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«Legt ihr mir jetzt Handschellen an?»

Farideh Eghbali hat sich gegen die Vertuschung von Vorfällen im Asylheim Reinach gewehrt und wurde entlassen.

Joël Hoffmann
Wir sitzen mit Eghbali am Küchentisch. Über die Geschehnisse im Asylheim möchte sie lieber nicht reden.
Wir sitzen mit Eghbali am Küchentisch. Über die Geschehnisse im Asylheim möchte sie lieber nicht reden.
Christian Merz

Der letzte Arbeitstag: Mittwoch, 3. Mai, 13 Uhr. Farideh Eghbali begibt sich zusammen mit ihren Arbeitskollegen des Asylheims Reinach zum Besprechungszimmer im Untergeschoss des Werkhofs. Eine Teamsitzung mit Heimleiter Christian Magni ist angekündigt. Drinnen warten Gemeindeverwalter Thomas Sauter und Personalchef Steve Beutler. Eghbalis Kollegen müssen vor der Türe warten.

Dann eröffnet Sauter der 57-jährigen Mitarbeiterin, die seit 20 Jahren für Reinach arbeitet, dass man sie per sofort freistelle. Der Gemeinderat wird um 14 Uhr die Medien über die Entlassung informieren. Eghbali hat Missstände im Asylheim dokumentiert und rapportiert. Weil sie sich gegen die Vertuschungsversuche durch Gemeindepräsident Urs Hintermann und seines Kaders wehrte, stellt sie die Gemeinde sieben Jahre vor der Pensionierung auf die Strasse.

Farideh Eghbali tritt kurz nach 13 Uhr mit Personalchef Beutler aus dem Sitzungszimmer. Sauter bittet Eghbalis Kollegen rein und schliesst die Tür. Aus dem Nebenraum treten zwei Gemeindepolizisten auf den Flur. Die beiden Polizisten sind seit sieben respektive zwanzig Jahren Eghbalis «ganz tolle Kollegen», wie sie später der BaZ erzählt. Mit gesenkten Köpfen gehen sie mit ihr hoch in ihr Büro.

Sie fragt: «Legt ihr mir jetzt Handschellen an?» – «Nein», antwortet Beutler, «wir wollen nur korrekt arbeiten.» Eghbali gibt ihre Schlüssel ab und nimmt ihren privaten Bürostuhl unter den Arm. Dann geht sie nach Hause.

In ihrer Wohnung raucht sie eine Zigarette, trinkt einen Kaffee und geht mit ihrer Mischlingshündin Shira spazieren. Der Hund wurde schon Ende Februar «entlassen». Shira war während siebeneinhalb Jahren das Asylheim-Haustier. Doch als Strafmassnahme gegen Eghbali, welche nicht über Missstände schweigen wollte, wurde im Rahmen eines «Massnahmeplans Reorganisation Asyl» unter anderem Shira aus dem Heim verbannt.

Gegen den Schah und Khomeini

Wir sitzen mit Eghbali am Küchentisch, trinken Kaffee. Über die Geschehnisse im Asylheim möchte sie lieber nicht reden – das sei juristisch heikel. Nur so viel sagt sie: Sie sei erleichtert. Nun will sie sich erst ein paar Wochen erholen, das letzte Jahr habe ihr stark zugesetzt. Sie habe seit Mittwoch viele schöne Rückmeldungen und SMS wie «Sei umarmt» erhalten.

«Es war nie meine Absicht, dass die Vorfälle an die Öffentlichkeit kommen», sagt sie. Wer die Protokolle studiert, sieht deutlich, wie sehr sie intern fast ein Jahr darum rang, dass die Geschehnisse ernst genommen und abgeklärt werden – was jedoch nicht geschah. «Ich sorge mich nun um all die guten Leute im Asylheim und ihre wertvolle Arbeit.»

Farideh Eghbali ist 57 Jahre alt, gebürtige Iranerin und SP-Einwohnerrätin. Sie zog ihre drei Kinder nach der Trennung von ihrem Mann alleine gross. Ihre 33-jährige Tochter arbeitet als Sozialpädagogin. Ihr 28-jähriger Sohn als Lehrer und ihre jüngste, 25-jährige Tochter studiert Soziale Arbeit. Sie selbst hat in der Schweiz interkulturelle Kommunikation studiert.

Letzten Mittwoch wurde Eghbali vom Gemeinderat öffentlich diskreditiert. Vor den Medien wurde sie nicht als pflichtbewusste Angestellte, sondern als ungehorsame Ruhestörerin dargestellt. Der Gemeinderat hat auch über ihre Gesundheit gesprochen. Sie sagt, sie hatte 2014 einen Bandscheibenvorfall und eine Nieren-OP.

Was denkt sie über diese Verun­glimpfungen und geht sie dagegen juristisch vor? Sie möchte sich dazu «lieber nicht» konkret äussern. Auf Nachfrage betont sie, dass sie jetzt erst mal durchatmen möchte, bevor sie sich weitere Schritte überlege. Sie hält inne, würde gerne offen sprechen, aber juristisch sei das heikel. Dann fügt sie an: «Was ist der Unterschied zwischen Iran und der Schweiz? In Iran köpft man mit dem Schwert, in der Schweiz mit dem Faden.»

Am 21. März 1960 kommt Eghbali in südiranischen Chorramschahr zur Welt, einer Hafenstadt mit 140 000 Einwohnern, wo Euphrat und Tigris zusammenfliessen. Im Alter von zwei Jahren zieht das neunte von zehn Kindern mit der Familie in die Hauptstadt Teheran. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Kader einer Handelsreederei. Als Eghbali elf ist, stirbt der Vater. Trotzdem hat sie eine behütete Kindheit und darf zur Schule gehen.

Später möchte sie Architektur studieren, doch als sie mit 18 Jahren an die Universität gehen will, wird diese im Zuge der Islamischen Revolution geschlossen. Wie viele Exil-Iraner identifiziert sich Eghbali mit den Figuren der berühmten Comicromane Persepolis der heute in Paris lebenden Marjane Satrapi. Und auch sie selber habe sich bereits als Jugendliche in einer kommunistischen Studentengruppe engagiert – obwohl ihr Anliegen nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Freiheit ist. Sie habe als 16-Jährige gegen den Schah und gegen Ayatollah Khomeinis Islamische Revolution demonstriert.

Die Revolutionszeit zwischen 1976 und 1978 bezeichnet sie heute als Phase grosser Freiheiten. Doch die Umbrüche waren auch gefährlich: Eines Tages im Jahr 1976 sei sie mit einer Freundin bei der Knabenschule vorbei gekommen. Soldaten mit Gewehren im Anschlag hätten gerade das Schulhaus umstellt, in dessen Pausenhof 14- und 15-jährigen Burschen «Tod dem Schah» riefen. Eghbali sei verbal auf die Soldaten losgegangen, verhaftet und auf die Polizeiwache gebracht worden.

Asylantrag in der Schweiz

Nun hatte sie ein Problem, wie sie erzählt: In ihrer Sporttasche hat die 16-Jährige unter anderem 50 Flugblätter, auf denen Parolen wie «Tod dem Schah» oder «Es lebe die Demokratie» stehen. Vor ihr auf dem Tisch liegt die Tasche und ein Soldat öffnet den Reisverschluss. Eghbali knöpft ihre Bluse auf, lenkt den Soldaten ab. Er wühlt mit den Händen in der Tasche, doch sein Blick ist anderswo. Später konnte sie die selbstgebastelten Flyer auf dem WC verstecken. Danach, beim Verhör, macht ihr ein Offizier klar: Hätten wir bei euch etwas gegen den Schah gefunden, ihr wärt im nächsten Raum gelandet – ein Zimmer voller Soldaten.

Nach sieben Stunden waren die Mädchen wieder auf freiem Fuss. An Demonstrationen sei sie weiterhin gegangen, auch als die Islamisten die Macht übernahmen. Zwei weitere Male sei sie verhaftet und verhört worden. «Ich wollte keine Märtyrerin sein, im Gefängnis gefoltert werden und verschwinden», sagt sie.

1988 wird Eghbali von Revolutionsgarden auf offener Strasse angegangen. Ihre zweijährige Tochter im blauen T-Shirt war in den Augen der Wächter «nackt». Ein Schlüsselerlebnis: «Ich wollte nicht, dass meine Kinder in diesem Land aufwachsen und plante die Flucht zu meiner Familie in Australien. Wir hatten jedoch einen Zwischenhalt in der Schweiz», erzählt sie. Australien habe sich geweigert, Migranten, die bereits in der Schweiz sind, aufzunehmen. So stellt die hochschwangere Frau schliesslich hier einen Asylantrag. Nach einem negativen Entscheid und einem Rekurs darf sie schliesslich aus humanitären Gründen bleiben.

Sechs Monate nach ihrer Ankunft in der Schweiz findet ihr Ehemann Arbeit. «Ich ging auf das Sozialamt Luzern und forderte, dass sie ab jetzt zehn Prozent des Lohnes abziehen, bis alle bezogenen Sozialhilfegelder zurückbezahlt sind», erzählt Eghbali. Das habe der Sozialarbeiterin Eindruck gemacht und die Frau habe vier Jahre später dafür gesorgt, dass sie bei der Caritas in Luzern ihre erste Anstellung im Sozialbereich antritt.

Um das Einkommen aufzubessern, bewirbt sie sich für eine Mutterschaftsvertretung im Asylheim Reinach. Nach vier Monaten endet die befristete Anstellung, doch ein Jahr später bieten die, die sie nun entlassen haben, ihr eine Stelle an. Schliesslich zog die Familie vor rund 20 Jahren nach Reinach. Aus dem ersehnten Architektur-Studium wurde nichts. Eghbali zuckt mit den Schultern: «Architektur dient nur reichen Leuten», sagt sie an diesem Vormittag in der Küche. Ihr Sohn setzt neuen Kaffee auf. Er ist wütend auf die Gemeinde und stolz auf seine Mutter.

Die 57-Jährige wird in breiten Kreisen geschätzt, wie diverse Protestbriefe zeigen, die bereits vor der Freistellung Eghbalis an die Gemeinde gingen. Eghbali wird etwa als «die Seele im Wohnheim» bezeichnet. Sie habe stets ein offenes Ohr, sei kompetent, loyal und herzlich. Eghbali organisierte Deutsch- und Staatskundekurse mit pensionierten Lehrern. Die nun entlassene Betreuerin war für diese Freiwilligen und für die Asylsuchenden eine offenbar beliebte Ansprechpartnerin.

Bereits Mitte März schreiben Freiwillige der Gemeinde: «Wir haben mit grosser Beunruhigung die schwierige Arbeitssituation von Farideh Eghbali bemerkt und fühlen uns verpflichtet, uns für sie einzusetzen.» Die Verfasserinnen haben das «ungute Gefühl», dass der Betreuerin mit den erlassenen Massnahmen «Unrecht getan wird».

Demokratie, Gold und Solidarität

Mit «Massnahmen» sind Restriktionen gegen Eghbali gemeint, wie etwa das Hundeverbot, oder dass sie nicht mehr mit Klienten in deren Muttersprache reden darf. In einem weiteren offenen Brief an die Gemeinde beschreibt eine weitere Freiwillige ihre Beobachtungen: Eine Asylsuchende etwa bedauert, dass die von Frau Eghbali organisierten Frauenabende im Asylheim nicht mehr stattfinden.

«Die persönlichen Kontakte und Gespräche mit Frau Eghbali würden ihr fehlen.» Das mache die Asylsuchende «sehr traurig», heisst es im Brief. Ausführlich wird beschrieben, wie Eghbali Migrantinnen mit Schweizerinnen in Kontakt brachte und «im gemütlichen Rahmen» schliesslich auch die Migrantinnen über ihre «Rechte und Pflichten in der Schweiz aufgeklärt wurden».

Farideh Eghbali, die in Iran für Freiheit demonstrierte, nach Australien flüchten wollte und schliesslich 1988 in der Schweiz landete, erhält 2010 den roten Pass. «Ich wollte dazugehören», sagt sie. Die Schweiz wird zu «ihrem Land», weil es ihr das gegeben habe, was sie in Iran nicht bekam: «Als Frau habe ich hier die Freiheit zu arbeiten, mich zu bilden. Man hat mich hier immer gut behandelt. Dafür bin ich dankbar.»

Peinlich sei ihr nur, dass sie den Einbürgerungstest im ersten Anlauf nicht bestanden hat. Sie absolviert sodann einen Kurs und wurde zum «Polit-Profi», wie sie sagt. Und heute ist Eghbali gewählte Einwohnerrätin in Reinach. Sie politisiert bei der SP, also der Partei, die seit Monaten von Eghbalis Problemen mit der Gemeinde wusste und die sich schliesslich Ende letzte Woche offiziell hinter Gemeindepräsident Urs Hintermann – ebenfalls SP – stellte.

Eghbali möchte sich auch dazu nicht öffentlich äussern. Aber auf die Frage, warum sie sich überhaupt für die SP engagiert, sagt sie mit ernster Stimme, als wolle sie den Journalisten zurechtweisen: «Meinen Sie, es gibt schönere Begriffe als sozial und Demokratie?! Das sind Wörter, die man mit Gold schreiben müsste!»

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