«Den früheren Ensy würde ich heute kräftig verprügeln»

Pratteln

Musik widerspricht seinem islamischen Glauben. Trotzdem präsentiert Rapper Ensy einen neuen Song. Im Interview schildert der Prattler sein Dilemma, seine Gedanken zu «Charlie Hebdo» – und seine Knast-Begegnung mit Eric Weber.

Nachdenklich in New York: Ensy hat sein neustes Video mit dem befreundeten bosnischen Starregisseur Haris Dubica gedreht.

Egal welche Resonanz das neue Ensy-Video zum Song «D' Wält gseh» (erhältlich bei iTunes) erfahren wird – es markiert einen Wendepunkt für den jungen Rapper aus Pratteln. Musikalisch und privat. Als Ensy vergangenen Sommer zum Clipdreh nach New York reiste, ging es in erster Linie darum, ein erstes Ausrufezeichen zu setzen. Ein visueller Vorbote zum Debüt-Album, das beweisen soll, dass der Baselbieter auch solo auf der Erfolgswelle reiten kann. Immerhin fand sich Ensy im Frühling 2013 gemeinsam mit seiner Crew Uslender Productions (UP) plötzlich auf Platz 4 der Schweizer Albumcharts wieder – ein Erfolg, der den meisten Musikern aus der Region verwehrt bleibt.

Warum aber ist aus dem Video mehr geworden als eine erste Visitenkarte? An Song und Clip hat sich nichts verändert. Ensy hingegen ist nicht mehr derselbe: Nach der Rückkehr aus New York ist seine Mutter schwer erkrankt. Es folgte eine Zeit der Besinnung, in welcher der Schweizer mit mazedonischen Wurzeln fast sämtlichen Lastern abschwor, heiratete und sich intensiv mit dem Islam auseinandersetzte. Sogar an der Musik kamen Zweifel auf, stand sie doch plötzlich im Widerspruch zu Ensys Glauben. Umso bemerkenswerter, dass Ensy nach monatelanger Funkstille ein musikalisches Lebenszeichen aussendet – und Grund genug für ein ausführliches Interview.

Ensy, was war der Auslöser deines Lebenswandels?
Seit meine Mutter schwer erkrankt ist, setze ich mich intensiv mit meinem Leben und mit Religion auseinander. Ich bete fünfmal pro Tag und habe in den letzten Monaten kein Gebet verpasst. Der Glaube hilft mir. Wer kennt unsere Probleme besser als unser Schöpfer? Es geht um Kleinigkeiten. Wenn man die Vorschriften des Islam einhält, lebt man ziemlich gesund.

Hast du deshalb mit Rauchen aufgehört?
Naja, mir ist es noch nicht ganz gelungen. Aber ich rauche sicher nicht mehr öffentlich. Mit Alkohol habe ich komplett aufgehört. Auch Kiffen und andere Drogen sind ein absolutes Tabu. Früher war das nicht so. Um die Zwanzig kannte ich kein Halten.

Hat dich der Glaube an deiner Musik zweifeln lassen?
Definitiv. Ich persönlich verstehe nicht, wieso mir mein Glaube verbieten soll, positive und lustige Musik zu machen – sie schadet ja niemandem. Wenn man hingegen viel flucht und andere ins Verderben führt, kann ein Verbot schon Sinn machen. So oder so: Unser Schöpfer weiss das besser. Wenn er etwas verbietet, hat das einen Grund.

Ist das religiöse Musikverbot denn eine Frage des Islam oder von dessen Auslegung?
Es gibt nur einen Islam! Nicht verschiedene Versionen, wie gewisse Leute das darstellen. Man kann sich die Dinge nicht einfach so zurechtlegen, wie es einem passt. Ich mache zwar Musik, akzeptiere aber auch, dass dies aus Sicht meiner Religion verboten ist. Klar, das ist eine Sünde – aber kein Mensch ist perfekt. Ich mache zu gerne Rap.

Kann man einen Rapper denn nicht mit einem predigenden Imam vergleichen?
Raptexte an und für sich sind nicht verboten. Das Problem sind die Beats, die Musik, die Instrumente! (lacht) Ich könnte auch Poetry Slam machen, aber das finde ich irgendwie hängengeblieben.

Was sagen deine Bandkollegen von Uslender Productions zu deinem Wandel?
Effe ist manchmal schon genervt – er ist halt nicht religiös. In gewissen Dingen bin ich strikt. Da kannst du mir nicht böse sein. Aber das ist natürlich schon eine Veränderung. Früher soff ich mit meinen Bandkumpels bis zum Abwinken.

Gibt es Situationen, die dir richtig Mühe bereiten?
Ja. Etwa, wenn in meiner Gegenwart gekifft wird. Ich meine das nicht böse. Früher war ich ja genauso – da ist das manchmal schwer nachzuvollziehen. Vorher sah ich, wie sich ein junger Typ an der Tramstation einen Joint angezündet hat. Neben einer Mutter mit ihrem Baby! Vor einem Jahr hätte ich gedacht: Geile Siech, der zündet sich einen Spliff an. Heute denke ich: Vollidiot!

Bereust du deine Drogenzeit?
Natürlich! Vieles hat mir geschadet. Ich verstehe nicht, wenn Leute sagen, dass sie ihre wilden Zeiten wegen der wichtigen Erfahrungen nicht bereuen. Man kann auch aus Fehlern von anderen lernen! Den früheren Ensy würde ich heute kräftig verprügeln, ehrlich!

Gab es Momente, in denen du ernsthaft mit der Musik aufhören wolltest?
Nein. Ich habe es mir überlegt und kam zum Schluss, dass ich sicher mein Solo-Album beenden werde. Schliesslich haben viele Leute mitgeholfen und es wurde Geld investiert. Ich kann nicht einfach zu meinen Beat-Produzenten gehen und sagen: Sorry, ich bin jetzt Muslim und will ins Paradies – was ihr in den vergangenen Monaten für mich gemacht habt, könnt ihr wegschmeissen. Das geht nicht! Ich habe in New York zwei Videoclips mit Haris Dubica gedreht – das ist ein verheirateter Mann. Er hat übrigens auch den «Würsch sie»-Clip von Uslender Productions gedreht.

In besagtem UP-Video sind viele leicht bekleidete Frauen zu sehen. Ist ein solcher Clip für dich heute noch denkbar?
Ganz sicher nicht! Das könnte ich nicht mehr vereinbaren mit mir und mit Gott. Das wäre peinlich. Ich bin dagegen, dass Frauen so aufreizend herumlaufen. Nackte Haut führt Menschen ins Verderben.

Du hast vor kurzem geheiratet. Wie kleidet sich denn deine Frau auf der Strasse?
Ziemlich neutral. Keine Angst, sie trägt keine Burka! Wir haben auch schon über ein Kopftuch geredet, aber das kann sie selber entscheiden. Hast du das Video gesehen, in dem eine Frau auf den Strassen von New York von über hundert Männern angemacht wird und über das sich alle empören? Das ist doch lächerlich! Für mich sind ihre figurbetonten Kleider nichts Selbstverständliches. Das provoziert.

In deiner Logik wäre deine Frau also selber schuld, wenn sie auf der Strasse von einem Passanten angemacht würde?
Es kommt immer drauf an, wie man sich anzieht. Mich stört freizügige Kleidung, nicht aber ein dezentes Alltagsoutfit. Was wo dazu gehört, darüber kann man natürlich streiten.

Was sagst Du zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS)?
Mit dem Thema habe ich mich noch nicht gross befasst. Aber ich finde es dumm, wenn man an Hand eines verschwindend kleinen Prozentsatzes sagt: So ist der Islam. Sonst wären die Deutschen ja immer noch ein Nazi-Volk. Stell dir vor wir hätten in der Schweiz 5000 Rechtsradikale, die sich als einzige echte Schweizer darstellen. Da denkst du auch: Halt, ich bin nicht so! Wieso werde ich mit denen in den selben Topf geworfen? Ich habe nichts gegen einen Staat islamischer Prägung – wenn das der Schöpfer so will. Aber ich bin dagegen, dass man ihn gewaltsam durchsetzen will. Das ist eine Katastrophe! Man kann doch nicht jemanden köpfen, nur weil er nicht zum Islam konvertieren will. Wie kann ein Mensch, der Fehler macht, darüber urteilen, was bestraft wird? Das darf nur Gott.

Vor einem Jahr hast du medienwirksam einen Streit mit dem SVP-Politiker Lukas Reimann angezettelt, nun denkst du öffentlich über einen Diss-Track gegen den islamkritischen Satiriker Andreas Thiel nach. Du bist eigentlich ziemlich streitlustig.
Natürlich! Vor allem gegenüber SVP-Politikern. Ich kritisiere gerne andere, muss dafür aber auch selber Kritik einstecken. Das ist easy, schliesslich unterhalte ich die Leute. Wenn ein Politiker wie Reimann ständig gegen Kopftücher und dergleichen kämpft, muss doch jemand dagegen halten. Meine Mutter trägt ein Kopftuch. Sie ist der friedlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Aber natürlich sieht sie auch die Plakate, auf denen mit Frauen in Burkas der Teufel an die Wand gemalt wird. Sie fragt mich dann: Ist die Schweiz wirklich so? Ich muss ihr dann erklären, dass dieses Land nicht so tickt – sondern nur ein paar Vollidioten. Es herrscht pure Islamophobie und man erkennt es nicht einmal. Das Schlimmste sind Leute, die ihre persönliche Meinung zum Islam als Satire tarnen. Das stresst mich! Wenn Satire die Ängste des Volkes nährt, schlägt sie in meinen Augen fehl. Gelungene Satire ist für mich etwa, wenn wir mit Uslender Productions selbstironische Witze über Ausländer reissen. Wir übertreiben, um den Leuten die Angst zu nehmen und zu zeigen: Genau so ist es nicht. Die Aussage von Islam-Satirikern hingegen lautet: Es ist so.

Selbst wenn es so ist: Ein Massaker wie jenes auf der Redaktion des Magazins Charlie Hebdo in Paris wird aber durch keine noch so spitze Satire legitimiert – oder?
Es gibt bestimmt Auslöser, die zu dieser Aktion geführt haben. Aber NEIN: diese Tat darf durch nichts legitimiert werden und ist zu verurteilen. Mit dem Islam hat diese Handlung nichts zu tun. Wenn das tatsächlich Muslime waren, so haben sie einiges falsch verstanden.

Kann ein gläubiger Muslim keine religiösen Witze machen? Ist der Islam eine humorlose Religion?
Wenn der Islam auf eine lustige und wahre Art dargestellt wird, habe ich kein Problem damit. Heikel wird es jedoch bei bösartigem schwarzen Humor. Gar nicht in Ordnung gehen Witze über Gott oder die Propheten. Aber natürlich kann man über gewisse Klischees Witze reissen – das mache ich ja auch mit Kollegen. Es kommt halt drauf an, wer das macht. Ich interpretiere einen Witz anders, wenn er aus der rechten Ecke kommt. Moslems sind vielleicht etwas empfindlich in dieser Hinsicht. In praktizierenden Kreisen traut sich keiner, solche Witze zu reissen. Das heisst nicht, dass wir humorlos sind – aber ich muss mich ja nicht unbedingt mit Gott anlegen.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn du an deinen Geburtsort Tetovo, eine Kleinstadt im Nordwesten von Mazedonien, zurückkehrst?
Dann heisst es von allen Seiten: «Ciao Ensy, geile Siech». Überall Schweizerdeutsch. Wenn ich in Tetovo bin, sind meistens auch die anderen Landsleute aus der Schweiz dort. Jeder weiss, dass ich rappe. Es ist fast wie in der Schweiz. Aber ich würde nicht mehr dort leben wollen – zwei Wochen Ferien sind das Maximum. Verstehe mich nicht falsch: Ich liebe mein Heimatland, aber wenn einen ständig alle treffen wollen, ist das ziemlich stressig. Zudem passt es mir nicht, wie mich gewisse Händler und Taxifahrer über den Tisch ziehen wollen, weil ich in der Schweiz lebe. Das tut weh. Zuerst macht man in der Schweiz rassistische Erfahrungen, dann wird man auch im Heimatland diskriminiert – das ist schon krass. In der Schweiz fühle ich mich wohler.

Ausser im Basler Gefängnis. Dort hast du im Oktober 2012 den umstrittenen Basler Politiker Eric Weber kurz vor dessen Wiederwahl in den Grossen Rat kennen gelernt. Wie kam es dazu?
Ich war mit einem Kollegen unterwegs nach Pratteln, als uns die Polizei angehalten hat. Nachdem mich vier Polizisten minutiös untersucht hatten, musste ich die Nacht in Untersuchungshaft verbringen.

Warum?
(Zögert) Ach…egal. (Grinst) Schlussendlich wurde ich wegen dem Besitz einer Waffe verurteilt, von der ich nichts gewusst habe. Ursprünglich ging es um Drogenhandel, aber die Polizei fand nichts bei mir – weil ich nichts verbrochen habe. Auf jeden Fall wurde ich am Morgen nach der Inhaftierung mit Handschellen in einen Kastenwagen geführt – voll krass, schliesslich sah ich mich nicht als böser Junge –, dort traf ich dann auf Eric Weber. Wir landeten in einem Raum im Waaghof. Er drehte immer wieder das Radio lauter und war irgendwie voll komisch drauf. Als er mir dann sagte, dass er Politiker sei, glaubte ich ihm nicht – für mich war das ein Psychopath. Er war supernett zu mir und machte einen auf Opfer. Ich hätte nie gedacht, dass Weber ein Rechtsradikaler ist. Er erzählte mir von seiner Freundin in Deutschland, motzte über den Wahlbetrugs-Vorwurf und beteuerte seine Unschuld. Das war kurz bevor Weber an den Grossratswahlen für Furore sorgte. Danach sah ich sein legendäres Video-Interview mit der BaZ – und fand es mega lustig. Ich erzählte allen Kollegen: Guck, mit dem war ich in U-Haft, voll krass!

Zurück zur Musik: Was hast du für Ambitionen hast mit dem Solo-Album? Wirst du alles auf die Karte Musik setzen?
Das habe ich doch bereits gemacht – aber ich bin zu faul. Ich bräuchte einen Manager, der mich in den Arsch tritt. Ich habe so viel Potenzial. Wenn ich mehr machen würde, könnte ich einiges reissen. Aber so kann ich nicht alles auf HipHop setzen. Ich kenne mich: Wenn ich mit meinem Solo-Album Gold holen würde für mehr als 10'000 verkaufte Einheiten – du würdest drei Jahre nichts mehr hören von mir. Ich würde ein paar Konzerte und etwas Geld machen und gut ist. Ich brauche jemanden, der mich zur Arbeit zwingt.

baz.ch/Newsnet

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