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Extremsegler Alan RouraEr wird Vater und sticht in See – mit ungewisser Rückkehr

Im November will der 27-jährige Genfer zum zweiten Mal an der härtesten Regatta der Welt teilnehmen. Nur die Hälfte aller Teilnehmer beendet die Vendée Globe.

«Ich bin mir nicht sicher, ob ich entspannter oder gestresster sein werde»
Der Segler Alan Roura spricht im Interview über seinen zweiten Start an der Vendée Globe im November.
Video: Alan Roura/Tamedia

«Vatersein macht dich zu einem anderen Segler. Ich werde Gefahren anders wahrnehmen und noch schneller wieder zu Hause bei meiner Familie sein wollen», sagt Alan Roura vor seinem Laptop in die Videokamera und lacht dabei.

Der 27-jährige Genfer mit den dunklen schwarzen Haaren und dichtem Bart ist einer jener Menschen, die vor vier Jahren die härteste Solo-Segelregatta der Welt gemeistert und während rund vier Monaten in Einsamkeit den widrigen Bedingungen von Wind, Wellen, Hitze und Kälte getrotzt haben. Die erfolgreiche Teilnahme an der Vendée Globe – sie ist mit der Erstbesteigung des Mount Everest vergleichbar. Im November will sich Roura erneut beweisen, sich der Einsamkeit stellen und mit den Gefühlen konfrontieren, die ihn in der Kajüte seines rund 18 Meter langen Schiffes überkommen werden.

Bei acht Austragungen der Vendée Globe, bei der die Teilnehmer ohne Zwischenhalt und fremde Hilfe den Globus entlang des Südpolarmeers umrunden, eine Strecke von 45’000 Kilometern zurücklegen und alle sieben Weltmeere durchqueren, kamen mit 88 Seglern nur knapp die Hälfte der Gestarteten ins Ziel. In den 90er-Jahren starb einer der Gestarteten, ein anderer gilt als verschollen. Es waren mehr Menschen im All, als je zu diesem Wagnis in See gestochen sind. Warum tut sich das überhaupt jemand an und geht dieses extreme Risiko ein, vor allem wenn er erst kurz zuvor noch Vater geworden ist?

Die selbst gewählte Einsamkeit

Roura ist auf dem Meer aufgewachsen, überquerte im Alter von acht Jahren mit seiner Familie zum ersten Mal den Atlantik. Als er 14 war, segelte er seine erste Regatta in der Karibik, sechs Jahre später setzte er erstmals allein über den Atlantik. «Ich liebe es, allein auf dem Meer zu sein. So fühle ich mich lebendig.»

2017 beendete der Schweizer als jüngster Teilnehmer der Geschichte die härteste Nonstop-Regatta nach 105 Tagen und 12 Stunden auf dem 12. Rang – mit einem 20 Jahre alten Occasionsboot und einem Budget, das kaum der Rede wert ist. Roura wird auch dieses Mal der jüngste Segler im Feld sein, vorausgesetzt, der Start im westfranzösischen Küstenort Les Sables-d’Olonne erfolgt plangemäss am 8. November. Denn auch im Segelsport führt das Coronavirus zu Unterbrüchen, Regatta-Absagen oder erschwert die Vorbereitungen und könnte letztlich auch die Vendée Globe ausfallen lassen.

«Wir kriegen kaum Informationen von der Rennleitung»
Roura über die erschwerten Vorbereitungen für die Vendée Globe 2020 aufgrund des Coronavirus.
Video: Keystone-SDA

Seit Wochen befindet sich der Genfer mit seiner schwangeren Freundin, die auch gleichzeitig seine Managerin ist, in Lorient, einer Kleinstadt in der Bretagne, in seinem Haus in Quarantäne. Der Hafen ist geschlossen, Arbeiten in der Werft an seinem neuen Boot sind aufgrund der geltenden Hygienevorschriften unmöglich. Er hofft, dass er Mitte Mai mit seinem Team zurück in die Werft und dank einer Sondergenehmigung auch wieder aufs Wasser kann. Ist die jetzige Situation keine gute Vorbereitung auf die kommende Einsamkeit während des Rennens? «An Land ist der Lockdown im Sinne von Einsamkeit viel schwieriger zu ertragen als auf dem Meer. Du siehst, was du alles tun und machen könntest, aber nicht darfst. Draussen auf dem Wasser ist die Situation sowieso klar. Da entscheidest du dich bewusst für die Einsamkeit.»

Noch ist Roura zuversichtlich

Roura macht das Beste aus der Situation, widmet sich der physischen Vorbereitung und investiert viel Zeit in das Krafttraining, nachdem er am Ende seiner ersten Vendée-Globe-Teilnahme die Hälfte seiner Muskelmasse verloren hatte. Oder er sitzt am Simulator, macht Wetteranalysen und übt sich in Zuversicht: «Wir werden bereit sein, auch wenn wir nicht das grösste oder stärkste Team sind.»

Als Ziel hat er sich vorgenommen, das Rennen in unter 80 Tagen zu meistern. Auch, um möglichst schnell wieder bei Frau und Kind zu sein, das im Juli das Licht der Welt erblicken soll. Und der Abenteurer Roura wünscht sich, dass der Termin doch etwas früher sei, denn eigentlich steht zu diesem Zeitpunkt eine Testregatta auf dem Programm. «Falls nicht, hoffe ich, dass meine Frau meine Abwesenheit nicht dazu ausnutzt, einen anderen Namen als den vereinbarten zu wählen.»

5 Kommentare
    Maier Tom

    seglerisch betrachtet ist es das Grösste, Vergleichbar mit einem Formel-1 Rennen in einem Tropensturm, und dies tagelang. Auf diesen Booten ist man nicht nur alein im grössten Sturmgebiet der Erde, die Dinger sind auch noch enorm schnell und entsprechend sensibel.

    Als Vater finde ich dies unverantwortlich, in jeglicher Hinsicht. Als Vater lässt man solche Abenteuer sein, man kümmert sich um die Zukunft des Kindes.