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«Die Kinder werden ihrer Kindheit beraubt»

Sechs Primarlehrerinnen des Fuchsrainschulhauses in Möhlin sind sich einig: Die geplante Zusammenführung des Kindergartens und der ersten beiden Primarschuljahre in der Basisstufe halten sie für einen Fehler.

Die Lehrerinnen Luzia Meier, Charlotte Vögele, Susanne Dillier, Rita Janssen, Madeleine Kleubler und Leonie Grell (v.l.) beurteilen die Aargauer Schulreform sehr kritisch. (Foto Franziska Laur)
Die Lehrerinnen Luzia Meier, Charlotte Vögele, Susanne Dillier, Rita Janssen, Madeleine Kleubler und Leonie Grell (v.l.) beurteilen die Aargauer Schulreform sehr kritisch. (Foto Franziska Laur)

BaZ: Sie haben grosse Vorbehalte gegen die Basisstufe. Weshalb?

Charlotte Vögele: Es gibt eine wesentliche Änderung: Der Kindergarten fällt weg und mit vier Jahren sollen die Kinder schon eingeschult werden. In einer altersdurchmischten Gruppe von Kindern im Alter zwischen vier und acht oder gar neun Jahren ist die Bandbreite zu gross. Kommt dazu, dass die Schülerzahlen innerhalb einer Klasse mit 25 hoch sind. Die leistungsschwächeren Schüler werden so untergehen.

Leonie Grell: Zwischen vier und acht Jahren passiert unheimlich viel. In der Mitte steht die Schulreife, also im Alter zwischen sechs und sieben. Jede Mutter und jeder Vater erlebt doch den Moment mit Freude, an dem das Kind unheimlich stolz ist, dass es nun zur Schule gehen darf. Diesen Moment nimmt man dem Kind weg. Hinzu kommt, dass ich einem Vierjährigen nicht dieselbe Geschichte erzählen kann wie einem Achtjährigen.

Madeleine Kleubler: Studien von Manfred Spitzer belegen, dass man im Hirn eines 15-Jährigen feststellen kann, ob er eine gute Kindergartenzeit gehabt hat oder nicht. Doch mit der Basisstufe wird es schwierig, den Kleinen und den Grossen gerecht zu werden. Das müssen wir dann ausbaden, wenn die Kinder ins Teenageralter kommen.

Werden die Kinder ihrer Kindheit beraubt?

Susanne Dillier: Ja, ganz eindeutig. Es ist eine Verschulung des Kindergartens. Ich kenne viele Erwachsene, die heute noch von ihrer Kindergartenzeit schwärmen. Diese unbeschwerte Zeit will man den Kindern wegnehmen.

Ist es nicht so, dass das Kind lernt, während es spielt, und umgekehrt?

Janssen: Ja sicher, doch das kann es unbeschwerter, wenn es mit Gleichaltrigen zusammen ist. Bedenklich ist auch, dass der Druck von Seiten der Eltern wachsen wird. Die Kinder sollen ja je nach Begabung die Basisstufe schneller durchlaufen können. Das wird ehrgeizige Eltern weiter anspornen.

Kleubler: Meine Tochter beispielsweise konnte mit vier Jahren zwar lesen, doch schulreif war sie deswegen noch lange nicht.

Grell: Der Kindergarten soll ein geschützter Raum sein, wo Spielen ohne Fernsehen, Computer und Leistungsdruck möglich ist.

Geht es Ihnen vor allem um die Kinder oder haben Sie nicht vielmehr Bedenken, dass es auch für Sie schwieriger wird?

Dillier: Tatsächlich wird es auch für uns schwierig. Die einen Kinder dürfen in einem Raum spielen, den anderen müssen wir sagen, dass sie Rechnungen lösen sollen. Das braucht viel Material, Raum und Personal.

Immerhin stehen zwei Räume und zwei Lehrer zur Verfügung. Reicht das nicht?

Dillier: Das sieht auf dem Papier gut aus. Aber bereits jetzt haben wir mit Einschulungsklasse und Therapien wesentlich mehr als hundert Prozent pro Klasse.

Kann eine gemischte Klasse nicht auch spannend und eine Bereicherung sein?

Dillier: In den Medien wird zwar oft berichtet, dass die Kinder in der Basisstufe individueller gefördert werden. Daran glaube ich nicht. Das Gegenteil wird der Fall sein. Keine Lehrperson kann eine altersgemischte 25er-Klasse von bis zu fünf Jahrgängen individueller fördern, als das im jetzigen System der Fall ist.

Kleubler: Neunjährige wollen nach dem Turnen beispielsweise nicht minutenlang warten, bis auch die Kleinen umgezogen sind.

Der aargauische Bildungsdirektor sagt allerdings, dass so auch die soziale Kompetenz gefördert wird. Stimmt das nicht?

Kleubler: Das Problem ist doch einfach, dass bei diesem Modell schwierigere Kinder durch die Maschen fallen.

Janssen: Interessant ist auch, dass jene Schüler, die heute eine Einführungsklasse (EK) besuchen, schliesslich gestärkt und selbstbewusst in die Regelklasse kommen. Diese EK soll wegfallen, obwohl sie den Kindern gut tut. Da stimmt doch etwas nicht.

Grell: Kleinklässler wollen gar nicht in die Regelklassen integriert werden. Sie fühlen sich wohl und geschützt in der Kleinklasse.

Kleubler: Chancengleichheit gibt es nicht, wenn man allen das Gleiche anbietet.

Grell: Chancengleichheit gibt es dann, wenn Kinder sorgsam Selbstwertgefühl entwickeln können. Doch wenn sie in einer unübersichtlichen Klasse untergehen, nagt das am Selbstwertgefühl.

Vögele: Es heisst auch immer wieder, Klein- und Einführungsklässler würden stigmatisiert. Das stimmt doch überhaupt nicht. In der Basisstufe würde das viel eher geschehen.

Was stört Sie am meisten an dieser Reform?

Dillier: Die Grundidee geht einfach in die falsche Richtung. Es soll eine leistungsorientierte Schule werden. Dies geht allerdings nicht von den Kindern aus. Das sind Wünsche von Erwachsenen. Ein vierjähriges Kind will nicht in die Schule gehen.

Sind Sie gegen Veränderungen?

Dillier: Ganz und gar nicht. Genau das behaupten die Befürworter der Reform. Sie sagen, wir seien altmodisch und gegen Veränderungen. Doch das sind wir nicht.

Wie sieht denn Ihre Vorstellung von einer idealen Schule aus?

Grell: Die Schule sollte in die Richtung gehen, dass die Wertschätzung vor Umwelt und Mitmenschen so gross ist wie die vor intellektuellen Leistungen. Es sollte eine menschliche Schule sein.

Dillier: Die Waldkindergärten und die Erlebnispädagogik gehen meiner Meinung nach in die richtige Richtung.

Kleubler: Die kreativen, musischen Elemente müssen auf jeden Fall mehr Platz haben; auch in der Ausbildung. Und das nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch.

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