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Basel geht aus – zumindest ein bisschenUnd am Abend kehren die rauschenden Endorphine zurück

Der Himmel weint am Tag, der ein Freudentag werden sollte. Die Beizer sind kreativ, aber noch fehlt der grosse Ansturm. Als es noch dunkler wird als ohnehin schon, sprühen aber plötzlich wieder die Funken des Lebens.

So sieht Leben aus: strahlende Gesichter in der Soho-Bar.
So sieht Leben aus: strahlende Gesichter in der Soho-Bar.
Foto: Pino Covino

La tristesse existe – immer noch, auch wenn die Lebensgeister am Montag hätten zurückkehren sollen mit dem Ende des Lockdown.

Basel, das ja im Verdacht steht, auch in normalen Zeiten immer ein bisschen schläfriger zu sein als unbedingt nötig, versucht es an diesem Montag, das schon – es gibt sie, die Schlangen vor den Kleiderläden, vor den Elektronikshops, kurz bevor diese ihre Türen wieder öffnen. Aber dann: der grosse Regen, der nicht aufhören will, der diesem Tag, der ein Freudentag hätte werden sollen, die Dynamik nimmt.

La tristesse existe: Maske, Regenschirm, maue Stimmung – Basel zur Mittagszeit vor der «Mitte».
La tristesse existe: Maske, Regenschirm, maue Stimmung – Basel zur Mittagszeit vor der «Mitte».
Foto: Pino Covino

Wobei: So ganz stimmt das dann auch nicht, ist es doch eher das Offensichtliche auf den Strassen, das melancholisch stimmt. In den Restaurants regt sich leise neues Leben. Deren Konzepte könnten unterschiedlicher nicht sein, aber sie sind kreativ.

«Das macht nicht wirklich Spass»

Auf dem Trottoir vor dem Restaurant Aeschenplatz liegt ein zerknüllter brauner Damenstrumpf. Was er dort zu suchen hat, bleibt schleierhaft. Ein Zeichen der allgemeinen Enthemmung vielleicht? Nein: Gelbe Streifen vor dem Eingang mahnen, Abstand zu halten. Im Restaurant drinnen geht es gesittet zu und her – aber auch weniger betriebsam als in normalen Zeiten. Die neuen Eigentümer, Benjamin und Besart Salihi, sind in freudiger Erwartung. Auf der Speisekarte stehen gutbürgerliche Gerichte, etwa Schweinsschnitzel an Kräuterbutter oder Förster-Rösti mit Gemüse. Für den Montagabend haben bereits 20 Gäste einen Platz reserviert, immerhin. Aber es klaffen Lücken zwischen den Tischen; das Sicherheitskonzept des Branchenverbands Gastro Suisse verlangt es so. Bald werden noch Plexiglasscheiben geliefert, dann kann enger gestuhlt werden.

Von Plexiglas-Trennwänden will Kilian Ambord, Inhaber der Pizzeria Prima in der Aeschenvorstadt, nichts wissen. «Wir sind ein Restaurant, das auch ein gewisses Wohlfühlambiente schaffen will», sagt er. «Da kann es doch nicht unser Ziel sein, die Gäste hinter Plexiglas-Boxen zu stecken.» Überhaupt, diese seitenlangen Sicherheitsvorschriften: Sie seien «ein Stück weit realitätsfremd», sagt Ambord. «Ich muss in den nächsten Monaten auch noch Polizist spielen, das macht mir nicht wirklich Spass.»

Ambords Stimmungslage gleicht dem Wetter. Sie ist düster: «Ich habe eine Budgetplanung für die nächsten Monate gemacht und festgestellt, dass wir mit den geltenden Sicherheitsauflagen jeden Monat Verluste einfahren werden.» Er werde «jeden Tag neu entscheiden, ob es sich lohnt, überhaupt noch weiterzumachen».

Basler Wirte über den ersten Tag der Öffnung nach dem Corona-Lockdown.
Video: Mischa Hauswirth

Im Restaurant Kunsthalle versprüht Geschäftsführerin Claudia Danuser ein bisschen mehr Zuversicht. Zwar steht anstelle des grossen Blumenstrausses, der die Gäste sonst erfreut, bloss eine Flasche Desinfektionsmittel beim Eingang. Die Zahl der Tische ist auf ein Drittel der ursprünglichen Plätze reduziert. Es sieht entsprechend leer aus – das Wort «Halle» bekommt eine neue Bedeutung. Draussen weint der Himmel, es schüttet in Strömen, doch Danuser strahlt: «Endlich haben wir wieder offen, wenn auch im Moment bloss zwischen 11.30 Uhr und 14 Uhr.»

Johnny ist ein bisschen im Krieg

Um die Mittagszeit sitzen vor allem Stammgäste im Restaurant. Speisekarten gibt es aus Gründen der Hygiene keine. Dafür liegt auf jedem Tisch ein QR-Code, mit dem man die Karte aufs Handy holen kann. Immerhin wird es in der Kunsthalle ab Dienstag wieder etwas bunter: «Dann steht das traditionelle Blumenbouquet hier», verspricht Danuser.

Die mittägliche Beizentour durch die Innenstadt führt eines vor Augen: Dieser Montag ist noch nicht der ganz grosse Tag der Befreiung. Die Bodega am Barfüsserplatz hat geöffnet – aber «nur für Stammgäste», wie der Beizer, den alle nur Johnny nennen, betont. Er begrüsst einen mit Gummihandschuhen und Mundschutz und sagt, erstaunlich gut gelaunt: «Dieser Zustand fühlt sich fast an wie im Krieg.» Er bewirte derzeit nur Stammgäste, «weil man das so besser steuern kann». Wie sieht seine Zukunft aus? «Keine Ahnung, ich muss abwarten.»

Stadthof-Chef Seppi Schüpfer in seinem Element.
Stadthof-Chef Seppi Schüpfer in seinem Element.
Foto: Pino Covino

Stadthof-Wirt Seppi Schüpfer macht ebenfalls das Beste aus der Lage. «Ich hatte ergreifende Telefone am Muttertag», sagt er, «von Leuten, die nicht verstanden haben, dass die Beizen noch geschlossen waren. Darum verschiebe ich den Muttertag auf den nächsten Sonntag. Allen, die dann mit ihrer Mutter zu uns zum Essen kommen, offerieren wir das Dessert.» Schüpfer zeigt sich erfinderisch, und das in jeder Beziehung. «Unsere Speisekarten legen wir in die Mikrowelle oder den Backofen – damit heizen wir dem Virus 15 Minuten bei 80 Grad ein, so ist es garantiert tot.»

Wohlige Momente

Sogar eine neue, ganz legale Art der Geldwäscherei hat Schüpfer erfunden. «Bei uns ist Bargeld willkommen, denn bei Kreditkarten müssen wir eine Kommission zahlen, das fehlt dann bei den jetzt dringend nötigen Einnahmen. Bei uns zirkuliert nur keimfreies Bargeld. Wir legen es bei 80 Grad in den Backofen. Dann ist das Virus erledigt.»

Das könne man auch zu Hause so machen, sagt Schüpfer: «Achten Sie aber darauf, dass Sie weder Umluft noch Grill eingeschaltet haben. Kreditkarten überleben dieses Prozedere übrigens auch.»

Überleben, das ist gar nicht so einfach an diesem Tag; garstig ist es, der Himmel will noch ein bisschen weiterweinen, auch am Nachmittag, am Abend. Aber man findet sie dennoch: die wohligen Momente, die stilvolle Ambiance. In der Steinenvorstadt vermittelt das Soho das Gefühl einer Wohlfühloase. Der Chef, Arton Krasniqi, sagt: «Wichtig ist es nun, dass wir offen haben – die Buchhaltung ist zweitrangig.» Die Gäste danken es. Blickt man in die strahlenden Gesichter, mögen sie auch noch so fremd sein, rauschen sie wieder durch den Körper, die lebensbejahenden Endorphine, die sprühenden Funken des Lebens.

6 Kommentare
    Fritz Hurni

    Stellt euch jetzt einfach mal vor im Zweiten Weltkrieg, nachts, Verdunkelung ... aber der Köbi Müller macht das Licht an, "einfach weil ich Lust dazu habe und ich mir nichts vorschreiben lasse", dass das ganze Quartier draufgehen kann, wenns dumm läuft, ist ihm egal ... soviel zur sozialen Verantwortung der heutigen Spassgeneration.