«Massnahmen kommen zu spät»

Birsfelden

Der Birsfelder Bijoutier Claude Zufferey glaubt nicht, dass sich das Ladensterben stoppen lässt.

Hohe Rabatte. Um seinen Schmuck verkaufen zu können, muss Claude Zufferey den Kunden seiner Bijouterie massive Abschläge offerieren.

Hohe Rabatte. Um seinen Schmuck verkaufen zu können, muss Claude Zufferey den Kunden seiner Bijouterie massive Abschläge offerieren.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Die BaZ berichtete diese Woche vom Ladensterben in den Vororten von Basel. Droht auch Ihrem Geschäft die Schliessung?Claude Zufferey: Entgegen anderslautenden Aussagen habe ich den Laden nicht geschlossen. Es gibt auch keine entsprechenden Absichten. Doch es ist kein Geheimnis: Die Bijouterie-Branche läuft schlecht. Deshalb muss ich eingekaufte Ware mit Rabattabschlägen von 50 Prozent anbieten. Die allgemeine Marktsituation ist schwierig. Jedes Jahr verzeichne ich geringere Umsätze. Im März musste ich meiner langjährigen Mitarbeiterin kündigen.

Sie führen Ihre Bijouterie seit 1991, überblicken also mehr als zwei Jahrzehnte. Warum kommen plötzlich Detaillisten ins Schlingern, die an ihrem Standort bestens etabliert sind?Mit der Bezeichnung «plötzlich» bin ich nicht einverstanden. Die Krise besteht seit Jahren. Oft lebten die Gewerbetreibenden von ihren Reserven. Nun werden die Auswirkungen für die Öffentlichkeit allmählich sichtbar: Freie Ladenflächen finden keine Nachmieter mehr. Der tiefe Euro ist ein Übel. Eine der Hauptursachen, warum die Zahlen nicht mehr stimmen, ist aber sicherlich das geänderte Wohnverhalten. Die Menschen leben heute überwiegend ausserhalb der Zentren. Gehen sie einkaufen, sind sie in jedem Fall aufs Auto angewiesen. Wo fahren die Leute hin? Logischerweise an Orte, die leicht zugänglich sind, über genügend Parkplätze verfügen und wo sich diverse Anbieter auf engem Raum konzentrieren. Darum sind Shoppingmalls für die Kunden so attraktiv.

Gemeindepräsidenten und Gewerbevertreter haben Ende Mai einen Krisengipfel durchgeführt. Den Ladenbesitzern soll mit diversen Massnahmen geholfen werden. Wenn ich Sie richtig verstehe, zweifeln Sie am Erfolg dieser Anstrengungen.Das stimmt. Das Ganze kommt mir vor wie ein Passagierschiff, bei dem die Evakuationspläne erst ausgearbeitet werden, wenn es bereits sinkt. Die Massnahmen kommen zu spät. Schon vor zehn Jahren, als ich noch im Birsfelder Gemeinderat sass, habe ich diesen Niedergang prophezeit. Man lachte und nahm mich nicht ernst. Was jetzt unternommen wird, ist «Pflästerli»-Politik. Natürlich ist es sinnvoll, die Öffnungszeiten zu koordinieren, gemeinsame Werbeaktionen durchzuführen und den Park-raum wieder zu öffnen, nachdem man eine Zeit lang dem Velo heiligen Status verlieh. Wer allerdings glaubt, mit ein bisschen mehr Gewerbefreundlichkeit das neue Konsum- verhalten zu ändern, irrt sich.

Das «neue Konsumverhalten»: Meinen Sie damit die rasant wachsenden Umsätze im Internet?Tatsächlich macht uns dies stark zu schaffen. Es wird immer schwieriger, den Kontakt zu den Kunden aufrechtzuerhalten, weil sie sich zunehmend online Informationen beschaffen. Allerdings existieren infrastrukturelle Defizite, die mindestens gleich schwer ins Gewicht fallen.

Wie meinen Sie das?In den Siebzigerjahren war es für die Liegenschaftseigentümer lukrativ, ihre Häuser abzureissen und die Neubauten mit grosszügigen Ladenflächen auszustatten. Diese wurden für stolze Preise, die Mietzinsen lagen meist über 3000 Franken, dem Kleingewerbe zur Verfügung gestellt. Eine solche finanzielle Last kann ein Durchschnittsgeschäft nicht mehr tragen. Ausserdem sind die Räumlichkeiten oft überdimensioniert. Als Gemeinderat schlug ich den Hausbesitzern deshalb vor, die Einheiten zu unterteilen. Vorne Läden, hinten Büros. Auf diese Weise könnte beispielsweise ein kleiner Wolle-Laden eher überleben. Leider geschah bisher nichts in diese Richtung.

Wie wird das Ortsbild von Birsfelden in zehn Jahren aussehen?Einige Betriebe werden sicher über­leben, etwa die Bäckerei. Der Löwen­anteil wird sich – sofern die Konditionen gleich bleiben – aber nicht halten können und aussterben. Zu befürchten ist ein totes Zentrum. Darum ist es essenziell, andere Vorzüge herauszustreichen, die Birsfelden bietet. Etwa die Top-Lage am Rhein oder die guten Verkehrsverbindungen.

Basler Zeitung

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