Den Schweizer Pass ohne Handschlag beantragt

Ettingen

Die Handschlag-Verweigerer von Therwil wollen Schweizer werden. Gegenüber der Asylgeschichte der Familie ist Skepsis angebracht. Das Amt für Migration will diese nun neu aufrollen.

Vater der Handschlag-Verweigerer. Der Imam I.?S. in der Faysal-Moschee.

Vater der Handschlag-Verweigerer. Der Imam I.?S. in der Faysal-Moschee.

Die Spur zum Vater der Handschlag-Verweigerer von Therwil, der im Handelsregister seine Transportfirma «infolge Fehlens der gesetzlichen Voraussetzungen» gelöscht hat, führt nach Ettingen. Nicht etwa in ein Gewerbegebiet, sondern in eine Blockrandsiedlung. Hier am Firmensitz wohnen der 54-jährige Vater und seine Familie in einer Mietwohnung – das heisst, die beiden 14- und 15-Jährigen, die letzten Herbst davon befreit wurden, ihrer Lehrerin in Therwil die Hand zu geben, sowie die Mutter. Die älteren Töchter der achtköpfigen Familie sind inoffiziellen Angaben zufolge nach Syrien verreist, ins Heimatland, wo der politisch verfolgte Vater geboren ist.

Der Vater I.S. der beiden Kinder ist Imam in der radikalen König-Faysal-Moschee und erscheint an der Tür. In grauen Trainerhosen, barfüssig in Hausschuhen und im violett-weiss gestreiften Hemd. «Es ist Zufall, dass sie mich am Nachmittag hier erreichen», sagt er. Er arbeite normalerweise um diese Zeit.

In der Schweiz hängen geblieben

Was er arbeitet, will er dann aber nicht verraten. Das Gespräch verläuft harzig, was auch verständlich ist. Medien haben ihn in der König-Faysal-Moschee in Basel abgepasst; er ist ihnen ausgewichen. Auf den Hinweis, dass seine erste Firma in Konkurs gegangen sei, die zweite im Dezember gelöscht, antwortet er schliesslich tröpfchenweise: «Ich handle mit Autos», «selbstständig» und «ich will eine neue Firma gründen». Dann ist das Eis etwas gebrochen und der Imam der wahhabitischen Moschee etwas gesprächiger.

2001 kam er in die Schweiz. Er sei hier auf Durchreise mit Wunschdestination Schweden gewesen und habe nach dem Anschlag aufs World Trade Center nicht mehr weiterreisen können. So sei er hängen geblieben, habe als politischer Flüchtling in der Schweiz Asyl bekommen und schliesslich die Niederlassungsbewilliung C. Was er nicht erzählt: Dass er – nach der Handschlag-Dispens im Herbst – Schweizer werden will und für sich und seine Familie ein Einbürgerungsgesuch gestellt hat. Diesen Entscheid hat er nicht einmal Nabil Arab, dem Verwalter der Faysal-Moschee in Basel gesagt. «Ich habe das nicht gewusst», sagt Arab, «aber ich begrüsse es. Der Imam ist ein guter Mann, der Frieden will und immer eine Lösung mit den Behörden sucht, wenn es zu Problemen mit jungen Menschen kommt.» Im Fall von Therwil sah die Lösung vor, dass seine Kinder allen Lehrern die Hand nicht mehr reichen müssen.

Der Ettinger Bürgergemeindepräsident Hans-Peter Bachofner gibt zur Einbürgerungsfrage überhaupt keine Auskunft. Immerhin bestätigt die Baselbieter Sicherheitsdirektion (SID) die BaZ-Recherchen: «Das Gesuch ist auf der SID am 4. Januar eingegangen.»

Grundsätzlich gefällt es dem Imam in der Schweiz, wie er vor seiner Haustür in passablem Deutsch erzählt. Er fahre gerne Ski und jogge. Er sei mit 19 Jahren (das war im Jahr 1981) aus Syrien vor dem Assad-Regime geflohen. Die Darstellung der Basler Behörden, wonach er sich in Saudiarabien zum Imam habe ausbilden lassen, weist er zurück. Vielmehr sei er aus Damaskus nach Libanon geflohen, wo er die Koranschule besuchte. Wie und durch wen die Ausbildung finanziert worden ist, bleibt sein Geheimnis.

Töchter reisten nach Syrien zurück

Offenbar aber war es ihm als den Muslimbrüdern nahe Stehender möglich, sich frei im arabischen Raum zu bewegen und auch nach Dubai weiterzureisen. Gemäss Bundesbehörden zählten Libanon und die Emirate in jener Zeit zu den sicheren Herkunftsstaaten. «Zero significance» lautete der Status. «Ich musste allerdings befürchten, dass man mich zu jeder Zeit wieder nach Syrien zurückschafft, wo ich verfolgt bin», widerspricht der Imam und begründet seine Flucht nach Europa.

Skepsis gegenüber der Flucht­geschichte ist angebracht. Zumal die Töchter des Imams gemäss inoffiziellen Hinweisen nach Syrien zurückgereist sind. Sie liessen sich – statt die Ausbildung an Schweizer Schulen zu beenden – in Syrien weiterbilden, im Herkunftsland des politisch verfolgten Vaters. Wie die SID mitteilt, wird nun die Familie vom Amt für Migration zur Befragung vorgeladen.

Dass der Imam I.S. mit den Schweizer Schulen und den Lehrern nicht zufrieden ist, lässt er durchblicken: «Sie erzählen an den Schulen von ‹Mein Körper gehört mir›. Aber die Lehrer selber halten sich nicht daran, sonst würden sie nicht den Händedruck verlangen», sagt er. Das Programm gegen sexuelle Übergriffe richtete sich nur gegen die Familie. Seinen Einfluss bei der Handschlag-Dispens spielt er konsequent herunter: Das sei die Selbstbestimmung seiner Söhne, die hätten auch den Islamischen Zentralrat (IZRS) zur juristischen Unterstützung geholt – und auch das nur einmal. Letztlich sei die Handschlag-Affäre bloss eine Retourkutsche eines Lehrers gewesen, der Mohammed als dumm bezeichnet hätte. «Dieser Lehrer ist zu einer Kollegin gegangen und hat gesagt, dass sie die Handschlag-Verweigerung nicht akzeptieren müsse.»

Widerstand gegen Einbürgerung

Formell dürfte der Aushändigung des Schweizer Passes nichts im Wege stehen. Wie zu erfahren war, ist I.S. nicht vorbestraft. Sozialhilfe bezieht er keine mehr – zumindest nicht, seit er von Oberwil nach Ettingen gezogen ist. Das war vor Juli 2014.

CVP-Landrätin Christine Gorrengourt ist Ettinger Bürgerin. Ihre Haltung gegenüber dem Gesuch gibt sie heute schon bekannt: «Wer einer Frau die Hand nicht reichen will, kann nicht eingebürgert werden.» Georges Thüring (SVP), Präsident der Petitionskommission, welche Einbürgerungsgesuche für den Landrat überprüft, hat es zunächst die Sprache verschlagen. «Ich glaube nicht, dass wir bei den Handschlag-Verweigerern von Integration sprechen können. Persönlich werde ich das Gesuch ablehnen. Als Präsident der Kommission versichere ich aber, dass sein Gesuch ordentlich geprüft wird, wie jedes andere auch.»

Basler Zeitung

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