Ein Berg, um den sich Legenden ranken

Zunzgen

Die meisten fahren mit dem Auto einfach am Büchel vorbei. Doch der Zunzger Hügel ist ein einzigartiges Kulturdenkmal.

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Jan Amsler

Immer am Karfreitag spielt sich der Legende nach in Zunzgen Sonderbares ab: Eine Jungfrau wäscht sich im Diegterbach und kämmt ihr Haar mit einem goldenen Kamm. Gleichzeitig hört man eine Uhr schlagen. Dies sei ein Zeichen dafür, dass unter dem Büchel der vor über 1550 Jahren verstorbene Hunnenkönig Attila ruht.

Die Frau am Bach will vergangenen Freitag aber niemand gesehen haben. Und Reto Marti, der Baselbieter Kantonsarchäologe, lacht. Er hält es für unmöglich, dass Attila tatsächlich hier be­graben liegt. Spätestens 1950, als Wissenschaftler den Hügel bis auf den Grund aufgeschnitten und untersucht haben, wären die Spuren Attilas ans Tageslicht gekommen, so Marti.

Dennoch: Die Sage hält sich hartnäckig. Die Sondiergrabung sei nun doch schon über 50 Jahre her, mahnen Skeptiker; heute würde man vielleicht auf andere Fundstücke stossen. 2001 wurde durch Zufall in Augusta Raurica – nur 15 Kilometer Luftlinie ­entfernt – der inzwischen welt­berühmte Menora-Ring gefunden. Er zeigt eine Darstellung des ­siebenarmigen Leuchters aus dem Jerusalemer Tempel. Laut der Sage soll Attila mit eben­diesem Schatz durch das Oberbaselbiet gereist sein, als er plötzlich verstarb und daraufhin in einem goldenen Sarg begraben wurde. Die Skeptiker hoben den Mahnfinger: also doch!

Tafel mit QR-Code

Die Archäologie Baselland bleibt aber bei ihrer Position: kein Attila weit und breit. Seit diesem Monat gibt zudem eine neue Infotafel am Fusse des ­Büchels Auskunft über die Geschichte. Es ist die erste Tafel, die mit einem QR-Code versehen ist, wie die Fachstelle gestern mitteilte. Wer den Code mit dem Handy scannt, wird auf eine Internetseite geleitet, die mit zusätzlichen Informationen und einer 3-D-Rekonstruktion aus­geschmückt ist.

Durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren Kommunikation werden die Sagen immer mehr ins Reich der Fantasie verbannt. Der Büchel wird auf diese Weise zwar entzaubert. Doch spannend bleibt der Hügel allemal, handelt es sich doch um ein einzigartiges Zeugnis aus der Frühzeit des Burgenbaus.

Vorläufer der Felsburgen

Um sich vor Angriffen besser schützen zu können, wurden im 10. Jahrhundert Festungen auf künstlichen Hügeln gebaut. Der Büchel ist also von Hand auf­geschüttet. Um den Berg zu verfestigen, hatten ihn die Erbauer zusätzlich mit einem Holzgerüst und Lehm verstärkt. Erst später kam es in Mode, die Burgen auf Felsvorsprüngen zu errichten.

Als Ende der Sechzigerjahre die Autobahn gebaut wurde, stiess man beim Büchel auf Spuren einer hölzernen Befestigung. Daher geht die Archäologie Baselland davon aus, dass einst ein von Pfählen umgebener Holzturm auf dem Hügel stand.

Einige Geheimnisse

Während die grossen Burgen und Schlösser wie die Homburg, die Ruine Pfeffingen und das Schloss Wildenstein relativ gut erhalten und allseits bekannt sind, handelt es sich beim Büchel um eine echte Rarität. «In dieser reinen Form gibt es solche Burgmotten hier nicht mehr», sagt Kantonsarchäologe Marti. Am nächsten komme vielleicht die Ruine Altenberg in Füllinsdorf. Hier allerdings wurde der deutlich weniger steile Hügel erst um die bereits gebaute Burg herum aufgeschüttet.

Dank der Archäologie weiss man heute, wozu der Büchel errichtet worden war und welchen Zweck er erfüllte. Gleichwohl ­behält der Hügel noch einige Geheimnisse für sich. So wurden bis heute noch keine Befunde eines Herrenhauses ermittelt, obwohl es bei Burgen üblicherweise ein solches gegeben hat. Marti befürchtet, dass die Überreste unter der Autobahn begraben liegen könnten.

Noch heute besteht also ausreichend Raum für abenteuerliche Sagen und Legenden.

Basler Zeitung

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