In Erklärungsnot

Riehen

Bischof Felix Gmür nimmt Stellung zum vorbestraften Riehener Priester Stefan Küng.

«Wollen Sie das wirklich, Herr Küng?» Bischof Felix Gmür (rechts) mit seinem Sprecher Hansruedi Huber an der Medienkonferenz in Solothurn.

«Wollen Sie das wirklich, Herr Küng?» Bischof Felix Gmür (rechts) mit seinem Sprecher Hansruedi Huber an der Medienkonferenz in Solothurn.

(Bild: Keystone)

Alessandra Paone
Nina Jecker

Hinter einer Mauer, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, befindet sich an der Baslerstrasse 58 in Solothurn der Sitz des Bistums Basel.

Eine Allee aus kegelförmigen Buchsbäumen führt zum Haupteingang. Im Inneren steht alles bereit: weisse Stühle, zu einem Halbkreis geformt, Gipfeli und Kaffee. Hier soll an diesem Morgen Ende Januar Klarheit geschaffen werden. Es geht um nichts weniger als Transparenz.

Hansruedi Huber, Sprecher des Bistums Basel, empfängt die Journalisten am Eingang. Er sagt: «Wir verzichten heute auf den Einzug der Ministranten.» Ein gut gemeinter Spruch des aufmerksamen Kommunikationsverantwortlichen, der die latent angespannte Atmosphäre im Raum lockern soll, aber gleichzeitig grotesk anmutet: In wenigen Minuten wird Bischof Felix Gmür erklären müssen, wieso Stefan Küng, der wegen sexueller Handlungen mit Kindern verurteilt worden war, in der Gemeinde Riehen beinahe Priester geworden wäre.

Noch im 2010 ist Stefan Küng Priester im thurgauischen Aadorf und stark in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert. Als bekannt wird, dass der damals 40-Jährige mehreren Jugendlichen die Füsse massiert und sie dafür bezahlt hatte, setzt ihn das kantonale Untersuchungsrichteramt für mehrere Wochen in Untersuchungshaft.

Zwei Jahre später erlässt die Thurgauer Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl wegen sexueller Handlungen mit Kindern; er wird zu einer bedingten Geldstrafe von 4000 Franken verurteilt.

Trotz seiner Vorgeschichte findet Küng 2015 wieder eine Arbeitsstelle als Aushilfspfarrer in Riehen. Er kommt sehr gut an bei den Leuten, man mag ihn. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, was damals in Aadorf geschehen ist.

Man blendet es aus. Vor allem die Riehener Pfarrwahlkommission: Sie schlägt ihn als festangestellten Pfarrer für die Kirche St. Franziskus vor. Nach einer einjährigen Abklärungsphase stimmt auch Bischof Gmür der Wahl zu.

Zustimmung nur mit Auflagen

Doch unter den Kirchenmitgliedern regt sich Widerstand – ein Referendum verhindert die Stille Wahl. Stefan Küng soll sich am 10. Februar einer offenen Wahl stellen. An einer Infoveranstaltung in Riehen gewinnt er das Vertrauen.

Allerdings nur für kurze Zeit, bis die bz Basel den Inhalt des Strafbefehls öffentlich macht. Küngs sexuelle Handlungen gehen über die Fussmassage hinaus. Er habe einen 16-jährigen Jugendlichen unter dem T-Shirt an Bauch und Brust gestreichelt und ihn auf den Nacken geküsst. Küng beteuert zwar weiterhin seine Unschuld, bricht dann aber unter dem enormen Druck zusammen und zieht seine Kandidatur zurück. Das war vor einer Woche.

Bischof Felix Gmür betritt den Raum, setzt sich an den Tisch und winkt lächelnd einem bekannten Journalisten zu. Mit der vorbereiteten Rede in der Hand sagt er, was in den letzten Tagen schon sein Sprecher gesagt hat. Dass er sich schon 2015 die Frage gestellt habe, ob der straffällig gewordene Priester Stefan Küng erneut als Priester eingesetzt werden könne.

Nach reiflicher Überlegung habe seine Antwort Ja gelautet. «Die Bewährungsfrist war ohne Zwischenfälle abgelaufen. Es gab keine rechtlichen Auflagen, kein Berufsverbot, kein Kontaktverbot und kein Rayonverbot – weder vom Staat noch von der Glaubenskongregation in Rom», sagt er. Das forensische Gutachten habe die Rückfallgefahr auf einer Skala von eins bis neun mit eins beurteilt.

Seine Zustimmung, wie Gmür betont, war aber klar an Bedingungen geknüpft: totale Transparenz gegenüber der Pfarrei, supervisorische Begleitung und keine Kinder- und Jugendarbeit. «Mir war von Anfang an klar, dass eine berufliche Wiedereingliederung nur über Transparenz möglich wäre. Soweit es mir die Gesetze des Persönlichkeits- und Opferschutzes erlaubten, kommunizierte ich alles, was ich wusste.

Bis zur Offenlegung des Strafbefehls durch den Thurgauer Staatsanwaltschaft war Küng die einzige Person, die über den Inhalt des Strafbefehls hätte Auskunft geben dürfen. Das hat er jedoch nicht getan», sagt der Bischof. Ein fulminantes Votum zum Abschluss, mit der Absicht, so hat man den Eindruck, sich aus der Verantwortung zu nehmen.

Die anwesenden Journalisten überzeugt er damit nicht. In der Fragerunde reicht die vorbereitete Stellungnahme nicht mehr aus.

Wieso hat er die Informationsveranstaltung in Riehen nicht besucht, um sich zu vergewissern, dass Küng die Wahrheit sagt? Gmür weicht aus, verweist auf andere. Er habe ja gewusst, dass kritische Personen und auch die Medien anwesend sein würden, um Transparenz einzufordern, sagt er.

Es folgt eine weitere Frage: Hat er alles kommuniziert, was er wusste, wie es in der Medienmitteilung steht, oder nur, was er durfte? Gmür kannte den Inhalt des Strafbefehls, wie er zugibt. Aber er möchte diesen nicht beurteilen, das habe der Staatsanwalt getan.

Wie er die Delikte persönlich einschätzt – dazu schweigt er ebenfalls. Und genauso wenig beantwortet er die Frage, ob er Küng in der Stillen Wahl von 2017 bestätigt hätte, wäre nicht das Referendum ergriffen worden. Gmür wird nervös. «Das ist keine Frage», sagt er schroff. «Alles rein hypothetisch.»

Andere Kandidaten im Gespräch

Ihm ist unwohl bei der ganzen Sache; das wird in seinen Antworten immer wieder deutlich. Er sei erleichtert gewesen, dass die Wahrheit ans Licht gekommen ist, sagt er. Man habe versucht, Küngs Wahl zu verhindern. Andere Kandidaten seien zur Bewerbung motiviert worden. Als er durch die vielen Zuschriften gemerkt habe, dass ein Referendum zustande kommen könnte, habe er erneut mit Küng gesprochen – und ihn gefragt: «Wollen Sie das wirklich, Herr Küng?» Dieser wollte.

Felix Gmürs Botschaft ist klar: Er konnte die Wahl nicht verhindern, selbst wenn er es gewollt hätte. Ihm sei nur eine Möglichkeit geblieben. Abzuwarten, und die Wahl nachträglich für ungültig zu erklären, sollte Küng sich nicht an die Transparenzbedingung gehalten haben. Ein Termin hierfür war bereits vereinbart worden. Zur Abmachung gehörte, dass der Seelsorger sämtliche Details offenlegt. Auch jene sexuellen Handlungen, die er in der Vergangenheit immer wieder bestritten hatte.

Glaubt ihm Gmür, dass es bei den Fussmassagen geblieben ist? Er antwortet: «Mir gegenüber hat er den Sachverhalt gar nicht bestritten. Nur, dass es so schlimm gewesen sei.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt