ein Lehrplan-21-orientiertes Lehrmittel einzuführen und kein Zertifikat-orientiertes, das den Schülern die Grundlage böte, dereinst das weltweit anerkannte «First Certificate» oder «Advanced» zu erwerben. Ein Lehrplan-21-Sprachbad, in dem Schüler zu ertrinken drohen, scheint wichtiger zu sein.

Basler Zeitung

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