«Babyleichen sollten den angeblichen Tod nach der Geburt beweisen»

Antonio Barroso ist die Symbolfigur der Aufklärung von Kinderraubfällen in Spanien. Auch für Familie Häfliger aus Aesch, welche zur Zeit in Spanien ihren Sohn sucht.

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Er ist der Hoffnungsträger der «niños robados» – der gestohlenen Kinder in Spanien. Denn er ist selbst eines. Seine Geschichte brachte vor vier Jahren den Stein ins Rollen. Mit 38 Jahren erfuhr Antonio Barroso durch Zufall, dass seine Eltern gar nicht seine leiblichen sind. Die angebliche Mutter seines besten Freundes gestand auf dem Sterbebett, dass beide Buben gekauft worden sind. Er für 200'000 Peseten von einer Nonne aus Saragossa, sein Freund Juan Luis Moreno von einem Priester.

Ein DNA-Test bestätigte das Geständnis. Barroso gründete daraufhin die Stiftung Anadir (Vereinigung der illegalen Adoptionen), welche am 27. Januar 2011 eine Sammelklage einreichte. Sie machte das Thema auch international bekannt. Dies stellte sein Leben auf den Kopf. Den Kampf um die Aufklärung der Kinderraubfälle hat ihn eingenommen. Er betreut auch die Aescher Familie Häfliger auf der Suche nach ihrem Sohn Ivan.

Herr Barroso, wie sind Sie mit Roser Häfliger in Kontakt gekommen?
Roser hat mich vor gut einem Jahr angerufen, als sie meiner Stiftung Anadir beitreten wollte. Wir haben einen Termin vereinbart. Danach hat sie mich in meinem Büro in Vilanova bei Barcelona getroffen.

Sie begleiten nun den Fall der Familie Häfliger persönlich. Machen Sie das bei allen Mitgliedern von Anadir?
Das ist unmöglich. Die Stiftung wuchs in zwei Jahren auf 2000 Mitglieder an – also Betroffene von Kinderraub. Da kann ich nicht alle begleiten. Zudem sind sie im ganzen Land verstreut. Zurzeit betreue ich vier Fälle, welche vom Gericht in Barcelona behandelt werden.

Wie viele Anmeldungen verzeichnen Sie heute? Haben die Fälle abgenommen?
Nein. Täglich sind es etwa vier bis fünf. Die meisten registrieren sich über die Homepage der Stiftung. Viele haben aber kein Internet und schicken ihre Anmeldungen per Post. In meinem Büro stapeln sich die Akten.

Inwiefern ist der Fall von Roser Häfliger typisch, verglichen mit den anderen?
Er lief nach dem bekannten Schema ab. Sie war alleine, ihr wurde am nächsten Tag gesagt, ihr Baby sei gestorben, das Spital behauptete, es würde sich um alles kümmern, sie hat ihr Baby nie tot gesehen. Die Methode war bei fast allen Fällen gleich. Nur in Madrid hatten sie noch etwas mehr Fantasie: Dort wurden Babyleichen in Gefriertruhen aufbewahrt, um sie als Beweis den Müttern vorzuzeigen.

Haben Ausländer grössere oder kleinere Chancen vor Gericht?
Ich sehe es eher als Vorteil. Vorausgesetzt, die ausländischen Behörden setzen sich für die Opfer ein. Damit kann mehr Druck auf die spanische Regierung und die Gerichte erzeugt werden. Der Nachteil ist jedoch der organisatorische und damit verbunden der finanzielle Aufwand wegen der grossen Distanz. Viele können das nicht auf sich nehmen.

In den Medien kursiert eine Opferzahl von 200'000 bis 300'000, die von Ihnen publiziert wurde. Sie scheint unvorstellbar gross. Wie kommen Sie darauf?
Sie ist wirklich erschreckend. Die Zahl ist eine Hochrechnung. Wir haben mit den führenden Anwälten gesprochen, die sich jahrelang mit Adoptionsverfahren beschäftigt und diese auch betreut haben. Zwischen 1960 und 1990 wurden in Spanien offiziell zwei Millionen Kinder adoptiert. Der Erfahrungswert der Anwälte zeigt, dass der Anteil der illegalen Adoptionen 10 bis 15 Prozent beträgt. Diesen Erfahrungswert haben wir hochgerechnet. Die Dunkelziffer ist darin nicht enthalten.

Wieso dauerte es vier Jahre, bis das Thema Kinderraub in Spanien zum dominierenden Thema wurde?
Das Netz dieser Händlerringe ist weit gesponnen. Behörden, Ärzte und die katholische Kirche sind darin verstrickt. Da war es zu Beginn einfach, die Geschichten vieler Mütter herunterzuspielen und zu vertuschen. Sie sind ja auch schwer zu begreifen.

Im gläubigen Spanien spielt die katholische Kirche eine wichtige Rolle. Auch ein Grund für die lange Zurückhaltung?
Ja, sie ist mächtig und hat grossen Einfluss. Trotzdem kann ich nicht die Kirche als Ganzes verurteilen. Wir wissen nur, dass sich gewisse Vertreter bereichert haben. Die Nonne beispielsweise, die mich verkauft hatte, war in Besitz von sieben Grundstücken. Wie weit aber die Institution involviert war, kann ich nicht sagen. Das Problem ist, dass die Institution heute mit aller Macht ihre Mitglieder schützt. Wie sie das übrigens auch bei den Fällen von sexuellem Missbrauch tut. Bisher wurde eine einzige Nonne wegen Kinderraub angeklagt. Das ist lachhaft. Und die Archive der Kirche bleiben bis heute verschlossen.

Welche Rolle spielte Ihrer Meinung nach die Politik?
Auch sie ist darin involviert, bis weit nach oben.

Wie meinen Sie das?
Ein solches System funktioniert nicht, wenn es nicht von gewissen Politikern toleriert wird. Ich besitze ein Adoptionsdokument (zieht eine Kopie hervor), welches der Onkel des heutigen Justizministers, Alberto Ruiz Gallardón, unterzeichnet hatte.

Handelt es sich dabei um eine legale oder illegale Adoption?
Das weiss ich nicht. Sobald aber Personen in solchen Positionen involviert sind und Kinder adoptiert haben – ob legal oder illegal –, besteht kaum politisches Interesse, sich aktiv an der Aufklärung dieser Fälle zu beteiligen. Erst nachdem die Sammelklage von uns eingereicht wurde, berichteten auch internationale Medien darüber. Und dadurch verstärkte sich der Druck auf die Regierung.

Eine Schweizer Expertin für Kinderhandel vermutete, dass die Täter nicht zentralistisch organisiert gewesen sind. Teilen Sie diese Meinung?
Ja. So wie es heute aussieht, betrieb jedes Spital sein eigenes Geschäft. Dies erklärt auch, wie weit die Fälle im ganzen Land verstreut sind. Von Saragossa, Madrid, Valencia bis hier nach Barcelona.

Sie selbst gaben den Anstoss für die Aufklärung. Freuen Sie sich über Ihre Rolle als Symbolfigur oder ist sie eher eine Belastung?
Beides. Ich bin sehr stolz darauf, an der Spitze der Aufklärung der «niños robados» zu stehen. Ich kann etwas bewegen und Licht in ein dunkles Kapitel in der spanischen Geschichte bringen. Aber diese soziale Verantwortung ist riesengross – der Druck ist riesengross. Ich bin Hoffnungsträger für viele Betroffene. Wenn ich früher geahnt hätte, wie gross die Ausmasse meiner Geschichte sind ? (Überlegt lange.) Ich würde es mir heute zweimal überlegen. Meine Vergangenheit hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Aber es gibt noch eine andere Art von Druck.

Welche?
Wir kämpfen an zwei Fronten gegen die Zeit. Die Verantwortlichen, die oft die einzigen Zeugen sind, und auch die Opfer sterben weg. Die meisten sind in einem Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Und damit verbunden könnten auch viele Fälle vor Gericht als verjährt betrachtet werden.

Haben Sie überhaupt noch Hoffnung, dass es zu einer Verurteilung kommt?
Die Chance ist klein. Aber es geht nicht nur um die Verurteilung, sondern auch darum, dass die Opfer ihre leiblichen Eltern beziehungsweise Kinder finden. Die Hoffnung für beides geben wir nicht auf.

Basler Zeitung

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