Der Bürgerlichenschreck

Mitte-Rechts zittert vor SP-Regierungsratskandidat Eric Nussbaumer. Es ist aber längst nicht nur seine unverblümte Art, die ihn zum Angstgegner der Bürgerlichen macht.

Zuru?ck nach Liestal? Noch hat sich SP-Nationalrat Eric Nussbaumer nicht definitiv entschieden, ob er fu?r die Baselbieter Regierung kandidieren will.

Zuru?ck nach Liestal? Noch hat sich SP-Nationalrat Eric Nussbaumer nicht definitiv entschieden, ob er fu?r die Baselbieter Regierung kandidieren will.

(Bild: Daniel Ballmer)

Das Bahnhofbuffet in Liestal ist kein Schmuckstück. Etwas heruntergekommen. Etwas schmuddelig. Irgendwie. Das scheint Eric Nussbaumer aber wenig zu stören. Er schlägt das Bahnhofbuffet als Treffpunkt für das Gespräch vor. Nicht die schicke, helle Kantonsbibliothek, ebenfalls am Bahnhof, wo sich linke Politiker sonst gerne mit Journalisten treffen. «Normalerweise sitze ich am Stammtisch», sagt der SP-Nationalrat, als er das Buffet betritt und sich mit breitem Grinsen nähert. Sein markantes Kinn kommt dabei noch stärker zur Geltung.

Der Stammtisch passt zu Nussbaumers Art, zu seiner rustikalen Erscheinung – zu dem, was ihn von einem Salon-Sozi unterscheidet. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Bürgerliche ihn als «gesellschaftsfähig», «bodenständig» oder «gmögig» bezeichnen. Es ist wohl mit ein Grund, weshalb sie ihn als Regierungskandidaten bei der anstehenden Ersatzwahl vom 3. März fürchten. Nussbaumer politisiert in Bern eher am rechten Rand der SP. «Er erscheint moderat und hätte gute Chancen, bis in die Mitte hinein gewählt zu werden – ähnlich wie SP-Ständerat Claude Janiak», sagt CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter.

«Glaube ist Teil meines Lebens»

Nussbaumer ist ein gläubiger Mensch. «Der Glaube ist ein Teil meines Lebens», sagt er. Zweimal jährlich predigt er in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Liestal. Seine Religiosität mag im ersten Moment nicht ins Bild eines linken Politikers passen. Nussbaumer ist aber überzeugt, dass er auch dank seinem Glauben ein Sozialdemokrat geworden ist. «Gott ist ein Linker. Er hat sich immer auf die Seite der Schwächeren geschlagen.»

Es sind aber längst nicht nur Nussbaumers unverblümte Art oder seine moderat erscheinende Politik, die ihn zum Angstgegner der Bürgerlichen machen. Der 52-Jährige hat in seiner politischen Karriere schon einiges erreicht. Er war Landratspräsident und Chef der SP Baselland. Erst als Hinterbänkler verschrien, hat sich der gelernte Elektroingenieur im Nationalrat mittlerweile als kompetenter Energiepolitiker einen Namen gemacht. Seit diesem Jahr präsidiert er die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Auch seine berufliche Führungserfahrung betont Nussbaumer. So baute er ein kleines Energieunternehmen auf und leitete es über Jahre hinweg erfolgreich. Heute ist er Verwaltungsratspräsident der Alternativen Bank Schweiz und anderer Sozialunternehmen.

2007 kandidierte der Sozialdemokrat aus Frenkendorf für die Regierung, erreichte das absolute Mehr, schied aber als Überzähliger aus. Bei den Nationalratswahlen 2011 erzielte er gar das beste Resultat der SP-Liste – vor Politgrösse Susanne Leutenegger Oberholzer. «Vielen haben seine guten Resultate Eindruck gemacht», sagt FDP-Landrat Balz Stückelberger. Er habe als Nationalrat einen hohen Bekanntheitsgrad und treffe mit seinen Energiethemen den Zeitgeist. Nussbaumer gelte als wählbar – bis tief ins bürgerliche Lager hinein. Das sieht der Grüne Philipp Schoch genauso: «Sein Erfolg bei Wahlen lässt darauf schliessen, dass er in breiten Schichten akzeptiert ist.» Die Bürgerlichen könnten derzeit keinen gleich gut positionierten Gegenkandidaten vorweisen. «Das macht Nussbaumer zum Favoriten – und das wissen auch die Bürgerlichen», betont Schoch. Der kurze Wahlkampf komme ihm entgegen: Die Bürgerlichen hätten kaum mehr Zeit, ihren Kandidaten zu positionieren.

Nussbaumer ist sich seiner Position durchaus bewusst. Die Erwartungen an ihn sind gross. Auch parteiintern. Bei vielen gilt seine Regierungskandidatur als gesetzt. Der Wahlkampf gestaltet sich um seine Person herum. Unter Druck fühlt sich der dreifache Vater und Grossvater deswegen aber nicht. «Ich bin der Eric Nussbaumer, ich spüre keinen Druck. Es muss für mich stimmen, nicht für die anderen», sagt er und meint es auch so. Und er wirkt ehrlich, wenn er sagt, dass er sich noch nicht definitiv entschieden hat, zur Ersatzwahl für den zurücktretenden Finanzdirektor Adrian Ballmer (FDP) anzutreten. Er wägt Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Zu sehr gefällt ihm einerseits seine neu gewonnene Rolle in Bundesbern. An­dererseits weiss er nicht, ob er sich da­ran gewöhnen kann, dass er als Regierungsrat enorm exponiert ist und vor allem von den Medien scharf beobachtet wird. «Will ich mir das wirklich antun?» Diese Frage beschäftigt Nuss­baumer derzeit enorm.

«Profil wird keine Rolle spielen»

Die Euphorie, die er derzeit spürt, macht dem erfahrenen Politiker ebenfalls zu schaffen. Diese Hoffnung aus seiner Partei und überhaupt aus dem links-grünen Lager, dass von seiner Wahl das Schicksal des Baselbiets abhängt. «Wenn man dann die Erwartungen nicht er­füllen kann oder einen Fehler macht, sind alle enttäuscht. Plötzlich ist man ein Versager», sagt Nussbaumer. Das sei bei Isaac Reber (Grüne) ähnlich gewesen. In ihn habe mancher viele Hoff­nungen gesteckt. «Man glaubte, er könne die Regierung verändern.» Als dies nicht geschehen sei, habe man bereits von «einer grossen Enttäuschung» gesprochen. Vor solchen Rückschlägen hat Nussbaumer Respekt. Nicht Angst, «denn Angst ist ein schlechter Ratgeber».

Und trotzdem reizt ihn das Regierungsamt – die damit verbundene Gestaltungsmöglichkeit, die Führungsaufgaben. «Anders als gewisse aktuelle Regierungsräte würde ich versuchen, mein Amt zu verstehen», sagt der Nationalrat. Er hat auch in der Vergangenheit nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er bei einer Vakanz antreten wolle. Und so war auch folgende Episode bezeichnend für ihn: Kaum hatte Landratspräsident Jürg Degen (SP) am 13. Dezember im Landrat Adrian Ballmers Rücktrittsschreiben verlesen, klingelte auch schon das Handy von Landrat und SP-Präsident Martin Rüegg: Nussbaumer war am anderen Ende. «Ich wollte die genauen Beweggründe von Ballmers Entscheid wissen», begründet Nussbaumer seinen Anruf.

Definitiv entscheiden wird er sich bis Neujahr. Bereits am 6. Januar nominiert die SP ihren Kandidaten. Danach beginnt der Wahlkampf. Ein kurzer und heftiger Wahlkampf, ist Nussbaumer überzeugt. Sollte er ins Rennen steigen, würden die Bürgerlichen alles daran setzen, ihn als Linken darzustellen. «Sie werden parteipolitisch argumentieren, mein Profil, meine Fähigkeiten werden kaum mehr eine Rolle spielen.» Der Wähler müsse entscheiden, ob er eine linke oder eine bürgerliche Regierung im Baselbiet wolle, sagt denn auch Stückelberger. Schneider doppelt nach: «Nussbaumer ist und bleibt ein Linker.» Der Ball liege nun bei den Bürgerlichen. Diese müssten sich unbedingt auf einen einzigen Kandidaten einigen, der bis in die Mitte hinein wählbar sei. «Ansonsten marschiert Nussbaumer durch.» Für diesen aber ist die parteipolitische Zusammensetzung in der Regierung zweitrangig. «Es kommt auf die Köpfe und deren Fähigkeiten an.»

Basler Zeitung

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