Kritik an Birsfeldens Stau-Lösung

Birsfelden

Ein Tropfenzähler soll die Blechlawine im Dorfzentrum begrenzen. Die Auto-Lobby befürchtet Mehrverkehr in anderen Gemeinden und fordert einen Autobahn-Ausbau.

Das Stauproblem «an der Wurzel packen». ACS-Geschäftsführer Christian Greif – auf der Rheinfelderstrasse in Birsfelden – will keine Dosierung.

Das Stauproblem «an der Wurzel packen». ACS-Geschäftsführer Christian Greif – auf der Rheinfelderstrasse in Birsfelden – will keine Dosierung.

(Bild: Pierre Stoffel)

Joël Hoffmann

17'000 Autos kriechen täglich durch Birsfeldens Strassen. Während der Stosszeiten staut sich der Ausweichverkehr im Dorf wie auf der überlasteten A2 – seit Jahren ein Ärgernis. Birsfelden hat genug und möchte den Verkehrsfluss regulieren können. Durch eine Ampel gesteuert soll der Verkehr portionsweise flüssig durch die Gemeinde rollen. Kanton und Bund unterstützen die Idee.

Doch die Auto-Lobby hat daran keine Freude: Christian Greif, Geschäftsführer des Automobilclubs (ACS) beider Basel, ist grundsätzlich gegen das Ansinnen der Gemeinde: Probleme würden verwaltet statt gelöst. «Wenn Birsfelden meint, das Stauproblem mit Dosierstellen lösen zu können, dann ist das reines Wunschdenken», sagt Greif. Der Ausweichverkehr werde einen anderen Weg über die Achse Pratteln–Muttenz nehmen. «Ich kann nicht glauben, dass die zwei Gemeinden den Birsfelder Verkehr einfach so auf sich nehmen.» Greif befürchtet, dass andere Gemeinden die Staumassnahmen übernehmen könnten. «Wenn Birsfeldens Idee Schule macht, kann man bald nirgends mehr durchfahren.» Greif will das Stauproblem «an der Wurzel anpacken», also die Kapazitätsengpässe auf der A2. Seine Lösung: «Die Autobahn muss ausgebaut werden.»

Brassel will weniger Autoverkehr

TCS-Präsident Christophe Haller dagegen zeigt Verständnis für Birsfeldens Anti-Stau-Massnahme. Allerdings sei bei der Umsetzung entscheidend, dass der Zugang zu den lokalen Geschäften gewährt bleibe. Haller geht mit Greif einig, dass man Stau nicht einfach lokal lösen könne. «Es braucht eine Gesamtschau.» So sei die Osttangente schuld am Stau und müsse nun endlich erweitert werden. Zusätzlich solle die deutsche Autobahn A98 besser einbezogen werden, diese könne zusätzlich die A2 entlasten.

Total gelassen, aber ebenso fundamental-ideologisch gibt sich Ruedi Brassel. Der Prattler SP-Gemeinderat glaubt nicht, dass Birsfeldens Staumassnahme grosse Auswirkungen auf seine Gemeinde haben wird. «Die Leute werden nicht über Pratteln ausweichen», sagt er. Falls wider Erwarten das Verkehrsaufkommen massiv zunehme, könnte sich die Gemeinde weitere Massnahmen nebst Tempo 30 in Quartieren vorstellen. Das könnte dann, so Brassel, eine Lösung sein, wie sie Birsfelden will. In einer «Portionierung», wie er das Rotlichtregime nennt, sieht der Sozialdemokrat sogar Vorteile: «Ich kann mir gut vorstellen, dass man dadurch weniger lang im Stau sitzt als bisher.» Für Brassel ist auch nicht der Stau das Problem, sondern die zu vielen Autofahrer. Um diese von den Strassen zu bringen, möchte er eigene Busspuren, eine S-Bahn mit Viertelstundentakt sowie zusätzliche und bessere Velowege. Zudem sollen Kanton und Firmen für ihre Angestellten Homeoffice und flexible Arbeitszeiten anbieten, um die Spitzen zu brechen. Dem Ausbau der A2 gibt er eine Abfuhr: «Es ist absurd und nicht finanzierbar, die Infrastruktur auf die Spitzenbelastung auszurichten.»

In Muttenz war gestern wegen einer Tagung des Gemeinderats keine detaillierte Stellungnahme zu erhalten. Gemeinderätin Heidi Schaub (SP) lässt mitteilen, dass der Gemeinderat Verständnis für Birsfelden habe, und dass man erwarte, in die Detailplanung miteinbezogen zu werden.

Der Kanton ist sich bewusst, dass mit den Birsfelder Massnahmen das Stauproblem nicht gelöst wäre. «Bund, Kanton und Birsfelden versuchen, den Leidensdruck der Bevölkerung zu lindern», sagt Urs Roth, Leiter Verkehr und Infrastruktur beim Tiefbauamt Baselland. Auch er geht nicht von einem messbaren Mehrverkehr in Pratteln und Muttenz aus. Das zuständige Bundesamt für Strassen (Astra) ist selber nicht restlos überzeugt und hält sich eine Hintertür offen: «Die Ampeln müssen so steuerbar sein, dass ein Rückstau auf die Autobahn verhindert wird.» Im Rahmen einer Studie werden Birsfeldens Anti-Stau-Massnahmen geprüft. Sollte das Astra einen Rückstau auf die Autobahn befürchten, muss sich Birsfelden wohl eine neue Lösung einfallen lassen.

Basler Zeitung

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