Fasnacht nur noch mit Gehörschutz

Der Bund will, dass Veranstalter bei mehr als 93 Dezibel Massnahmen ergreifen. Für die Basler Fasnacht wird das umständlich.

Zu laut ist zu laut. Guggemuusigen geben am Fasnachtsdienstag auf dem Barfüsserplatz ihr Konzert. Hier braucht es Lärmschutz für die Besucher.

Zu laut ist zu laut. Guggemuusigen geben am Fasnachtsdienstag auf dem Barfüsserplatz ihr Konzert. Hier braucht es Lärmschutz für die Besucher.

(Bild: Lucian Hunziker)

Mischa Hauswirth

Die Verordnung hat den wenig sagenden Namen «Schutz vor Gefährdungen durch nichtionisierende Strahlung und Schall», wirbelt aber schon im Vorfeld der definitiven Version Staub auf. Noch arbeitet das Bundesamt für Umwelt von Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) die letzten Details aus, mit dem neuen Regelwerk sollen aber weitere Vorschriften bezüglich Solarien und Lärmschutz installiert werden.

Die Neuerungen enthalten Brisantes: So sollen künftig Veranstalter von öffentlichen Events wie Konzerten bezüglich Lärmschutz mehr tun. Der Bund will, dass ab einem Schallpegel von 93 Dezibel Massnahmen ergriffen werden müssen, um die Leute besser vor Lärm zu schützen. Gelten soll die Regel nicht nur innerhalb von geschlossenen Räumen, sondern auch unter freiem Himmel und auch dann, wenn es mehrere Teilveranstaltungen gibt. Dann müsste jede einzelne dieser Teilveranstaltungen die Lärmschutzvorgaben erfüllen. In Basel wäre davon beispielsweise das Jugendkulturfestival betroffen – oder die Basler Fasnacht.

Die drey scheenschte Dääg sind zwar mittlerweile Unesco-Weltkulturerbe, jedoch bei den Lärmwerten zu laut. Wenn die Guggen loslegen oder grosse Cliquen mit Pfeifern und Tambouren durch die Gassen ziehen, werden die 93 Dezibel rasch übertroffen, sogar in der Nacht. Gemäss Suva sollen Guggenformationen für Lärmwerte von bis zu 105 Dezibel sorgen, also deutlich über dem Wert von 93, der als Grenzwert fürs Gehörschutztragen dient.

Die Behörden müssten aber nicht gegen die Cliquen und Guggen am Cortège vorgehen, sondern lediglich bei Veranstaltungen auf stationären Bühnen im Freien für die Umsetzung der neuen Verordnung sorgen. «Die Lärmproblematik rund um die Fasnacht ist nichts Neues», sagt Christoph Bürgin, Obmann des Basler Fasnachts-Comités.

Er kennt die neue Bundesverordnung und sagt, bei der Fasnacht wäre eigentlich nur eine Veranstaltung betroffen. «Wenn die Verordnung so käme, wie es jetzt formuliert ist, so beträfe es musikalische Auftritte in den Restaurants und die Guggenkonzerte am Dienstagabend», sagt Bürgin. «Da müssten dann Lösungen gefunden werden, obwohl es nicht plausibel ist, warum bei einer Gugge auf einer stationären Bühne im Freien anders vorgegangen werden muss, als wenn eine Gugge oder eine Clique auf der Mittleren Brücke neben einem vorbeizieht.»

«Ein absoluter Blödsinn»

Die neue Verordnung hat drei Massnahmen parat für den Fall, dass die Lärmwerte nicht eingehalten werden:

> Die Veranstaltungsbesucher über die möglichen Gefahren und Schäden am Gehör zu informieren, die Lautstärken über 93 Dezibel verursachen können;

> Eine Gratisabgabe von Gehörschutzmöglichkeiten wie Gehörschutzstöpseln organisieren;

> Lärmmessungen zur Kontrolle durchführen.

Die Luzerner Regierung hat in ihrer Stellungnahme zur neuen Bundesverordnung bereits die ersten zwei der drei Massnahmen als umsetzbar erklärt. Die Guggemuusigen in Luzern hingegen nennen das Vorhaben «einen absoluten Blödsinn», wie die Luzerner Zeitung schreibt.

Müssten in Basel Lärmmessungen vorgenommen werden, wären davon gleich mehrere Veranstaltungen betroffen, doch nicht nur die: Rund 450 Gastronomiebetriebe in Basel wären ebenfalls tangiert. Deshalb hat die Basler Regierung in ihrer Stellungnahme festgehalten, dass diese Messungen bezüglich Lärmüberschreitung überprüfbar bleiben müssten. Denn wenn etwas nicht nachgeprüft werden kann, zum Beispiel weil der Lärmpegel wie an der Fasnacht sich dauernd verändert und nicht immer von der gleichen Stelle kommt, ist es nicht verwertbar für allfällige Konsequenzen.

«Weder für die Anwohnerschaft noch für das Veranstaltungspublikum ergibt sich hieraus ein Vorteil, da die Messungen nicht unabhängig von Veranstalterseite durchgeführt und jederzeit manipuliert werden können», heisst es in der Stellungnahme der Basler Regierung.

Was die Regierung vom Vorhaben in Bern hält, darüber schweigt sie zurzeit. «Die schweizweite Vernehmlassung ist noch im Gange. Wir gehen davon aus, dass der heutige Entwurf nochmals angepasst wird», sagt Vizestaatsschreiber und Regierungssprecher Marco Greiner auf Anfrage der Basler Zeitung. «Es ist für uns deshalb nicht angezeigt, heute eine neue Praxis für die Fasnacht zu definieren.»

Guggenverbände wären in Pflicht

Christoph Bürgin indes hält den Ansatz eines Lärmschutzeingriffes für falsch. «Ich bezweifle die Umsetzbarkeit dieses Vorhabens an der Basler Fasnacht», sagt er. «Grundsätzlich lässt sich sagen: Wer an die Fasnacht geht, weiss, dass es laut ist. Der entsprechende Schutz gehört in den Bereich der Selbstverantwortung.»

Vor zehn Jahren seien noch wenige Kleinkinder mit Gehörschutz zu sehen gewesen, heute sei das oft der Fall. Für das Guggenkonzert am Fasnachtsdienstag allerdings ist nicht das Fasnachts-Comité zuständig, sondern die beiden Guggenverbände Gugge IG Basel und Freyi-Gugge-Muusige Basel. Sie kümmern sich darum, dass die 13 Guggenformationen auftreten können. «Bislang ist das Thema ‹neue Lärmschutzverordnung› bei uns noch nicht gross thematisiert worden», sagt Patrick Müller, Obmann der IG-Gugge. «Ich teile aber die Einschätzung vom Fasnachts-Comité-Obmann: Lärmschutz an der Fasnacht fällt in den Bereich der Selbstverantwortung.»

Probleme sieht Müller auch bei der Umsetzung einer solchen Auflage. «In der Theorie mag das gut klingen. Aber weder wir von der IG-Gugge noch die FG Gugge Basel haben die Möglichkeiten, dieses Massnahmen umzusetzen.» Zudem stelle sich die Frage, wo am Guggenkonzert Gehörstöpsel verteilt werden müssten und wo nicht und ab welcher Distanz von der Tribüne eine solche Schutzmassnahme empfehlenswert sei. «Wenn jemand ganz vorne bei der Bühne steht, ist es lauter als weiter hinten auf dem Barfi, beim ‹Braunen Mutz›», sagt Müller. Zudem sei nicht nachvollziehbar, warum die Guggen von dieser Massnahme betroffen sein sollen, eine Clique mit Pfeifern und Trommlern aber nicht.

Basler Zeitung

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