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«Der Islam muss ausgespielt werden dürfen»

Fasnachts-Comité-Obmann Christoph Bürgin über Eigenzensur und Totenstimmung im Kleinbasel.

Dominik Heitz und Christian Keller
«Häufiger Absagen als früher». Christoph Bürgin ist seit 1999 Mitglied des ­Fasnachts-Comités. Freiwillige zu finden, wird immer schwieriger.
«Häufiger Absagen als früher». Christoph Bürgin ist seit 1999 Mitglied des ­Fasnachts-Comités. Freiwillige zu finden, wird immer schwieriger.
Christian Jaeggi

BaZ: Sie müssen sich sehr gut fühlen, Herr Bürgin. Nachdem das Drummeli im letzten Jahr harte Kritik einstecken musste, hat es diesmal ausnahmslos Lob erhalten.Christoph Bürgin: Man fühlt sich gut, man fühlt sich erleichtert und man fühlt sich froh für alle, die mitmachen – für die Cliquen, die Guggen, die Schnitzelbänke, die Waggis, für das Rahmenteam und den Regisseur und am Schluss auch fürs Comité.

Das Charivari hat gute Noten bekommen, ebenso das Fasnachtskiechli; überhaupt hatte man den Eindruck, die Vorfasnacht stehe im positiven Licht. Teilen Sie diese Meinung? Ja. Was ich ganz wichtig finde: Die BaZ hat mehrmals versucht, die einzelnen Vorfasnachtsveranstaltungen miteinander zu vergleichen und zu benoten. Das finde ich – und da stehe ich nicht alleine da – einen untauglichen Versuch. Was zum Beispiel das Fasnachtskiechli-Duo auf die Beine stellt, ist beeindruckend. Aber man kann es nicht mit einem Drummeli mit über 1200 Mitwirkenden vergleichen. Alle Vorfasnachtsveranstaltungen haben ihren Platz – und haben deswegen auch Erfolg, glaube ich.

Dass die Vorfasnachtsveranstaltungen so gut angekommen sind – ist das für Sie auch in gewisser Weise ein Gradmesser für die eigentliche Fasnacht? Es hat jemand nach der diesjährigen Drummeli-­Premiere gesagt: Eine kollektive Erleichterung sei über Basel hereingebrochen. Und irgendwie ist es wahrscheinlich schon anders, wenn Fasnächtler in der Beiz sagen, das ist ein tolles Drummeli gewesen, als wenn jeder etwas daran zu kritisieren hat. Ob dadurch die Gesamtstimmung gehoben wird, weiss ich nicht, aber es ist sicher ein guter Einstieg in die Fasnacht.

In diesem Jahr liegen bei den Sujets die Schwerpunkte auf Angst und Unsicherheit – ähnlich wie im vergangenen Jahr. Wiederholt sich da nicht vieles? Finden Sie das gut? Es ist nicht die Frage, ob ich das gut finde oder nicht. Es ist ja nicht nur Angst, es ist auch Unbehagen, Unsicherheit. Insofern wäre es fast enttäuschend, wenn sich das nicht in der Fasnacht widerspiegeln würde.

Unser Kolumnist -minu hat vor einem Jahr in seiner Bilanz zur Fasnacht geschrieben, es sei eine sehr dunkle, graue Fasnacht gewesen. Man fragt sich da: Wenn nun eine Wiederholung kommt, gibt es da nicht auch eine positive Sicht? Schon generell Fasnacht zu machen, empfinde ich als positiv. Man soll ein ernstes Sujet ja auch karikieren und persiflieren. Wie aber nun die diesjährige Fasnacht sein wird, können wir nicht sagen.

Was könnte geschehen, wenn der geköpfte Mohammed auf der Laterne gezeigt würde? Die Mohammed-Karikaturen – das war vor zwei Jahren die grosse Diskussion. Da gibt es schon einen Punkt, den man nicht überschreiten sollte. Aber der Islam wie auch die anderen Religionen müssen grundsätzlich ausgespielt werden dürfen. Jene Karikaturen, finde ich, sind es nicht wert; es dient niemandem. Und sonst haben wir Gesetze. Wenn es etwa in Zeedeln zu Rassendiskriminierung kommt, haben wir das Strafgesetzbuch.

Spüren Sie in diesem Zusammenhang eine Tendenz zur Eigenzensur? Das könnte ich mir vorstellen, wobei ich lieber von Selbstbeschränkung mit fasnächtlichem Fingerspitzengefühl sprechen würde.

Aber dann sind wir ja keine freie Gesellschaft mehr und lassen uns von Extremisten einschüchtern. Einschüchtern – so weit würde ich nicht gehen. Man geht immer noch sehr weit bei der Ausarbeitung der Sujets, aber man zieht vernünftigerweise eine Grenze. Eine Pietätsgrenze war schon immer da – in Religionsfragen und im Sexuellen zum Beispiel auch. Ich würde aber nicht sagen, die Sujetkommissionen erstarren. Zum Glück tun sie das nicht – sonst hätten wir all diese Sujets nicht.

Während des Basler Weihnachtsmarkts stellte man zum Schutz Betonblöcke auf, weil es zuvor in Berlin zu einem Terroranschlag gekommen war. Überlegt man sich da in den Cliquen nicht, wie weit man gehen soll, aus Angst es könnte etwas passieren? Im Comité ist dieses Denken nicht vorhanden. Das Tolle ist ja, dass wir an der Fasnacht keine Zensur haben.

Deshalb haben wir vorher von Eigenzensur gesprochen. Wie gesagt, gefällt mir das Wort Selbstbeschränkung besser. Aber das Comité gibt nichts vor.

In der Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt und der Region kann man eigentlich in diesem Jahr mit einer sehr kreativen und lustigen Fasnacht rechnen. Sehen Sie das auch so? Ja, an Themen hat es weiss Gott nicht gefehlt! Von einer Clique wissen wir, dass sie die ganze Auseinandersetzung zwischen BaZ und Polizei darstellen wird …

… wir fühlen uns geehrt … … dagegen wissen wir nicht, wie die Toleranzzone in der Ochsengasse umgesetzt wird; ob da noch weitere Zonen behandelt werden.

Vor 30 Jahren befürchteten Cliquen, sie könnten zunehmend von den Guggen verdrängt werden. Diese Sorge hat sich nicht bestätigt. Hat man damals falsch prognostiziert oder hängt das damit zusammen, dass das Comité im Bereich Nachwuchs viel unternommen hat? Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht hat sich einfach alles irgendwo eingependelt. Es gibt ja nicht endlos viele Menschen, die zu einer Gugge wollen.

Könnte das heissen, dass die Fasnächtler nicht mehr dieses Klassen­denken haben – Cliquen zuerst, dann Wagen und Guggen? Wir müssen jetzt nichts schönreden. Aber ich glaube schon, dass sich hier etwas verändert hat. Allein jetzt beim Drummeli: Ich glaube nicht, dass vor 20 Jahren Waggis an einem Drummeli hätten auftreten können. Wir sind ja froh um diese Vielfalt.

Wie sehr diskutieren sie im Comité unter dem Jahr Grundsatzfragen? Was könnte man völlig anders machen? Und falls ja – was wäre das zum Beispiel? Das Comité ist nicht Organisatorin der Fasnacht.

Aber Sie sind doch Impulsgeber. Wir organisieren die beiden Cortège-­Nachmittage und die Laternen- sowie die Wagen- und Requisitenausstellung. Dass vor Jahrzehnten ausgehandelt wurde, dass die Guggen nicht am Morgenstreich auftreten, dafür am Dienstagabend ihren grossen Auftritt in der Stadt haben, war nicht unser Tun; das handelten Stammvereine und Guggen unter sich aus. Die Fasnacht muss sich in sich verändern; dem Comité steht es nicht zu, hier einzugreifen. Wenn Sie von mir eine Sorge hören wollen, dann die: die Konzentration der Fasnacht auf das Grossbasel. Wie könnte man das Kleinbasel mehr beleben? Ab 22 Uhr herrscht im Klein­basel Ruhe. Der Claraplatz ist praktisch tot.

Warum fällen Sie nicht einen unorthodoxen Entscheid und platzieren die Laternenausstellung vom Münsterplatz auf den Claraplatz um? Dann hätten Sie im Kleinbasel gewiss mehr Publikum. Einen solchen Beschluss können wir schon fassen, aber dann gäbe es wohl einen derartigen Entrüstungssturm, dass der Ärger über das letztjährige Drummeli nur noch wie eine Bagatelle erscheinen würde. Ich glaube, das lassen wir lieber sein (lacht).

In der Vergangenheit wurde immer wieder Neues ausprobiert. 1992 und 1993 gab es beispielsweise am Fasnachtsmittwoch keinen Cortège. Wie oft führen Sie im Comité Grundsatzdiskussionen? Wenn ich mich richtig erinnere, hing die Massnahme damals mit dem Neubau der Wettsteinbrücke zusammen. Aber zu Ihrer Frage: Wir streben nicht den grossen Wurf an, sondern machen einen Schritt nach dem anderen. Ein wesentlicher Aspekt dreht sich um die reibungslose, möglichst staufreie Durchführung des Cortège. Dazu wurden sehr viele Anstrengungen unternommen. Sogar ein ausgeklügeltes Computersystem kommt inzwischen zum Einsatz, damit die Nachmittage koordiniert ablaufen. Interessanterweise bewegt sich das Fasnachtsvolk am Montag flüssiger als am Mittwoch, wo die Cliquen oft stehen. Mir fehlt die Erklärung für dieses Phänomen. An beiden Tagen hat es gleich viele Fasnächtler, und bei der Verteilung über die Route bestehen ebenfalls keine Unterschiede.

Vielleicht sind die Fasnächtler am Mittwoch erschöpft vom Dienstag und verhalten sich nicht mehr so diszipliniert wie beim Auftakt am Montag? Wahrscheinlich ist das der Grund. Trotz allen Bemühungen wird es sowieso niemals möglich sein, einen Cortège zu organisieren, bei dem es nirgends stockt. Der Stauexperte, der uns ehrenamtlich zur Seite steht, hat das klargemacht: Alleine wegen der unterschiedlichen Tempi der Märsche kommt es zu Wartezeiten. Auch die Variante eines Umzugs, also einer definierten Strecke von A nach B für alle Cliquen, was in Basel nicht zur Diskussion steht, würde übrigens auch nicht ohne Wartezeit funktionieren. Sie sehen das jedes Jahr beispielsweise am Sechseläuten in Zürich: Die Teilnehmer müssen dort lange warten, bis es endlich losgeht.

Sie haben den Aufwand angesprochen. Wie stark ist die Belastung für die Comité-Mitglieder? Das zeitliche Engagement gerade jetzt vor der Fasnacht ist extrem. Wie stark ein Comité-Mitglied beansprucht wird, hängt aber auch mit dem Ressort zusammen, für das es verantwortlich ist. Das Drummeli-­Team war gewiss nicht unterbeschäftigt. Persönlich bin ich in der vorteilhaften Situation, dass ich jetzt nicht mehr berufstätig bin. Aber die Arbeit im Comité ist ja nicht die einzige ehrenamtliche Aufgabe in der Stadt, die viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die Überforderung des Milizsystems ist bekanntlich ein Dauerthema. Braucht es auch beim Comité Anpassungen hin zu einer Professionalisierung, weil es ehren­amtlich nicht mehr geht? Da sprechen Sie einen wunden Punkt an, der mich beschäftigt. Generell lässt sich feststellen, dass es bei Anfragen für eine Mitarbeit im Comité häufiger eine Absage gibt als früher. Aber wenn wir die Strukturen anpassen, wohin führt das dann? Zu einem voll­angestellten Geschäftsführer? Der Verzicht auf die Ehrenamtlichkeit würde sehr vieles kaputt machen. Aktuell ist das zum Glück kein Thema, da wir alle mit viel Leidenschaft dabei sind. Wer sich so etwas antut, ist sicherlich auch etwas fasnachtsverrückt.

Beobachten Sie eine gestiegene Erwartungshaltung seitens der Fasnächtler? Zum Teil sicher. Mich stimmt vielmehr nachdenklich, wie das Verständnis für die Fasnachtstradition abnimmt. Im Telebasel berichteten Wagencliquen, wie sie kaum mehr geeignete Räumlichkeiten finden. Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung. Unsere Clique verfügte auf dem Lysbüchel während 40 Jahren über ein Larvenatelier zu sehr guten Konditionen. Als wir eine neue Bleibe suchen mussten, dauerte es zwei Jahre, bis wir in Münchenstein fündig wurden. Es ist ja nicht so, dass es an passenden Lokalitäten fehlen würde, auch wenn die Auswahl mit den baulichen Veränderungen mit der Zeit immer kleiner wird. Die Vermieter verlangen jedoch zunehmend marktkonforme Preise. Es geht mehr und mehr um die Rendite. Dass man mich nicht falsch versteht: Selbstverständlich sollen auch die Fasnächtler Miete zahlen. Wenn aber nur noch knallharte Kalkulationen dominieren, entwickelt sich die Gesellschaft in die falsche Richtung. Mit dem Rädäbäng hat das Comité vor ein paar Jahren leider ein weiteres solches Beispiel erlebt.

Inwiefern? Ein grosses Unternehmen forderte für die Verteilung des Rädäbäng eine solch hohe Provision, dass wir absagen mussten. Irgendein Finanzchef kam wohl auf die Idee, hier liessen sich noch ein paar zusätzliche Franken herausholen. Ein Segen war dann dafür der Sutter Beck. Die Bäckereikette legt den Rädäbäng in ihren Filialen nun zum Verkauf auf, ohne einen Rappen daran zu verdienen. Ein starkes, schönes Bekenntnis zur Fasnacht.

Sie sind nun seit sieben Jahren Comité-­Obmann. Laufen hinter den Kulissen Vorbereitungen für eine Stabübergabe? Nein, dazu führen wir derzeit keine Diskussionen. Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Mit 65 ist beim Comité das Pensionsalter erreicht; das sind unsere Statuten. Bis dahin gedenke ich im Amt zu bleiben. Ausser sie werfen mich vorzeitig raus. Dafür habe ich derzeit aber keine Anzeichen (lacht).

In welche Richtung könnte sich die Fasnacht entwickeln? Bei den Laternenmalern sieht man immer wieder andere Techniken, die vom klassischen Laternenmalen abweichen. Auch Kunststofflarven sind leider öfters zu sehen. Musikalisch ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine grosse Entwicklung zu sehen respektive zu hören. Wir wissen zum Glück nicht, wo die Fasnacht hinführt. Jede Generation bringt neue Impulse und wird sich in der Fasnacht darstellen, da die Fasnacht ein Abbild der Gesellschaft ist.

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