Die Spitalfusion ist vernünftig und überfällig

Die Lage ist so ernst, dass selbst nach einem Nein zum Unispital Nordwest die Fusion in Raten folgen wird.

Hand in Hand für die Spitalgruppe. Werner Widmer, Verwaltungsratspräsident Kantonsspital Baselland, der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger (CVP) mit seinem Baselbieter Kollegen Thomas Weber (SVP) und Robert-Jan Bumbacher, Verwaltungsratspräsident Unispital Basel (v.l.).

Hand in Hand für die Spitalgruppe. Werner Widmer, Verwaltungsratspräsident Kantonsspital Baselland, der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger (CVP) mit seinem Baselbieter Kollegen Thomas Weber (SVP) und Robert-Jan Bumbacher, Verwaltungsratspräsident Unispital Basel (v.l.).

(Bild: Kostas Maros)

Joël Hoffmann

Ich bekam kürzlich einen Anruf einer Leserin, die selbst im Gesundheitswesen arbeitet. Nach all den Beiträgen und Kommentaren über und von Befürwortern und Gegnern der Spitalfusion habe sie den Überblick verloren. Ist das Unispital Nordwest nun also eine gute Sache oder nicht? Nun, das Zusammengehen von Unispital Basel und Kantonsspital Baselland ist vernünftig und überfällig.

Die Spitalfusion entlastet Steuer- und Prämienzahler, bekämpft Fehlanreize wie unnötige Operationen, sichert eine qualitativ angemessene Ausbildung unserer Ärzte und letztlich auch den Forschungs- und damit den Wirtschaftsstandort Basel. Alle Akteure sind sich einig: Die aktuelle Situation und die überbordende medizinische Aufrüstung schaden allen. Und wie Recherchen im Umfeld der staatlichen Spitäler zeigen: Kommt es am 10. Februar an der Urne zu einem Nein, wird Plan B aktiviert: eine Fusion in kleinen Schritten. Doch dazu später.

Ich möchte nicht mehr zu sehr ins Detail gehen, sondern aus der komplexen Vorlage ein paar zentrale Punkte darlegen, die für den Patienten, den Prämien- und Steuerzahler besonders relevant sind. Was ändert sich beispielsweise für mich als Patienten, wenn ich einen Notfall habe? Nur ein Bruchteil der Notfälle sind gravierende Ereignisse, die etwa eine Intensivstation benötigen.

Meistens geht es um kleinere Verletzungen, wie etwa eine gebrochene Hand nach einem Sturz. Bisher konnte der Patient mit seiner Blessur zu jeder Zeit auf den Notfall in Laufen, Liestal, Basel oder auf dem Bruderholz. Er bekam überall eine Untersuchung und einen Gips. Auch mit der Spitalfusion erhält der Patient an allen vier Standorten seine Handschiene und die Sprechstunden.

Sollte der Arzt jedoch zu einer Operation raten, weil die Handknochen nicht schön zusammenwachsen, dann wird neu der vereinbarte operative Eingriff auf dem Bruderholz durchgeführt und nicht mehr an allen Standorten. Zudem bleibt der Patient nicht mehrere Tage im Spital, sondern nur ein paar Stunden. Das bedeutet also: Die meisten Notfälle und sämtliche Sprechstunden können wie bisher an allen Standorten genutzt werden.

Geplante ambulante Eingriffe und die stationäre Orthopädie jedoch werden nur noch auf dem Bruderholz angeboten. Und die restliche stationäre Versorgung, wie etwa die innere Medizin, findet ausschliesslich in Liestal und Basel statt, wobei Liestal seine hochkomplexen Eingriffe an Basel abgibt.

Fehlanreize eliminieren

Die Spitäler bündeln also nicht nur die für die Forschung und Ausbildung der Ärzte zentralen Fallzahlen, sondern bauen teure Infrastruktur ab: Laufen, Bruderholz und Liestal sind keine Maximalversorger mehr, sondern nur noch Basel. Eine teure und personalaufwendige Intensivstation auf dem Bruderholz beispielsweise ist nicht mehr nötig.

Die ambulatorische Tagesklinik, das TOP auf dem Bruderholz, mag für die Schweiz eine Innovation sein, ist international jedoch bereits etabliert. Schon seit geraumer Zeit können viele Operationen medizinisch einwandfrei ambulant durchgeführt werden. Der Vorteil: Ambulant ist nicht nur patientenfreundlicher, sondern auch viel günstiger. Zudem werden die Prämien- und Steuerzahler entlastet.

Gemäss einer Studie des Wirtschaftsprüfers Price Waterhouse Coopers könnten bereits heute die Krankenkassen 61 Millionen Franken pro Jahr sparen, wenn die Spitäler endlich den Grundsatz ambulant vor stationär umsetzen würden.

Doch Spitäler und Belegärzte verdienen vor allem an stationären Patienten. Die Region hat nicht nur die höchsten Krankenkassenprämien der Schweiz, sondern auch eine grosse Anzahl Orthopäden und damit die höchsten Zahlen an Knie- und Hüftoperationen.

Die Statistiken zeigen: In Basel wird unnötig operiert und zudem noch unnötigerweise stationär. Diese finanziellen Fehlanreize, einen Patienten tendenziell stationär zu behandeln statt ambulant, kommen bei Privatspitälern mit ihren Belegärzten besonders zum Tragen. Der Marktanteil der privaten Akteure in der Orthopädie beträgt über 60 Prozent.

Die Spitalfusion wirkt auch hier positiv. Die Gesundheitsdirektoren wollen, aber dürfen noch nicht, die Zahl der Spezialisten-Praxen regulieren, weil es zu viele gibt und damit auch zu viele unnötige Operationen. Die Tagesklinik auf dem Bruderholz ist ein Angriff auf die Privatspitäler. Ambulante Orthopädie ist nicht nur weniger lukrativ, sie bedingt auch besonders effiziente Abläufe, die für ein Spital mit fest angestellten Ärzte-Teams einfacher zu koordinieren sind als für ein Privatspital mit selbstständigen Spezialisten.

Zudem bleibt ambulant weitaus weniger Geld übrig, das sich Privatklinik und Privatarzt teilen können. Damit ist das Geschäftsmodell dieser Privatspitäler und der Spezialisten gefährdet. Das erklärt den teilweise gehässigen Widerstand einiger privater Akteure. Aber sowohl aus Patienten- als auch aus Prämienzahler-Sicht ist der mit der Tagesklinik Bruderholz forcierte Systemwechsel von stationär auf ambulant clever und vor allem sinnvoll.

Die Fusion ist also finanziell betrachtet vernünftig, auch wenn die Krankenkassenprämien wegen der Alterung der Gesellschaft weiter steigen werden. Ohne Fusion würden die Kosten für Steuer- und Prämienzahler hingegen noch stärker anwachsen. Mit der Spitalgruppe werden zudem Fehlanreize eliminiert und Gesamtkosten aus dem System genommen. Bereits oft genannt, und hier der Vollständigkeit halber erwähnt: Die Bündelung von Fallzahlen schafft mehr Qualität bei der Behandlung, sichert den Forschungsplatz Basel und hilft, die ausgebildeten Ärzte in Basel zu halten.

Angesichts dieser genannten Tatsachen, die für den Bürger bessere Behandlungs-Qualität bei gleichzeitiger finanzieller Entlastung bedeuten, sind Schwachpunkte der Fusion, wie etwa die ungleichen Beteiligungsverhältnisse zwischen Land und Stadt, Nebensächlichkeiten.

Dass Basel-Stadt mit dem Wert des Unispitals mehr Eigenkapital einbringt, ist auch auf dem Land unbestritten, und man ist in Liestal auch zu weiteren Konzessionen bereit. Und Tatsache ist, dass beide Häuser alleine zu wenig Geld erwirtschaften, um alleine ihre Investitionen zu decken. Der Vorschlag zur Fusion zum Unispital Nordwest kam denn auch von den Spitalleitungen und nicht von der Politik.

Tagesklinik kommt so oder so

Doch die Gegner sind zahlreich, ihre Argumente klar, aber meist falsch, wenn etwa davon die Rede ist, dass Überkapazitäten ausgebaut würden. Das Gegenteil ist wahr. Aber eben: Das Gesundheitswesen ist komplex, selbst Ärzte und Pflegende sind nicht einer Meinung. Für den Bürger ist die Fusion eine schwierige Vorlage und im Zweifel legt das Stimmvolk ein Nein in die Urne. Doch was würde nach der Ablehnung der Fusion passieren?

Die Verantwortlichen von Kantonsspital und Unispital haben natürlich einen sogenannten Plan B – die «zweitbeste Lösung», wie die Spitalchefs zu sagen pflegen. Wie dieser konkret aussieht, sagen sie jedoch nicht. Gemäss Quellen der BaZ ist der Plan B jedoch schon so alt wie Plan A, aber nicht minder brisant.

Sollte am 10. Februar die Unispital Nordwest AG verworfen werden, dann wird das Kantonsspital Baselland dennoch die Tagesklinik auf dem Bruderholz betreiben, aber Laufen würde wohl aus finanziellen Gründen wieder zur Debatte stehen.

Das Unispital in Basel hätte ein Fallzahlenproblem und müsste zudem eine neue eigene Orthopädie wieder aufbauen sowie eine ambulante Tagesklinik-Struktur erstellen – die Aufrüstung ginge weiter. Oder aber die beiden Institutionen setzen ihre Kooperationen fort, was jedoch nur dann gelingt, wenn sie eine gemeinsame Kasse haben.

Und das wäre dieser Plan B: Wie bei der Fusion würden Unispital und Kantonsspital gemeinsam die Orthopädie auf dem Bruderholz betreiben. Sie gründen dafür beispielsweise eine «Orthounis AG». Dasselbe würden sie für die Tagesklinik Bruderholz tun: «TOP-Unis AG» könnte diese Firma dann heissen.

Plan B ist eine Unispital Holding

Die Spitäler würden also nach und nach dort unter einem gemeinsamen Firmendach zusammenarbeiten, wo die Kooperation dringlich wird. Das Problem dabei ist, dass viele Kleinfirmen entstehen, was die Koordination zwischen mehreren Chefs und Verwaltungsräten (und nicht zuletzt auch der Politik) verkompliziert.

Das heisst, es braucht auch hier wieder ein gemeinsames Dach: eine Holding. Die Spitalfusion würde also nicht als Unispital Nordwest AG mit einem klaren Konzept vollumfassend umgesetzt, sondern würde organisch zu einer Unispital Nordwest Holding AG heranwachsen. Dieser Prozess wäre anfällig für die wechselnden Stimmungen in den Parlamenten und Regierungen.

Rational betrachtet führt kein Weg an einer Fusion vorbei. Ein Ja am 10. Februar ist jedoch sinnvoll, um die genannten positiven Effekte der Spitalgruppe möglichst rasch zu erreichen.

Die Spitalfusion bricht alte Strukturen auf und ermöglicht den überfälligen Wandel. Die Gegner hingegen fürchten um ihr Geschäft oder versteifen sich auf Details. Brauchbare Alternativen haben sie nicht.

Basler Zeitung

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