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Der Waldmensch ist tot

40 Jahre lebte er seine Eigenwilligkeit: Alfred Pierre Jean-Claude Ankli, der Waldmensch von Muttenz, ist im Alter von 82 Jahren verstorben.

1996 und 1997 begleiteten unser Autor und der Fotograf Peter Schweizer den Waldmensch. Foto: Peter Schweizer
1996 und 1997 begleiteten unser Autor und der Fotograf Peter Schweizer den Waldmensch. Foto: Peter Schweizer

«Non, je ne regrette rien», sang die Piaf vor 60 Jahren. Alfred Pierre Jean-Claude Ankli liebte dieseZeile, und er mochte ihre Musik. Liebte und mochte, denn Jean-Claude Ankli ist am 3.Januar verstorben. Im Juli wäre er 82Jahre alt geworden. «Non, je ne regrette rien»: So gab sich Ankli, besser bekannt als Waldmensch von Muttenz, nur allzu gern. Kompromisslos. Kämpferisch. Konventionen verachtend. Mit seiner Meinung hielt er nie hinterm Berg.

«Ich kann die weiss gestrichene Decke über meinem Kopf nicht mehr ertragen», pflegte der gelernte Schriftenmaler zu sagen. Masslos enervieren konnte er sich über Leute, die die Polizei verständigen, wenn der Nachbar nach 22 Uhr noch nicht geräuschlos unterwegs ist. «Das ist die gesamtschweizerische Drohung.» Jean-Claude zog aus, ein Waldmensch zu sein.

Der Gedanke an die grosse Freiheit sei gereift, nachdem er den Liebhaber seiner Partnerin aus dem Fenster im dritten Stock geworfen habe. «Was habe ich diese Frau geliebt.» Der Geworfene soll übrigens überlebt haben. Seine Beziehung nicht. Die folgenden acht Monate hinter Gittern habe er «auf einer Backe» abgesessen. Danach aber keinen festen Wohnsitz gefunden. Jean-Claude zog zuerst in den Hardwald, danach an den Wartenberg, dann in seine Nische in der Nähe des Bahnhofs. 40 Jahre lebte er seine Eigenwilligkeit.

Die ganz harten Zeiten

In eine heile Welt wurden Jean-Claude und seinen beiden Schwestern nicht geboren. Damit die Familie über die Runden kam, putzte die Mutter Wohnungen der nobleren Gesellschaft. Trotzdem soll sie Jean-Claude einst unter Tränen gestanden haben, sie habe sein Sparschwein plündern müssen. Demütigende Umstände werden das gewesen sein. Der kleine Waldmensch, damals noch in Basel zu Hause, arbeitete tüchtig mit. Seine ersten Batzen verdiente er mit Schneeschaufeln oder als Ausläufer für einen Schuhmacher.

Für ein ordentliches Feuer im heimischen Ofen sammelte er Pferdemist von der Strasse. Dies brachte ihm den Spott besser situierter Jungs aus der Klasse ein – was sich auch ein kleiner Waldmensch nicht bieten lässt. Die Legende will es, dass der Mund des Spötters von Jean-Claude mit Pferdemist gestopft wurde. «Dann hab ich kräftig draufgehauen.» Mit 13 Jahren vermittelte eine Sozialarbeiterin das «bösartige Kind» auf einen Hof in Grosswangen.

Seine erste Stelle fand der Schriftenmaler in Delsberg, zog weiter: «Ich habe halb Locarno angestrichen»; später soll er sein Brot als Jachtenbauer in Frankreich verdient haben. Auf seine geschickten Hände konnte er sich immer verlassen. Zu Waldmenschzeiten war er im 60-Prozent-Pensum der Mann für alles in Diensten der Pentapharm. Die Pensionierung feierte er in Basler Bars mit dem Sohn von Emil, seines einst besten Freundes. Dieser hört auch auf den Namen Jean-Claude. Kein Zufall.

Die ehemalige Bleibe in Muttenz wird gerade auf- und aus­geräumt. «Jean-Claude war kein Bettler, im Gegenteil, er war grosszügig», sagt Jacqueline, eine langjährige Freundin. «Und er hatte Stil», ergänzt Chantal. Beides zusammen kulminierte in seinen Geburtstagsfeiern. Der Waldmensch baute eine Tanzbühne auf, davor Festgarnituren. Es kamen zig Freunde, die er mit Entrecotes zu verwöhnen pflegte.

Jean-Claude Ankli war ein grosser Geschichtenerzähler. Auch dann noch, wenn jedem Seemann das letzte Garn ausgegangen wäre. Für meine Diplomarbeit am Medienausbildungszentrum durfte ich ihn von 1996 bis 1997 begleiten. Fotograf Peter Schweizer dokumentierte das mit seiner Hasselblad. Peter und Jean-Claude – da trafen zwei Typen mit Ecken und Kanten aufeinander. Klappte trotzdem bestens.

Der letzte Stadtindianer

Für Jean-Claude musste man sich Zeit nehmen. Er nahm sie sich auch. Für alle, die ihn besuchten. Jean-Claude war zwar Waldmensch, jedoch kein Eremit. Der letzte Stadtindianer, Indiana Jean, wie er sich bezeichnete, pflegte Kontakte mit Habenichtsen und mit feinen Leuten. Stolz zeigte er jeweils das Foto, das ihn mit einer Basler Galeristin zeigt. Viel verband sie miteinander.

Im Januar 1997 lud mich Jean-Claude ein, das Wochenende mit ihm in seinem selbst gezimmerten Daheim zwischen Rangierbahnhof, Pfadihaus und Kompostierungs­anlage zu verbringen. Mit ihm, seinem Beo Tito und seiner Hündin Bikini. Lange Gespräche in seiner Hütte, diesem Wohn- und Schlafzimmer, das knapp so hoch war, dass man darin stehen konnte.Viele Zigaretten. Rotwein aus blank polierten Champagnergläsern zu den schwermütigen Liedern des Orchesters der Fremdenlegion. Schon ein wenig bizarr.

Der Waldmensch starb eines natürlichen Todes, wie sein Sohn David bestätigt. Gefunden worden sei er von einer befreundeten Polizistin. Seine Asche soll von Freunden in seiner Heimat, dem Wald, verstreut werden. Es gäbe noch viel zu erzählen über Alfred Pierre Jean-Claude Ankli, den Waldmenschen. Wahrscheinlich würde Jean-Claude zum Schluss sein Weinglas heben. Dann würde er sein verschmitztestes Lächeln aufsetzen. Prost: «Non, je ne regrette rien.»

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