Der Störenfried

Blogger Manfred Messmer ist im Baselbiet zum politischen Faktor geworden. Der Arlesheimer sieht sich als «Teil des Politzirkus, aber unabhängig».

Kontroverser Blogger: Trotz der Aufforderung wird Manfred Messmer fleissig gelesen.

Kontroverser Blogger: Trotz der Aufforderung wird Manfred Messmer fleissig gelesen.

(Bild: Dominik Plüss)

«Politik finde ich langweilig», steigt Manfred Messmer ohne Frage direkt ins Gespräch ein. Die Aussage erstaunt insofern, als dass der 65-Jährige seit Jahren mit seinem Blog arlesheimreloaded in genau diesem Bereich für Furore sorgt. Anfangs war Messmer vor allem für seine tiefe Schmerzgrenze bekannt. Mittlerweile ist sein Blog als scharfzüngiger Kommentator, der regelmässig den Finger genau dahin legt, wo es wehtut, eine feste Grösse in der Baselbieter Politik. Seit Kurzem wird er vom Staatsarchiv Baselland gar für die Nachwelt erhalten.

An Schärfe hat er deswegen nicht verloren. «Quarkköpfe», «Armleuchter» und «Spinner» sind nur einige der Prädikate, welche Messmer innert zwei Stunden Gespräch über regionale Politiker grosszügig verteilt. Der Arlesheimer ist und bleibt das politische Enfant terrible des Baselbiets. Volksvertreter von links bis rechts verziehen das Gesicht, wenn sie auf Messmer angesprochen werden. Um seine Homepage kommen sie trotzdem nicht herum. Und wenn man sich anschaut, über welche Infos Messmer immer wieder verfügt, ist auch klar, dass diverse, welche vordergründig die Nase rümpfen, ihn immer wieder mit Informationen versorgen.

Ein Experimentierkasten

Eigentlich interessiert Messmer seit 40 Jahren das gleiche Thema: «Wie funktioniert Macht?»; sein Blog fungiert als soziologischer Experimentierkasten. Messmer stellt Thesen auf und freut sich, wenn ihm die Politik dann mit ihrem Handeln recht gibt. «Politik läuft nach den immer gleichen Spielregeln ab und man begegnet immer wieder den gleichen Typen, vom Einwoh nerrat Pratteln bis nach ganz oben.»

Dabei macht ihm das Ganze sichtbar Spass. Sein breites Grinsen dauert fast so lange wie das Gespräch. Nur einmal wird der gebürtige Deutsche ernst: Als er auf seine Familiengeschichte zu sprechen kommt. Messmers Grosseltern waren im Dritten Reich aktive Gegner des Regimes. Beide wurden im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen. Auch seine Mutter war lange inhaftiert.

Mittendrin und doch nicht dabei

Dies führte bei ihm zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit. «Irgendwann merkt man, dass man nicht dazugehört», sagt Messmer, der sein Lebensgefühl als Nomade umschreibt. Selbst als Chefredaktor sei er kaum an öffentlichen Veranstaltungen gewesen. Auch in der Politik hatte er sich einmal versucht, bei den Liberaldemokraten. «Es hat nicht funktioniert. Ich war der Einzige, der kein Amt angestrebt hat.» Bald hat er gelernt, seinen Charakterzug als Stärke zu nutzen: «Ich bin Teil des Politzirkus, aber unabhängig und niemandem verpflichtet.» Das habe ihm sowohl im Journalismus wie auch später in der PR-Branche und beim Bloggen geholfen, meint Messmer.

Er habe nie einen Unterschied gemacht zwischen seinen Tätigkeiten. «Die Frage ist immer: Wie stelle ich etwas dar.» Ein «Glücksmoment» sei das gewesen, erinnert er sich an seinen ersten Auftrag als Journalist – 1974 an der Jahresversammlung des Baselbieter Feuerwehrverbandes in Niederdorf. «Für mich ging eine Welt auf.» Mitte zwanzig hatte er plötzlich seine Berufung gefunden.

Wie ein Theaterstück

Zwölf Jahre arbeitete Messmer fortan als Journalist. Als er 1986 gefeuert wurde, stieg er um und vollzog den damals und heute noch verpönten Wechsel in die PR-Branche. Eine elektronische Schreibmaschine und ein Stapel Visitenkarten war alles, was er für die Firmengründung benötigte. Ein paar Jahre später beschäftigte er 14 Mitarbeiter. Schnell entdeckte er die Freude, mit den Codes der Macht zu spielen. «Das ist wie ein Theaterstück, und du führst Regie.» Seine Faszination führte schon fast ins Absurde: «Manchmal habe ich für einen Grossrat eine Interpellation verfasst und dann im Auftrag der Verwaltung die Antwort darauf.»

Entdeckung Nummer drei waren in den frühen 2000er-Jahren, die Freiheiten und die Möglichkeiten des Bloggens. «Das hat süchtig gemacht.» Anfangs hat er zusammen mit anderen anonym gebloggt. 2005 startete er arlesheimreloaded. Vor zwei Jahren hat sich Messmer frühpensioniert. Seitdem konzentriert sich sein öffentliches Schaffen auf den Blog. Mittlerweile habe er zwischen 600 bis 1000 Leser pro Tag – unter den Kommentatoren finden sich regelmässig Landräte und Regierungsmitglieder.

«Ich bin Journalist. Ich kann nicht anders, als zu schreiben», sagt Messmer. Und sein Output ist beachtlich. Beinahe täglich stellt er eine neue Geschichte ins Netz. Und dabei kostet er seine Vogelfreiheit voll aus. «Ich brauche nur eine Kerninformation, die stimmt, um das Konstrukt darum zu bauen», sagt er. Er kennt die Mechanismen der Macht mittlerweile im Schlaf.

Website als Zeitdokument

Mangelndes Selbstbewusstsein kann man Messmer wahrlich nicht attestieren. Das zeigt sich auch bei seinem neusten Streich – der Aufnahme ins Baselbieter Staatsarchiv. «Ich bin der Meinung, mein Blog gehört der Nachwelt erhalten», sagt er und verweist auf das amerikanische Nationalarchiv. Dieses speichere sogar ausgewählte Tweets, also die Statusmeldungen auf dem sozialen Netzwerk Twitter. «Wenn eine Website vom Netz geht, geht wirtschaftlich-historisches Kulturgut verloren.» Messmer vergleicht die Situation mit Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert, welche heutzutage als historische Quellen dienen.

Aus diesem Interesse hatte er Staatsarchivarin Regula Nebiker angefragt – und diese gab umgehend Antwort. «Das Staatsarchiv hat neben der Archivierung der staatlichen Unterlagen auch den Auftrag, Unterlagen und Informationen privater Provenienz, die von einem bestimmten Interesse für die gesellschaftliche, kulturelle Entwicklung des Kantons sind, ebenfalls zu sammeln», sagt Nebiker. Darunter würden beispielsweise Vereinsarchive, Parteiarchive, Nachlässe aber auch Zeitungen und andere Publikationen fallen. Sie sollen die «offizielle Überlieferung», die aufgrund der öffentlichen Akten entsteht, komplementär ergänzen. So wird der Blog arlesheimreloaded seit Kurzem als wohl erster schweizweit für die Nachwelt offiziell archiviert – inklusive Kommentare.

Basler Zeitung

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