Ein Pflock im Fleisch des Ungeheuers

Acht Jahre BaZ. Acht Jahre Auseinandersetzung mit einer Stadt namens Basel. Was habe ich gelernt?

Nicht eigensinnig, nicht baslerisch. Die Stadt am Rheinknie fördert ihre querulatorische DNA heute kaum mehr zutage.

Nicht eigensinnig, nicht baslerisch. Die Stadt am Rheinknie fördert ihre querulatorische DNA heute kaum mehr zutage.

(Bild: Bildarchiv)

Markus Somm@sonntagszeitung

Die Schweiz ist ein Land, das nur wenige Denkmäler kennt und wird eines aufgestellt, dann bleibt es meistens unbeachtet. So wie in Zürich kaum ein Passant das Monument vor dem Hauptbahnhof erkennt, das Alfred Escher, dem grossen Zürcher, gewidmet ist, so dürften bloss wenige Besucher Basels das sogenannte Strassburger Denkmal bemerken, das ähnlich prominent am Centralbahnplatz errichtet worden ist.

Es zeigt eine schöne, wenn auch leicht pummelige Helvetia, die mit ihrem Schild eine Frau und deren Kinder schützt. Die Frau trägt die Tracht der Elsässer und ihr zur Seite kauert ein Engel, der sie etwas hektisch umfasst, als wollte er sie trösten. Die Kinder sind nackt oder verwundet – Zeichen für die Krise, in die die Elsässer offensichtlich geraten waren. In der Tat: Im August 1870 hatten die Deutschen die damals französische Stadt Strassburg angegriffen und dann wochenlang belagert.

Nur dank der Vermittlung einer Schweizer Delegation aus Bern, Zürich und Basel erklärten sich die Deutschen bereit, mehr als tausend Zivilisten ziehen zu lassen; mehrheitlich handelte es sich um ältere Männer und Frauen sowie Kinder, die nun in der Schweiz aufgenommen wurden, wo man sie ernährte und rundum versorgte. Nach dem Krieg, dem Deutsch-Französischen von 1870/1871, kehrten sie in ihre Heimat zurück. Inzwischen war das Elsass jedoch Teil des neuen Deutschen Reichs geworden. Zwar hatte das kaum ein Elsässer gewünscht, sondern die meisten wären lieber Franzosen geblieben. Trotzdem war das Elsass annektiert worden.

«Reichsland Elsass-Lothringen» hiess es jetzt und wurde zunächst direkt von Berlin aus regiert. Für Basel bedeutete dies unter anderem, dass es nur noch an Deutschland grenzte. Aus dem Dreiländer-Eck war ein Zweiländer-Eck geworden – Frankreich, das der eifrigen Handelsstadt Basel seit Jahrhunderten nahegestanden hatte, lag nun sehr weit weg.

Offenbar waren die Strassburger in der Schweiz, insbesondere in Basel, gut behandelt worden. Jedenfalls stiftete ein französischer Baron nach einigen Jahren dieses Denkmal am Centralbahnplatz, das kein Geringerer als Frédéric-Auguste Bartholdi schuf. Bartholdi war auch der Schöpfer der weltberühmten Freiheitsstatue in New York, sodass Basel, die immer weltverbundene Stadt, damit auch ein wenig mit der Neuen Welt verknüpft schien, wenn auch symbolisch. 1895 wurde das Strassburger Denkmal eingeweiht.

Die Weltoffenheit, die wir meinen

Vor einigen Wochen hat Daniel Gerny, ein Basler, in der NZZ über Basel geschrieben und ebenso an dieses Denkmal erinnert, um das Wesen von Basel zu erfassen. Für ihn bedeutete es ein Symbol dieser Stadt, ein Symbol der Weltoffenheit, ein Hinweis darauf also, dass sich die Basler anders als die übrigen Schweizer schon immer auch mit ihren ausländischen Nachbarn verbunden fühlten – was wohl in den Augen von Gerny auch regelmässig dazu geführt hat, dass die Basler in manchen politischen Fragen vom durchschnittlichen Urteil der Schweizer, insbesondere der Deutschschweizer, abwichen.

Genau so hat das Gerny nicht geschrieben, doch, weil er ein Basler ist, vermute ich, schwang dieses Selbstverständnis mit. Basel tickt anders! Hiess es einmal emphatisch in dieser Stadt – und nach acht Jahren harter Auseinandersetzung, Begeisterung für und Ärger über diese Stadt, nach acht Jahren als Chefredaktor der wichtigsten Zeitung dieser Region, stelle ich fest: Es stimmt – und stimmt leider nicht.

Wenn Basel – diese reiche, verwöhnte, meistens glückliche, dennoch oft nörgelnde Stadt – an etwas wirklich krankt, dann an seiner Normalität. Insgeheim hat sich die Stadt mit der übrigen Schweiz voreilig versöhnt, ohne sich dessen bewusst zu sein, was es umso tragischer erscheinen lässt. Man glaubt, «anders zu ticken», und tickt im Takt. Die Tragik wird vertieft, weil diese Normalität so gar nicht der erstaunlichen Geschichte dieser Stadt entspricht. Basel spielte in der Eidgenossenschaft, so meine Einschätzung, stets eine produktive Rolle als Financier und Querulant zugleich.

Unbestrittene Weltverbundenheit

Das Erstere leistet der wohlhabende Stadt-Kanton nach wie vor, das Letztere immer seltener. Das ist zu bedauern. Die Schweiz bräuchte eine Stadt, die intelligent und stachlig zugleich sich von den übrigen etwas plumperen Städten unterscheidet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Von einer Basler Sonderexistenz ist kaum mehr etwas zu spüren. Die Stadt ist rot-grün-bünzlig wie Aarau, Zürich, Uster oder Bern.

Es wird Abfall getrennt und Velo gefahren, das Auto weggescheucht, der Strom aus der Luft gegriffen, solange die Sonne strahlt, es wird in der Bildung die Leistungsgesellschaft wegtherapiert sowie der Kapitalismus überwunden, etwaige Schattenseiten der Immigration werden konsequent schöngeredet. Wenn man diese vorherrschende Haltung mit jener in anderen angeblich urbanen Kreisen ob in Baden, Schaffhausen oder Winterthur vergleicht, dann findet man nichts Originelles, nichts Eigensinniges, nichts Baslerisches.

Vor allen Dingen – und auch das gilt allgemein als chic unter den Urbanen – ist man für «Offenheit», was immer das bedeuten mag, meistens erklärt man sich «offen» für Europa, für die UNO, offen für sehr viel Internationales, wenn es nur so klingt. Immerhin, so geht die Rede besonders in Basel, war man schon früher weltverbunden.

Dass diese unbestrittene Weltverbundenheit der Basler etwa darin bestand, die Hugenotten, protestantische Flüchtlinge aus Frankreich, sehr selektiv aufzunehmen, nämlich nur jene, die ausreichend Vermögen vorwiesen oder herausragende Fähigkeiten, während die anderen nach Deutschland weitergereicht wurden; oder dass diese erzföderalistische, anti-zentralistische Stadt sich lange mit dem Bundesstaat schwertat und lieber konservativ-elitär blieb, als mit Bern und Zürich dem sogenannten Fortschritt nachzueilen – solche Ausprägungen des Basler Eigensinns werden gerne übersehen, sofern sie der verbreiteten Meinung widersprechen, dass Basel schon immer dem linksliberalen, «weltoffenen» Lager angehört hatte.

Dabei war Basel vor allem eines: ein Pflock im Fleisch des Ungeheuers, das sich Mehrheit nennt, ein Widerspruch zum Zeitgeist, ein Ausrufezeichen im langweiligen Text des Status quo. Sie war die Stadt des Unzeitgemässen – ob sie sich einmal linker verhielt als der Rest der Schweiz oder konservativer als alle angeblich Vernünftigen: Immer fiel sie ab und auf.

Willkommen in der Provinz

Was heute in Basel beelendet, ist die Tatsache, dass dieser wertvolle Eigensinn sich fast nur noch in Fasnachts-Ritualen und FCB-Fankurven auslebt, man hält sich für etwas Besseres und Raffinierteres, was man früher durchaus war, man ist aber weder besser noch raffiniert, sondern rot-grün-normal. Die Geschichte, schrieb einmal Karl Marx in Anlehnung an Hegel, wiederhole sich immer zwei Mal: einmal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.

Noch befindet sich Basel nicht in der Phase der Farce. Noch ist es nicht zu spät. Gerade als Chefredaktor einer BaZ, die sich erlaubte, vom Üblichen hin und wieder abzuweichen, habe ich das erfahren. Stets lebten wir als Journalisten in der besten aller Welten. Selten haben ich und meine Journalisten so intensiv erlebt, wie eine Zeitung, wie unsere Arbeit eine Stadt in Bann schlagen kann.

Ob man uns ablehnte oder bekämpfte, ob man uns liebte und unterstützte – beides gab es zuhauf: fast nie erfuhren wir Desinteresse, selten schrieben wir Texte, die im Orkus des Vergessens für immer versanken. Das lehrte mich zweierlei: In Basel ist nach wie vor diese DNA vorhanden, die über die Jahrhunderte weitervererbt wurde und die ich bewundere.

Man muss sie lediglich berühren, sich auf sie beziehen, sie zutage fördern und Basel könnte wieder jene Stadt sein, die die Eidgenossenschaft stets herausfordert – mit ihrem Eigensinn, mit ihrem querulatorischen Geist der Verneinung. Auf die Gegenwart bezogen, hiesse das vor allem: dass sich das stolze Bürgertum dieser Stadt sich seiner Kraft und Tradition entsänne und sich der rot-grünen Gleichmacherei entgegenstellte. Noch ist Basel nicht Aarau.

Und das Strassburger Denkmal? Nimmt man es genau, war das Denkmal keineswegs Ausdruck jener angeblich weltoffenen, von der Schweiz abgewandten Haltung, welche die NZZ daraus ablesen will. Im Gegenteil, es ist ein Monument des schweizerischen und französischen Nationalismus. Denn der Baron, mit Sicherheit anti-deutsch eingestellt, wollte die Preussen mit diesem Denkmal beschämen und er traf gerade in Basel mit diesem Wunsch auf offene Türen.

Basel hatte sich während des Deutsch-Französischen Krieges mit Vehemenz auf die französische Seite geschlagen, wie übrigens fast die ganze, republikanische, also anti-preussische Deutschschweiz, während ironischerweise die Welschen für die Preussen Partei genommen hatten. Sie kannten das französische Empire besser und hassten Paris mehr als das ferne Berlin. In Basel war es umgekehrt.

Gerade die Basler hatten dies stets als eine Frage der Existenz betrachtet, sich auf sicherer Distanz zu den Imperien des Nordens zu halten – ob es sich um das Römische Reich deutscher Nation handelte oder das neue deutsche Kaiserreich. Aus keinem anderen Grund hatte man sich seinerzeit, 1501, der Eidgenossenschaft angeschlossen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Das Strassburger Denkmal steht keinesfalls für Weltoffenheit, sondern es ist ein Mahnmal der Abgrenzung.

So gesehen gleichen sich die beiden Denkmäler in Zürich und in Basel: So wie kaum ein anderer Politiker den schweizerischen Bund – also Nationalstaat – geprägt hat wie Alfred Escher, so hat sich kaum eine Stadt entschlossener den Grossreichen im Norden verweigert als Basel. Beide Denkmäler feiern die Eigenständigkeit, nein, den Eigensinn dieses Landes, der uns alle, ob Basler, Zürcher oder Badener erfolgreich und glücklich gemacht hat.

Das ist mein letzter Leitartikel in der BaZ. Ich möchte mich bei allen Leserinnen und Lesern herzlich bedanken für das stets wache Interesse, für die vielen Zuschriften und Zurufe, den Widerspruch und die Kritik, das Lob und den Enthusiasmus, das Abbestellen und Wiederbestellen der BaZ, vor allem danke ich auch den vielen Kolleginnen und Kollegen in Redaktion und Verlag für acht phänomenale Jahre in Basel. So long.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt