Zum Hauptinhalt springen

Der Aufmarsch der Unfreiwilligen

Hierher kommt keiner aus freien Stücken: Die Wehrpflichtigen, die das «Obligatorische» verpasst hatten, rückten am Samstag in Pratteln zum Nachschiessen an.

Der Wind pfeift über den grossen Parkplatz bei der Prattler Lachmatt. Es ist eiskalt. Vor der Treppe zum Eingang der Schiessanlage steht ein gutes Dutzend junger Männer, jeder für sich. Gesprochen wird kaum. Einer von ihnen ist Marc, in gelber Hip-Hop-Jacke, Baggy-Jeans und mit Baseball-Kappe. Er ist mit dem 14er-Tram aus Basel gekommen. Und eigentlich hätte er an diesem Samstagnachmittag Besseres zu tun, sagt er. In der Hand hält er einen schwarzen 110-Liter-Abfallsack. Daraus zieht er sein Sturmgewehr. «Bringen wirs hinter uns», sagt er.

Freiwillig ist keiner der Männer hier. Alle erhielten sie den Befehl, in «zweckmässiger, der Jahreszeit angepasster» Zivilkleidung und «ausgerüstet mit persönlicher Handfeuerwaffe» einzurücken zum Nachschiesskurs. Und alle hatten sie es zuvor verpasst, zum jährlichen «Obligatorischen» anzutreten. Einige waren krank oder verhindert. Die meisten haben es wohl wie Marc «einfach versifft». Jetzt sind sie gekommen, um das obligatorische Schiessprogramm nachzuholen.

Vor der Eingangstür zur Schiessanlage steht Alfred Schläppi, ehemaliger Präsident des Arbeiterschützenbunds Muttenz-Freidorf, der das Nachschiessen durchführt. Schläppi macht heute die Eingangskontrolle. Wer hinein will, muss sein Gewehr präsentieren. Schläppi kontrolliert: Ist die Waffe gesichert, der Verschluss offen? Ist das Magazin entfernt? Und ist das Nachtvisier unten? Die Bilanz ist ernüchternd: Wie man die eigene Waffe richtig handhabt, wissen scheinbar nur wenige. Bei mindestens der Hälfte der Schiesspflichtigen muss Schläppi eingreifen, weil etwas nicht in Ordnung ist.

Hauptsache, bestanden

Und einige scheinen erst gar nicht zu wissen, von was der Schützenmeister überhaupt spricht. «Verschluss öffnen», sagt Schläppi zu einem Soldaten, der ihm sein Gewehr entgegenhält. «Entschuldigung, was?», sagt der Soldat. Es sei schon verwunderlich, wie viele Soldaten die Sicherheitsvorschriften nicht kennen würden, sagt Schläppi später. «Dabei müssten die das doch in der Ausbildung gelernt haben.»

Drinnen in der Schiessanlage ist es eng. Einige Dutzend Männer warten hier, bis sie an der Reihe sind. Und es ist laut: Die Schüsse knallen im Sekundentakt, jeder trägt einen Gehörschutz. Es riecht nach Pulverdampf und Fett. Marc mit der gelben Hip-Hop-Jacke liegt inzwischen vor der Scheibe 33 und gibt die ersten seiner 20 Pflichtschüsse ab. 42 Punkte muss er erzielen, 85 Punkte sind möglich. «Eigentlich fällt nie jemand durch», sagt einer der Betreuer vom Schützenverein. Auch Marc nicht: Er schiesst 48 Punkte. «Hauptsache, bestanden», sagt er draussen.

Dort steht auch Toby Deflorin vom Baselbieter Kreiskommando. Er ist glücklich mit dem heutigen Aufmarsch: 700 Personen sind gekommen. Es gehe nicht darum, die Leute zu bestrafen, die das Obligatorische verpassen. «Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Wehrpflichtige die obligatorischen Programme schiessen.» Für jene, die dem Schiessaufgebot jedoch nicht Folge leisten, kann das teuer werden: Bei mehrmaliger Absenz droht eine Busse von bis zu 1000 Franken. Das wollte Marc nicht riskieren. «Dann gebe ich trotz allem lieber einen Samstagnachmittag dafür her.» Sagts, steckt sein Sturmgewehr in den Abfallsack und geht zurück zur Tramstation.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch