Plötzlich hockt einer alleine am Tisch

Dreieinhalb Jahre Rauchverbot im Baselbiet: Dorfbeizen, Bars und Discos leiden am meisten. Manche Lokale beklagen einen Umsatzrückgang von bis zu 60 Prozent.

Stammtisch in Gefahr: Wenn Kaffee oder Bier und Tabak nicht mehr zusammen dürfen, bleiben die Gäste aus.

Stammtisch in Gefahr: Wenn Kaffee oder Bier und Tabak nicht mehr zusammen dürfen, bleiben die Gäste aus.

(Bild: Keystone)

Peter de Marchi

Seit dreieinhalb Jahren darf in den Baselbieter Restaurants nicht mehr geraucht werden – ausser in unbedienten Fumoirs. In der Stadt ist vor wenigen Wochen die Ära der Fumoirs zu Ende gegangen, und schon werden Umsatzeinbussen beklagt, muss Personal entlassen werden. Auch wenn aus dem Kanton Baselland nicht viel zu hören ist, das Rauchverbot ist auch an den Baselbieter Beizen nicht spurlos vorbeigegangen. Stichworte: Umsatzeinbussen, soziale Verluste und Innovation.

Marcel Blättler ist Wirt im Restaurant Leue in Waldenburg und Vizepräsident von Gastro Baselland. Als Speise­lokal spüre er das Rauchverbot nicht so stark. Er müsse sich für seinen Betrieb aber immer wieder Neues einfallen lassen. «Die Wirte müssen innovativer sein als früher; sie müssen auf regionale Produkte, auf hohe Qualität, auf Weltküche und Erlebnisgastronomie setzen.» Im Bezirk Waldenburg stellt er denn auch einen Trend in Richtung Gourmetlokale fest. Marcel Blättler erwähnt den «Hirschen» in Diegten oder das «Talhaus» und den «Murenberg» in Bubendorf.

Die traditionellen gemütlichen Dorfbeizen dagegen hätten es schwerer, sagt Blättler. Er meint die Beizen mit einem Stammtisch, an dem nach Feierabend geraucht, getrunken und diskutiert wird. Die kleinen Beizli seien von grosser sozialer Bedeutung. «Es tut mir weh, wenn ich sie immer mehr verschwinden sehe.»

Cognac und Kirsch fallen weg

Die Speiserestaurants aber scheinen ein Problem gemeinsam zu haben: Die Leute bleiben nicht mehr sitzen. Das sagt Marcel Blättler, aber auch Hansruedi Werdenberg, Wirt im Allschwiler Restaurant Rössli. Zum Essen kämen die Leute wie früher. Doch das Restaurant könne am frühen Abend bis zum letzten Platz voll sein, nach 22 Uhr seien die Leute weg. Früher seien sie viel länger sitzen geblieben, hätten vielleicht noch eine weitere Flasche Wein, einen Kaffee mit einem Kirsch oder einem Cognac getrunken. «Wir müssen die Gäste gegen Mitternacht nicht mehr hinauskomplimentieren.» Das schlage sich auch auf den Umsatz nieder.

Eine klassische Dorfbeiz ist das «Schwyzerhüsli» in Gelterkinden. Wirtin Elisabeth Mundwiler führt die Beiz seit 30 Jahren und will sie auch als klassische Dorfbeiz weiterführen, «nach traditionellen Werten», wie sie selber sagt. Das aber hat seinen Preis. Ob Morgenkaffee oder Feierabendbier, die Leute würden vermehrt zu Hause bleiben. Das mindere den Umsatz. Daran stört sich Elisabeth Mundwiler nicht einmal so sehr. «Das Rauchverbot zerstört die Atmosphäre», sagt sie. Am Stammtisch sitzen acht Leute, plötzlich sitzen zwei ganz alleine vor ihrem Bier, die andern stehen draussen und rauchen. «Das Rauchverbot reisst die Leute in einer geselligen Runde auseinander.»

Markus Schär, Wirt im Liestaler Res­taurant Krone, ist in einer vergleichsweise komfortablen Situation und verzeichnet kaum einen Gästeschwund. Aber Schär musste investieren: Aus dem früheren Spielsalon wurde ein unbedientes Fumoir, vor dem Restaurant liess er eine allwettertaugliche Store montieren. So können die Gäste vor der Türe rauchen und sind trotzdem geschützt vor Regen, Schnee und Wind.

Feierabend ist kein Problem mehr

«Ich habe nicht weniger Gäste als früher», sagt Markus Schär. Generell würden in Liestal nicht viele Wirte über das Rauchverbot klagen. Der «Krone»-Wirt glaubt sogar, dass er jetzt Gäste verlöre, wenn er das Rauchverbot wieder aufheben würde. Aber auch er sagt, dass es ungemütlicher geworden sei, weil die Leute oft draussen auf der Terrasse stehen, und dass er keine Probleme mehr hat mit dem Feierabend. Nach 23 Uhr habe er nicht mehr viele Gäste im Restaurant.

Die Leute feiern ihre Partys zu Hause, sagt Dieter Wanner, Wirt im Sissacher Billiard- und Music-Club Joker. Seit dem Rauchverbot verzeichnet der Beizer einen Umsatzrückgang von rund 60 Prozent – obwohl er die zweite Bar in ein unbedientes Fumoir umgewandelt hat. Im Sommer schliesse er den Club für drei Monate, da komme eh keiner vorbei.

Nicht ganz so dramatisch ist die Situation im Aescher Jackson’s Pub. Aber doch: Das Rauchverbot habe anfangs zu einem Umsatzeinbruch von 25 Prozent geführt, sagt Wirt Jean-Claude Gürtler. «Auch ich musste Leute entlassen.» Mittlerweile habe sich die Lage etwas eingependelt, das Umsatzminus sei nicht mehr ganz so hoch, bestehe aber weiter. Gürtler hatte auch das Glück, einen Raum für relativ wenig Geld in ein Fumoir umwandeln zu können. «Die Basler Fumoir-Beizer sind heute an dem Punkt, an dem wir vor dreieinhalb Jahren standen.»

Basler Zeitung

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