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Ein wahres Vorfasnachtsfeuerwerk

Früher gab es vor der Fasnacht das Monstre und das Preistrommeln. Heute hat sich die Zahl der Veranstaltungen vervielfacht.

Früher gab es noch das Monstre-Trommelkonzert, das man damals nie Drummeli, sondern nur Monstre nennen durfte.
Früher gab es noch das Monstre-Trommelkonzert, das man damals nie Drummeli, sondern nur Monstre nennen durfte.
Peter Armbuster

Vorfasnachtszauber?

Gestresste Trommelfelle schon im Dezember?

Heisere Piccolos bereits ab Januar?

Und eine Agenda, die einen zwei Monate vor dem Morgestraich auf sämtliche Theater­sessel dieser Stadt jagt?

NEIN! DAS GAB ES VOR 50 JAHREN NOCH NICHT.

DA LAG DIESE GESPENSTISCHE FASNACHTSSTILLE ÜBER DER STADT – NUN JA, SO UNGEFÄHR WIE DER MOMENT IN DER KIRCHE, WENN MAN AUF DEN PFARRER WARTET.

Oder eben: dieser einzigartige Kinderaugenblick, wenn man in der Küche die Sekunde herbeisehnt, wo das Weihnachtsbaumglöggli dem fiebrigen Warten ein Ende bereitet.

Nun ist beides irgendwie zur Sau: das lange Warten aufs Glöggli. Und das Sich-Gedulden auf den Vier-Uhr-Schlag. ­SOWOHL VOR WEIH- WIE FASNACHT GEHT DIE PARTY AB! EIN BISSCHEN EJACULATIO PRAECOX.

Das Monstre

Zu meiner Kinderzeit – das war in den 50er-Jahren – gab es als Vorfasnachtsveranstaltungen nur drei Schwerpunkte: das offizielle Preistrommeln und -pfeifen, das Monstre-Trommelkonzert (das man damals nie Drummeli, sondern nur Monstre nennen durfte) und die Marschübungen in der Hard.

Na gut: Meine Mutter besuchte noch etwas, das man s Conzärtli nannte. Es fand damals im Stadtcasino statt. Und sie kam meistens kopfschüttelnd nach Hause und brummelte: «S isch nimm wie friehner …»

Als ich Anfang der 70er-Jahre als Journalist dieses Conzärtli der Zofinger im kaum halb besetzten Casino-Festsaal besuchte, verstand ich nur Bahnhof. Sowohl die jungen Fuchsen wie auch die erfahrene Activitas führten jeweils ein Theater in mindestens drei Akten auf. Es ging um Professoren-Fürze und darum, dass das badische Dienstmädchen der Merians deren ­Neffen flachgelegt hat. Den unverständlichen Pointen war ein brutal hingehämmertes Konzert vorangegangen, bei dem ein Student am Flügel auch den tauben Beethoven aufgeschreckt und zum Weinen gebracht hätte.

Erst zwei Jahrzehnte später, als die Zofinger ihre Vorfasnachtsveranstaltung strafften, die Themen nicht nur um Daig und Alma Mater kurven liessen, wurde das Conzärtli zum Publikumserfolg. Der Andrang ist heute so gross, dass die älteste Vorfasnachtsveranstaltung der Stadt (jawohl, älter als das Monstre!) eine Zusatzvorstellung einschieben muss.

DAS EIGENTLICHE HIGHLIGHT DER VORFASNACHTSVERANSTALTUNGEN JEDOCH WAR DAS MONSTRE.

Charivari, Pfyfferli …

Wenn ich an die Cliquenauftritte von damals denke: MANN­OMANN! Schon leicht betrunken von sechs, sieben Stangen in der Küchlin-Bierschwemme, stülpte man die Larve auf die Birne. Stolperte die hölzerne Elefantentreppe zur alten «Kiechli»-Bühne hoch. Und spulte den Arabi runter.

Für die Tickets haben die Leute drei Nächte in der Mustermesse campiert. Für sie war dies eines der wenigen fröhlichen Vorfasnachts-Happenings, die Basel zu bieten hatte. Entsprechend stinkig waren die Drummeli-Ticketkäufer, als das Comité diesem Übernachtungslager den Schlusspunkt setzte. Und die begehrten Billette nur noch im Tombola-Verfahren vertickern wollte.

Baschi, ein Original aus der Kleinbasler Schoofegg-Szene, wehrte sich am lautesten. Er war es auch, der ein paar Fasnächtler zur Drummeli-Alternative anstachelte: s Charivari!

Später geschah das, was in Fasnachtskreisen üblich ist und ihren Weiterbestand garantiert: die Abspaltung. Hansjörg «Häbse» Hersberger, entschloss sich, in seinem eigenen Theater nun auch eine eigene Vorfasnachtsveranstaltung auf die Bretter zu legen – et voilà: Schon blühte ein Mimösli.

MIT DER TOMBOLA-IDEE HATTE DAS FASNACHTS-COMITE DIE ARSCHKARTE GEZOGEN. UND MIT DEN ERSTEN NEUEN VORFASNACHTSVERANSTALTUNGEN, DIE NUN EINE ZÜNDENDE ALTERNATIVE ZUM DAMALS EHER AUSGELUTSCHTEN MONSTRE-TROMMELKONZERT BOTEN, KAM KONKURRENZ AUF!

Rolli Rasser, der Leiter des Theaters Fauteuil, war nun ebenfalls Feuer und Flamme, als das Zyttigsanni zusammen mit Gérard Loch bei ihm vorsprach. Die Schnitzelbängglerin hatte eine zündende Idee: «Statt Drummeli: Pfyfferli!»

Und statt lauten Schenkelklopfpointen bissiger Witz. Der Fauteuil-Keller war bis auf den letzten Platz für die ganze Vorfasnachtszeit ausverkauft – und ist er mit seinem Pfyfferli auch heute noch.

… und viel mehr

Jetzt plötzlich ging das Vorfasnachtsfeuerwerk erst richtig ab: Ridicule … Stubete... Fasnachtskiechli … Kinder-Charivari … Wirrlete... Läggerli. Auch das Theater Arlecchino zog mit seinem Fasnachtsbändeli für Kinder mit – und schiebt dieses Jahr erstmals das Schyssdräggziigli nach.

Nicht genug: Pfeiferprimadonnen und Spitzentambouren (deren Gattung man vor Jahrzehnten allerdings bereits im legendären Museumskonzärtli geniessen konnte) jagen heute vor der Fasnacht mit Spitzenbängg von Auftritt zu Auftritt – selbst Viktor Giacobbo lockt die aktiven Fasnächtler immer am Freitag vor dem Morgestraich nach Winterthur zu einem «Basler Fasnachtsabend» in sein Casino-Theater.

Weniger ist manchmal mehr

Immer mehr laden auch private Veranstalter zu Vorfasnachtsabenden: s Frässerli von Peperoni; dazu kommen die kleinen Perlen wie s Räm-Pläm im Tabourettli oder der zauberhafte Källerstraich im Marionettentheater. Die offene Kirche Elisabethen fasziniert schon seit Jahren mit ihrem «Fasnachts-Gottesdienst» am Sonntagmorgen vor dem Morgestraich. Und natürlich sind da auch zig Cliquen-interne Vorfasnachtsmomente. Die Fasnachtswelt zündet ihre Kerzen an beiden Enden an.

Zurück zum ehrwürdigen, alten Monstre, das einst das allein seligmachende Unterhaltungsglück der langen Vorfasnachtszeit war: Man/frau ist über die Bücher gegangen. Hat sich gute Regisseure angelacht. Top-Schauspieler engagiert. Vor allem aber haben neue Regisseure die Cliquen zu Spitzenleistungen animiert. Ein lumpiger Arabi, ein vergammeltes Charivari-Kostüm, ein müder Witz, der zur Pointe umfunktioniert worden ist – das reicht nicht mehr. Im Zeitalter, da jeder sich über die Mediathek Spitzenunterhaltung reinziehen kann, ist die Messlatte für jede Vorfasnachtsveranstaltung hoch gelegt.

Allerdings besteht die Gefahr wie bei einem grossen Gala­buffet auf dem Traumschiff: Man über(fr)isst sich schnell.

Und wenn das eigentliche Dessert kommt, wenn die Turmglocken vier Mal zum Basler Höhepunkt schlagen: Dann sind die einen Aktiven schon fix und fertig. Und die passiven Geniesser bereits total «überfressen». NICHTS GEHT MEHR!

Für passive Vorfasnachts­besucher wie auch für alle Aktivisten gilt das alte Sprichwort: ­Weniger ist mehr.

Auch zur Vorfasnachtszeit.

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