Kandidat Chancenlos

Samuel Mathys bewirbt sich trotz fehlender Erfolgsaussichten für den Baselbieter Regierungsrat.

Der Bleistift ist symbolträchtig: Was Samuel Mathys damit aufschreibt, lässt sich dank dem Radiergummi wieder anpassen.

Der Bleistift ist symbolträchtig: Was Samuel Mathys damit aufschreibt, lässt sich dank dem Radiergummi wieder anpassen.

(Bild: Jan Amsler)

Jan Amsler

Das dunkle, gemusterte Hemd ist 30 Jahre alt. «Kein Witz! Aber es gefällt mir. Es ist bequem, wirkt anständig und ist immer noch völlig in Ordnung», sagt Samuel Mathys und lächelt. Die Hosen hat er vor 20 Jahren gekauft – «als ich mit meiner Schwester im VW-Bus durch Italien reiste». Er trägt die Kleider mit Überzeugung. «Heute wird überall suggeriert, was man alles brauche, um glücklich zu sein», sagt er, nun ohne zu lächeln. «Das ist gefährlich. Es ist wichtig, das eigene Denken nicht auszuschalten.»

Mathys, 43 Jahre alt, sitzt am Tisch in der Stube des alten Bauernhauses an der Hauptstrasse von Muttenz. Hier wohnt er, zusammen mit seinen Eltern. Die Ausstattung ist altmodisch: ein Biedermeiersofa, ein Kachelofen, ein Klavier, ein antikes Buffet.

Das selbstständige Denken, die Sparsamkeit und die Bescheidenheit seien Eigenschaften, die sich auch in seiner politischen Haltung widerspiegeln würden, sagt Mathys. «Ausserdem bin ich ehrlich und fleissig und bringe neben Kompetenz auch Teamfähigkeit und Menschlichkeit mit.» Trotz diesem Werbespot dürfte Mathys an den Regierungsratswahlen vom 31. März chancenlos bleiben. Schon Tom Kreienbühl, der Pilot, der auf zwei Drittel seines Honorars verzichtet hätte, landete 2015 im Kampf um einen Sitz mit 2800 Stimmen abgeschlagen auf dem letzten Platz. Selbst der bekanntere Aussenseiterkandidat, Matthias Imhof von der BDP, kam nur auf 9000 Stimmen. Zum Vergleich: Das absolute Mehr lag bei rund 23 000 Stimmen. Unter den «Diversen» versammelten sich deren 11 400.

Kompromiss in der Mitte

Mathys macht sich keine allzu grossen Hoffnungen, gewählt zu werden. Seine Kandidatur sei aber kein Scherz. Ihm sei wichtig, dass die Stimmbürger eine echte Wahl haben: «Die vier Bisherigen haben ihren Job gut gemacht. Es geht bei dieser Wahl vor allem um den fünften Sitz. Während Kathrin Schweizer sehr links und Thomas de Courten sehr rechts politisiert, biete ich einen Kompromiss in der Mitte an.» Mathys ist parteilos. Müsste er sich für eine Partei entscheiden, würde er sich am ehesten bei der FDP sehen.

Dass ihm Dossierkenntnisse fehlen, gibt Mathys offen zu. Zwar könne er nicht zu allen politischen Fragen eine fundierte Antwort geben. Oft beginnen seine Sätze mit: «Hmm, schwierig zu sagen.» Doch er gewähre Einblicke in seine Denkvorgänge. Als Regierungsrat, sagt Mathys, würde er versuchen, die Bürger stärker einzubinden: «Dadurch lassen sich vielleicht Leerläufe in der Verwaltung vermeiden.»

«Wir haben ihn gern, egal, wie es ausgeht»

Sein Umfeld habe seinen Entscheid, zu kandidieren, mutig und toll gefunden. Auch seine Mutter, Elisabeth Mathys, 83-jährig, steht hinter ihm. «Er hat Freude daran, das ist die Hauptsache. Wir haben ihn gern, egal, wie es ausgeht», sagt sie. Er wisse schon, was er da tue. In der Schule, fährt sie fort, sei ihr Sohn sehr gut gewesen. «Wir mussten kaum etwas dafür machen.»

Dass er, politisch ein Nobody, sich mit seiner Kandidatur lächerlich machen und sich dadurch etwas verbauen könnte, befürchtet Mathys nicht: «Ich nehme nur mein passives Wahlrecht wahr.» Und nach dem 31. März sei er ohnehin bald wieder vergessen. Er könne also nur gewinnen: «Ich kann Erfahrungen sammeln, meine Meinung abgeben und erhalte ein Feedback.»

«Meinungen revidieren»

Vergangenes Jahr ist Mathys' Namen im Zusammenhang mit einer umstrittenen forensisch-psychiatrischen Wohngruppe in Binningen in den Zeitungen gestanden. Er war der Heimleiter. Seit der Auflösung der WG Ende Juli renoviert er das Bauernhaus seiner Grosseltern in Pratteln. Das sei günstiger, als wenn er arbeiten und dafür Handwerker anstellen würde. Möglicherweise wird er dort selber einmal einziehen. Noch will der Pflegefachmann aber für seine Eltern da sein.

Vor seinem Engagement in der Binninger Wohngruppe hatte er unter anderem bei der Spitex und in den Universitären Psychiatrischen Kliniken gearbeitet, erzählt er. Noch früher war er, im ersten Abschluss Rechtswissenschaftler, juristischer Sachbearbeiter bei der Bezirksschreiberei.

Auch Mathys hat, wie die anderen sechs Regierungsratskandidaten, für das Foto einen persönlichen Gegenstand in der Hand: einen Bleistift mit Gummi. «Damit kann man Informationen und Meinungen sammeln und symbolisch sich selber oder andern etwas hinter die Ohren schreiben. Der Gummi steht für Reflexion: Meinungen lassen sich revidieren, und was man aufschreibt, ist nicht in Stein gemeisselt.»

Basler Zeitung

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