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Sekundarschule Reinach bespitzelt Eltern

Schüler mussten niederschreiben, wie zu Hause über die Mobbing-Vorwürfe an Lehrer und Schulleiter geredet wird.

Die Privatsphäre verletzt. Mit der «Bespitzelungsaktion» sei eine Grenze überschritten worden, sagt der Vater eines 16-jährigen Sek-Schülers.
Die Privatsphäre verletzt. Mit der «Bespitzelungsaktion» sei eine Grenze überschritten worden, sagt der Vater eines 16-jährigen Sek-Schülers.
Nicole Pont

Hans Müller*, Kaderangestellter im Informatikbereich und Vater eines 16-jährigen Sohnes, der die Sekundarschule Reinach besucht, empört sich: «So geht es natürlich nicht. Was sich die Verantwortlichen da geleistet haben, kann ich auf keinen Fall akzeptieren.» Was ist geschehen?

Nachdem die BaZ Ende November erstmals über schwerwiegende Mobbing-Vorwürfe gegen mehrere Lehrer und die Schulleitung berichtet hat, ist es an der Schule offenbar zu fragwürdigen Vorkommnissen gekommen. Auch weitere Eltern haben sich deswegen an die Redaktion gewandt.

Wie Müller berichtet, sei die Schulklasse seines Sohnes während des Unterrichts von der Klassenlehrerin aufgefordert worden, schriftlich zu den Berichten in der Zeitung Stellung zu nehmen. «Die Schüler mussten nicht nur angeben, was sie von der ganzen Sache halten. Eine Aufgabe lautete auch, niederzuschreiben, wie die Eltern zu Hause über die Artikel in der BaZ reden.» Aus Müllers Sicht ist mit dieser «Bespitzelungsaktion» eindeutig eine Grenze überschritten worden. «Als wir davon erfuhren, war es natürlich zu spät. Die meist unmündigen Schüler haben wahrheitsgetreu und nichtsahnend möglicher Konsequenzen die Gespräche vom Abendessen des Vortages wiedergegeben. Ein Gespräch, das in der Vertrautheit des eigenen Zuhauses geführt wurde und nicht für den Lehrkörper bestimmt war.»

Verhalten «nicht hinnehmbar»

Aber nicht nur dieser Vorgang sei ihm sauer aufgestossen, erklärt Müller. Auch das weitere Verhalten der Lehrerschaft sei nicht hinnehmbar. «Man trat vor die Schulklassen und erzählte den Schülern, dass die Situation überhaupt nicht so schlimm ist wie dargestellt. Aber es sei halt so, dass Zeitungen solche Dinge schreiben müssten, um Exemplare verkaufen zu können.» Eine Mutter schliesst sich dieser Kritik an: «Es wurde auch betont, dass sich die Schüler nicht an die Medien wenden sollten. Das sei keine gute Lösung.»

Abstreiten und bespitzeln: Ist dies die Art und Weise, wie die verantwortlichen Co-Schulleiter Michael à Wengen und Roland Herz die Krise an der Sek Reinach zu bewältigen gedenken? Das Führungsduo hat seit Bekanntwerden der Vorwürfe Interviewanfragen abgelehnt und sich nur punktuell geäussert. So ist es auch dieses Mal. Man habe nicht bespitzelt, schreiben à Wengen und Herz der BaZ. Den von Vater Müller beschriebenen Sachverhalt bestreiten sie allerdings nicht. Sie hätten «Kenntnis», dass eine Klassenlehrperson «im Rahmen der Aufarbeitung im Unterricht eine Umfrage in der Klasse durchgeführt hat». Diese sei anonym erfolgt und «die Antworten sind ebenfalls ohne Möglichkeit zur Zuordnung von Personen aufbereitet worden». Motiv seien das «Erfassen und Verarbeiten von Betroffenheit» und der «Klärungsbedarf» gewesen.

Bei der Aufsicht über die Schule – dem neunköpfigen Schulrat, der nach Bekanntwerden der angeprangerten Missstände eine Untersuchung eingeleitet hat – herrscht für das Vorgehen kein Verständnis. Schulratspräsidentin Doris Vögeli (BDP) hält unmissverständlich fest: «Ein Abfragen über die Befindlichkeit oder Betroffenheit von Eltern via Schülerinnen und Schüler heisse ich grundsätzlich nicht gut und wird an unserer Schule so nicht mehr stattfinden.»

Auch die im Schulzimmer verbreitete Darstellung seitens der Pädagogen, wonach die Darstellungen in der Zeitung ins Reich der Märchen gehörten, heisst Vögeli nicht gut. «Persönlich kann ich mich solchen Aussagen nicht anschliessen.»

Auf Abstand gehen bemerkenswerterweise auch à Wengen und Herz, die sich ebenfalls distanzieren. Inwiefern sie ihre Angestellten angehalten haben, besagte Äusserungen zu unterlassen, bleibt derweil unklar. Die Co-Schulleiter geben weiter an, dass Sekschüler minderjährig seien, weshalb sie den Medien nur in Anwesenheit der Erziehungsberechtigten Auskunft geben dürften.

Personelle Konsequenzen möglich

Was die Aufarbeitung der viel kritisierten Zustände betrifft, hat der Schulrat unlängst auf der Webseite der Sek Reinach einen neuen Zwischenstand vermeldet. Die gewählte Wortwahl lässt darauf schliessen, dass einige Lehrkräfte mit ernsthaften Konsequenzen rechnen müssen. «Der Schulrat prüft die Vorwürfe und ergreift allfällige Personalmassnahmen», heisst es in dem Text. Einzelne Massnahmen sind bereits getroffen worden: Wegen massiven Schikanevorwürfen darf ein Mathematik- und Geografielehrer, nennen wir ihn X., die Viertklässler nur noch im Teamteaching mit anderen Lehrern unterrichten. Für sein Verhalten hat sich X. bei den Schülern inzwischen entschuldigt. Er soll geweint haben.

Erstmals äussert sich auch Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) zur Situation in Reinach. Sie erwarte von der Schulleitung, dass sie Abklärungen treffe und Massnahmen einleite, um einen guten Unterricht zu gewährleisten, sagt sie zur BaZ. Auch der Schulrat sei gefordert: «Er führt die Schulleitung und muss dies sicherstellen.»

Dass es sich an der Sek Reinach nicht bloss um vereinzelte Aussetzer handelt, die nun einen grossen Wirbel verursachen, lassen weitere Rückmeldungen vermuten, die bei der Redaktion eingegangen sind. So beschreibt eine 18-jährige Ex-Schülerin, inzwischen am Gym Münchenstein, wie es bei einem Mathematiklehrer – nennen wir ihn Z. – vor zwei Jahren zu- und hergegangen ist. Die Aussagen decken sich mit den Beschreibungen weiterer Personen.

Frauen sollen kochen und putzen

«Z. las im Unterricht aus dem ‹Handbuch für die gute Ehefrau› aus dem Jahr 1955 vor. Frauen sollten für ihre Männer brav das Essen vorbereiten, putzen und die Kinder in Sonntagstracht kleiden.» Habe eine Schülerin gegen diesen bizarren Vortrag protestiert, sei Z. nicht darauf eingegangen, sondern habe zu den Buben in der Klasse gesagt: «Wenn Frauen so etwas sagen, müsst ihr einfach auf Meeresrauschen stellen.» Der Lehrer habe die jungen Frauen häufig blossgestellt und fertiggemacht. «Wer nach vorne musste und eine falsche Antwort gab, bekam zu hören, die Mutter hätte besser die Anti-Baby-Pille genommen.»

Eine weitere Aussage sei gewesen, dass sie es ohnehin nicht ans Gymnasium schafften und spätestens an der Uni die Selbstmordrate um ein Dreifaches höher sei als der Durchschnitt. Ferner habe Z. bloss unangekündigte Prüfungen durchgeführt. «Das ging so: Er hängte eine Karikatur von sich selbst an die Wand und warf Dartpfeile darauf. Traf er die Mitte, bedeutete dies, dass ein Test stattfindet.» Z. habe keinen pädagogisch wertvollen Unterricht gegeben. Die Schulleitung zu informieren, sei jedoch keine Option gewesen. «Alle wussten, dass dann überhaupt nichts geschieht und man nur noch mehr ins Visier des Lehrers gerät.»

Michael à Wengen und Roland Herz hatten bereits Ende November der BaZ kommuniziert, solche Anschuldigungen wegen des «laufenden Beschwerdeverfahrens» nicht zu kommentieren. * Name geändert

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