Zum Hauptinhalt springen

Dem Flussbett entwächst ein Stromgigant

Der Bau des Kraftwerks kommt schneller voran als geplant. Das ist aber kein Grund zur Euphorie. «Wir sind in einer heiklen Phase», sagt Projektleiter Helmut Reif von der Firma Energiedienst AG.

Das Maschinenhaus wird im Flussbett in dreissig Metern Tiefe ausgestaltet und in die Höhe gezogen. Gleichzeitig hat die Austiefung des Unterwassers begonnen. Die Baustelle ist die grösste ihrer Art in ganz Mitteleuropa. Und wenn Neu-Rheinfelden ans Netz geht, wird hier im Vergleich zum alten Kraftwerk viermal mehr Strom produziert. Die Anforderungen an die Planung sind gewaltig. «Dank Modellversuchen an der Universität in Karlsruhe können wir hier ein Kraftwerk bauen, das optimal funktioniert», wird den erstaunten Besuchern auf den regelmässigen Rundgängen erklärt. Gross ist die Zahl der neugierigen Gäste. Der Bau einer Energiezentrale mitten in einem viel Wasser führenden und bei anhaltenden Regenfällen reissenden Fluss begeistert den technischen Verstand. In einem speziell eingerichteten Pavillon werden die Gäste informiert, später kann man dann, geschützt mit Helm und unter kundiger Führung, die Baustelle zu Fuss besichtigen. Vier Baustellenführer stehen im Dienst des deutschen Energieunternehmens: Im vergangenen Jahr führten sie rund 15 000 Besucher durchs Gelände, dieses Jahr werden doppelt so viele erwartet.

Soeben wurden die Saugrohrpanzerungen platziert, welche die vier Turbinen aufnehmen werden – das Herz des Kraftwerks. Jede dieser Einheiten wiegt 750 Tonnen, die später, unsichtbar für das Auge, verborgen im steten Wasserstrudel, Strom für 200 000 Haushalte produzieren. Die beiden ersten Turbinengeneratoren werden im Jahr 2010 anlaufen. Dann wird das alte Kraftwerk abgeschaltet. Denn allein mit zwei Turbinen produziert Neu-Rheinfelden mehr Strom als das alte Werk, in dessen Maschinenhaus sich über zwanzig Turbinen drehen. Der immense Fortschritt der Technik zeigt sich an solchen Vergleichen. Mit den vier Superturbinen ist das Kraftwerk allerdings fast zu stark bestückt, die Nutzung der Wasserkraft könnten sie völlig ausreizen. Zusammen verarbeiten die Turbinen maximal 1500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Ein Wert, der nur an fünfzig Tagen im Jahr erreicht wird. Der Durchschnitt liegt bei knapp über tausend Kubikmetern pro Sekunde.

Für die Austiefung des Flussbetts – sie ist nötig, um das Wasser aus den Turbinen ideal abzuleiten und eine Fallhöhe von maximal neun Metern zu garantieren – werden im Rhein eine Million Kubikmeter Gestein ausgebaggert. Dies auf einer Breite von hundert Metern und einer Länge von 1,8 Kilometern, bis fast vor die Tore der Stadt. Für diese Aufgabe setzt man eine verblüffende Technik ein: Die Ausbaggerung erfolgt nicht etwa auf schwimmenden Pontons (Projektleiter Helmut Reif: «Das wäre wegen der Strömung zu gefährlich»), sondern mittels Aufschüttung eines Damms mitten im Fluss. Die Tagesleistung an Aushub beträgt gegen 2500 Kubikmeter. Hat man die Länge erreicht, wird der Damm wieder zurückgebaut.

Die Flusssohle wird jeweils vorgängig mit unterirdischen Sprengungen gelockert. Im Einsatz stehen satellitengesteuerte, bis zu 130 Tonnen schwere Bagger, deren Schaufeln fähig sind, unter Wasser das abzutragende Erdreich automatisch zu orten. Nötig ist das, weil der Baggerführer keine Möglichkeit hat, unter die Wasseroberfläche zu schauen. Neunzig Tonnen schwere Laster, die wie Amphibienfahrzeuge sich selbst in tiefem Wasser fortbewegen können, schütten unentwegt den Damm auf.

Ein Teil des Aushubs wird für den Strassenbau verwendet, ein anderer nach dem Jahr 2010 für die Schlussphase des Bauwerks: die Umwandlung des Kanals in ein ökologisches Umgehungsgewässer. Auch wenn der Bau des Kraftwerks ein Eingriff in die Natur ist, wird auf ökologische Aspekte geachtet: Der Beton für den Bau des Wehrs und des Maschinenhauses wird in unmittelbarer Nähe in der Kiesgrube «Chleigrüt» produziert – der Kies dafür stammt aus dem Flussbett. Eine erste Fischtreppe, ein 44 Becken langer Fischpass, ist bereits entlang der Kanalmauer in Betrieb.

Viel Lob hält Projektleiter Reif für seine über hundert Mitarbeiter bereit, die in drei Schichten von morgens fünf bis nachts elf Uhr eine teilweise harte und nicht ungefährliche Arbeit verrichten: «Es gibt aber auch immer wieder Gelegenheiten, um zusammenzukommen und ein Fest zu feiern.» Dramatische Situationen gab es bisher keine, wohl aber Befürchtungen wegen der Wasserführung, die bei 4000 Kubikmetern in der Sekunde kritisch werden kann. Ein Wert, der kürzlich erreicht worden ist. In der Folge musste die Baustelle von Tonnen von Schlamm befreit werden. Reif: «Wir leben vom Wasser, aber zu viel ist ungünstig, auch für die Stromproduktion.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch