Nach 100 Jahren tritt er wieder an die Öffentlichkeit

Liestal

Carl Spitteler ist ein während Jahrzehnten vergessener Dichter, obschon er 1919 den Literaturnobelpreis erhalten hat.

Das Spitteler-Denkmal «Prometheus und die Seele» von August Suter vor dem Kantonsspital Liestal.

Das Spitteler-Denkmal «Prometheus und die Seele» von August Suter vor dem Kantonsspital Liestal.

Thomas Gubler

Gottfried Keller kennt man – zumindest dem Namen nach. Jeremias Gotthelf auch. Carl Spitteler dagegen war über Jahrzehnte hinweg ausserhalb von Liestal nur für Literatur-Insider ein Begriff. Und auch in Liestal deutete nicht eben viel auf den 1845 dort geborenen Dichter hin. Nicht annähernd so viel jedenfalls wie etwa in Bad Säckingen, wo Joseph Victor von Scheffel, Autor des «Trompeters von Säkkingen», fast allgegenwärtig ist.

In Liestal dagegen gibt es das Spitteler-Geburtshaus an der Kasernenstrasse, den Spittelerhof gleich nebenan und das Spitteler-Denkmal, eine etwas aus der Zeit gefallene Skulptur von August Suter im Berri-Gut namens «Prometheus und die Seele».

Dabei wurde Carl Spitteler als bisher einzigem gebürtigem Schweizer im Jahr 1919 für sein monumentales Werk «Olympischer Frühling», ein Epos in 20000 Versen, der Nobelpreis verliehen. Und es ist nicht auszuschliessen, dass es ebendieser Nobelpreis war, der Carl Spitteler als Literat vor dem Vergessen bewahrte. Denn anders als seine beiden älteren Kollegen Keller und Gotthelf wird der 1924 in Luzern verstorbene Dichter in den Schweizer Schulen seit längerer Zeit kaum mehr gelesen.

Sperrige Lektüre

Möglicherweise wird die Lektüre von Spittelers Werken als etwas gar sperrig empfunden. Bundesrat und Kulturminister Alain Berset schrieb jedenfalls jüngst in einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung über Spittelers Hauptwerk «Olympischer Frühling», dieses sei schon in seinem Erscheinungsjahr 1905 als «seltsam antiquiert» empfunden worden.

Gottfried Keller wiederum attestierte Spittelers Frühwerk «Prometheus und Epimetheus» zwar «tiefe Poesie», schien aber ansonsten den Zugang nicht richtig zu finden. «Was der Dichter eigentlich will, weiss ich nach zweimaliger Lektüre noch nicht», schrieb er an Spittelers Freund Joseph Viktor Widmann. Richtige Komplimente tönen anders.

Landsleute zur Neutralität aufgerufen

Andere Werke von Carl Spitteler wie etwa «Imago» oder «Das Wettfasten von Heimligen» sind fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Überlebt hat dagegen Spittelers Rede vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft, «Unser Schweizer Standpunkt», gehalten im Dezember 1914, also kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Darin hat der Dichter seine Landsleute fast schon ultimativ zur Neutralität aufgerufen und dem deutschen Militarismus eine derart klare Absage erteilt, dass man Spitteler anschliessend in Deutschland die kalte Schulter zeigte. «Die Feinde des Deutschen Reiches sind nicht zugleich unsere Feinde. Wir dürfen uns daher von dem gleichsprachigen Nachbarn, weil wir seine Zeitungen lesen, nicht seine kriegerischen Schlagworte und Tagesbefehle, seine patriotischen Sophismen, Urteilskunststücke und Begriffsverrenkungen in unser Heft diktieren lassen», sagte Spitteler. Und er ging noch weiter, indem er Frankreich mit der Schweiz als ebenso verwandt wie Deutschland betrachtete.

Ein Baselbieter in Luzern

Wie sehr «gehört» nun aber Carl Spitteler dem Baselbiet, das ihn nun zum 100-Jahr-Jubiläum der Nobelpreisverleihung quasi wiederentdeckt hat? Sicher ist: Sehr lange hat er dort nicht gelebt. Zwar sind Spittelers heimatberechtigt in Bennwil, und Carl Spitteler ist in Liestal geboren. Zudem hat er den grössten Teil seiner Kindheit und Jugend in Liestal verbracht.

Mit 19 Jahren aber verliess er sein Elternhaus in Liestal im Streit. Später hat er sich zwar mit seinem Vater wieder versöhnt. Ins Stedtli kehrte er aber nicht mehr zurück. Für die Baselbieter aber ist er dennoch ein Liestaler geblieben.

Die längste Zeit seines Lebens hat Carl Spitteler jedoch in der Innerschweiz verbracht. Nach Aufenthalten in Sankt Petersburg, wohin der mittlerweile zum protestantischen Theologen avancierte Atheist vor dem «drohenden» Pfarrerdasein im Kanton Graubünden geflohen war, in La Neuveville, Basel und Zürich liess er sich 1892 in Luzern nieder. Das Vermögen seiner Frau erlaubte ihm fortan ein Leben als freier Schriftsteller.

Basler Zeitung

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