Schlaflose Nächte wegen Baselbieter Windkraft

Die Arbeitsgemeinschaft für dezentrale Energieversorgung (Adev) betreibt seit Kurzem eine Windkraftanlage im jurassischen Saint-Brais. Jetzt werden Klagen über Lärmbelästigungen laut.

Zu nahe: Die Windräder sind nur 300 Meter von den nächsten Häusern entfernt. Deutschland ist viel restriktiver.

Zu nahe: Die Windräder sind nur 300 Meter von den nächsten Häusern entfernt. Deutschland ist viel restriktiver.

«Der Lärm ist unerträglich, wir haben Kopfschmerzen und können nicht mehr schlafen», klagt Philippe Queloz. Zusammen mit seiner Frau führt er den Kampf gegen die beiden lauten Windräder der in Liestal domizilierten Arbeitsgemeinschaft für dezentrale Energieversorgung (Adev) an. Und es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Ein halbes Jahr habe es gedauert, «bis wir die Unterlagen zur Betriebsbewilligung erhalten haben, die uns als Bürger zustehen». Mit einem Juristen klärt Queloz die Rechtslage ab. Den politischen Kampf will er nicht aufgeben. Zurzeit sei ein menschenwürdiges Wohnen in Saint-Brais nicht möglich.

Nicht alle in der 220-Seelen-Gemeinde denken so. Zwar wird der Lärm nicht bestritten. Die Einnahmen, die die Konzession für die Windkraftanlage in die Gemeindekasse spült, ist aber den Behörden von Saint-Brais hochwillkommen. In Saint-Brais manifestiert sich der Zielkonflikt zwischen ökologischer Stromproduktion einerseits, Menschen- und Naturschutz andererseits. Und mittendrin steht der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer. Als früherer Adev-Betriebsleiter und heutiger Verwaltungsratspräsident trägt er für das Projekt die Verantwortung. Er hebt dessen Vorteile hervor: Die Anlage produziere rund zehn Prozent des Strombedarfs von Delsberg.

Falsche Verspechungen

Nussbaumer betont, dass bei der Realisierung alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden. Das habe auch ein kürzlich erstelltes drittes Gutachten ergeben. Nussbaumer räumt ein, dass «sich ein kleiner Teil der Bewohner von Saint-Brais vom Lärm gestört fühlt». Er habe Verständnis dafür, dass in einem Ort, der sehr ruhig war, die Windräder «subjektiv als Lärmquelle empfunden werden». Die Adev arbeite aber «trotz klarer Rechtslage» an Optimierungen. «Wir haben einen Bürger-Windpark realisiert, den wir nicht gegen die Bürger betreiben wollen.» Der Lärm entstehe bei sehr starkem Wind, stellt Nussbaumer fest. Darum wolle man die Leistung der Anlage weiterhin drosseln.

Die Planung und Realisierung sei «aus damaliger Sicht optimal gewesen», sagt Nussbaumer, merkt aber selbstkritisch an, «dass wir rückwirkend betrachtet einige Dinge anders machen würden.» So hätte es bei der Positionierung der beiden Windräder andere Möglichkeiten gegeben. Allerdings sei der Spielraum gering gewesen: «Wir hätten sie vierzig oder fünfzig Meter verschieben können.» Queloz hingegen kritisiert, dass vor der Realisierung der beiden Windräder Versprechen bezüglich Lärm- und Landschaftsschutz gemacht worden seien, die «nicht eingehalten wurden». Im Jura «stecken die Behörden mit der Windkraftlobby unter einer Decke», kritisiert er. So werde in Deutschland zwischen Wohngebiet und Windpark ein Abstand von 1000 bis 1500 Meter verlangt.

Diesem Argument widerspricht Nussbaumer nicht. Das sei allerdings kein gesetzliches Erfordernis, dazu sei es erst nach Gerichtsurteilen oder aufgrund lokaler Planungsvorgaben gekommen: «Es gibt auch in Deutschland Windkraftanlagen, die viel näher bei bewohntem Gebiet liegen.»

«Reiche Städte verschandeln den Jura»

Der Darstellung in der Baselbieter Chronik 2009, wonach die Adev ihre Windkraftanlage in Saint-Brais gebaut hat, «da im Kanton Jura die Gesetzgebung Windräder sehr einfach zulässt», widerspricht Nussbaumer. Nicht die Gesetzgebung sei einfacher, die Raumplanung im Kanton Jura sei besser, weil sie schon sehr früh geeignete Windkraft-Standorte ausgeschieden habe: «Und ein solcher Standort ist die Krete bei Saint-Brais.»

Saint-Brais sei kein Einzelfall, stellt Windkraftkritiker Queloz fest. Die Windkraftpolitik trage «kolonialistische Züge»: «Die reichen Städte wie Basel oder Zürich verschandeln für ihre Energiebedürfnisse den armen Jura.» Und wenn der Jura einmal mit Windrädern zugebaut sei, «dann kommt kein Basler Tourist mehr in die Freiberge».

Basler Zeitung

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