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Faktencheck zu Corona-AussagenBärfuss attackiert Schweizer Corona-Politik – was ist da dran?

Lukas Bärfuss schreibt im «Spiegel», die Schweiz stünde schlechter da als Italien. Das sagen die Experten dazu.

Sieht die Schweiz in die Katastrophe gehen: Lukas Bärfuss (17. Oktober 2014)
Sieht die Schweiz in die Katastrophe gehen: Lukas Bärfuss (17. Oktober 2014)
Foto: Keystone

Lukas Bärfuss – renommierter Literat, Büchnerpreis-Träger, Schweiz-Kritiker aus Leidenschaft – attackiert in der aktuellen Ausgabe des «Spiegels» die helvetische Behörde und Wirtschaft.

Quintessenz: Die Politik sei überhaupt nicht vorbereitet, unnötigerweise würden wahrscheinlich bald viele Menschen im Land sterben, derweil die Banken mal wieder heil davonkämen. Wir haben fünf Bärfuss-Aussagen von Expertinnen und Experten kommentieren lassen.

«Die Schweiz war überhaupt nicht auf das Virus vorbereitet.»

Lukas Bärfuss

Dazu Robert Steffen, Epidemiologe und Entwickler des ersten Schweizer Pandemieplans

«Das ist total falsch. Wir bereiten uns seit Jahrzehnten auf eine Pandemie vor. Zum Teil wurden die Empfehlungen nachlässig umgesetzt. Auf einer Skala von eins – gar nicht vorbereitet – bis zehn – perfekt vorbereitet – liegen wir aber auf Platz sechs oder sieben.»

«Die eidgenössische Politik verfolgt eine Strategie der maximalen Eindämmung – nicht von Covid-19, sondern der Information über das, was in den nächsten Tagen und Wochen auf die hiesige Bevölkerung zukommen wird.»

Lukas Bärfuss

Dazu Christoph Lenz, Bundeshausredaktor Tamedia

«Die Bundesbehörden informieren sehr viel aktiver als in einer normalen Lage. Es gibt in Bern täglich einen Point de presse mit zahlreichen Experten der Verwaltung und zweimal wöchentlich eine Pressekonferenz des Bundesrates. In diesen Runden nehmen sie sich jeweils rund eine Stunde Zeit für Fragen von Journalisten. Von einer maximalen Eindämmung der Information kann also nicht die Rede sein. Was richtig ist: Die Angaben darüber, was in den nächsten Tagen und Wochen auf die Bevölkerung zukommen wird, sind gering. Aber Grund dafür ist die Corona-Epidemie, nicht die eidgenössische Politik. In der Ungewissheit über die Zukunft unterscheidet sich die Schweiz auch nicht von anderen europäischen Ländern. Sie ist überall enorm.»

«Der Vorsprung beträgt zwei Wochen. Damals stand Italien dort, wo die Eidgenossenschaft an diesem Dienstag steht, nämlich bei 9000 Fällen. Und es gibt keinen Grund zu glauben, der Schweiz würde es besser gehen. Im Gegenteil.»

Lukas Bärfuss

Dazu Marc Brupbacher, Leiter Interaktiv-Team Tamedia

«Es gibt viele Gründe, zu glauben, dass es der Schweiz besser ergeht als Italien. Die Kurve der total bestätigten Fälle krümmt sich in der Schweiz schon viel schneller als in Italien. Die Schweiz hat das Tempo, bei dem sich die Fälle zu Beginn alle 2 bis 3 Tage verdoppelt haben, bereits deutlich verlangsamen können: Momentan sind wir bei einer Verdoppelungszeit von 8 bis 10 Tagen. Seit sechs Tagen ist die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz stabil. Die Schweiz hat früher nach dem Erreichen der ersten 100 Corona-Fälle landesweite Massnahmen beschlossen – Italien hat den nationalen Lockdown erst später beschlossen. Italien hat über Wochen eine unbemerkte Verbreitung erfahren, in der Schweiz hat man die ersten Fälle schnell erkannt. Die Schweiz testet viel mehr Personen mit Symptomen als die meisten anderen Länder, die Dunkelziffer an Infizierten dürfte hierzulande also kleiner sein. Trotzdem bleibt die Lage natürlich angespannt. Ob sich die ersten positiven Signale zu einem Trend entwickeln, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.»

Hier gehts
zum Ländervergleich unseres Interaktiv-Teams.

«In diesem Land mussten bereits vor einer Woche die ersten Medikamente rationiert werden. Es waren nicht etwa die hochspezialisierten Arzneimittel, es waren die allergewöhnlichsten der gewöhnlichen Hausmittelchen.»

Lukas Bärfuss

Dazu Alexandra Bröhm, Wissensredaktorin Tamedia

«Das stimmt. Es ist eine Vorsichtsmassnahme, weil es keinen Sinn macht, dass Einzelne zu Hause grosse Mengen dieser Medikamente horten. Frankreich zum Beispiel hat das Gleiche angeordnet. Die Medikamentenknappheit ist ein internationales Problem, vor allem bei den billigen Substanzen, weil sehr viel in China hergestellt wird. Das hat in der jetzigen Krise auch zu vermehrten Diskussionen geführt, weil wir in Europa in so zentralen Bereichen von China abhängig sind.»

«Man fragt sich, ob irgendeiner dieser Ökonomen jemals auf die Idee kommen wird, diese ohne Zweifel benötigten Mittel in einer anderen Kasse zu suchen, zum Beispiel in jener der Banken am Zürcher Paradeplatz. Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten.»

Lukas Bärfuss

Dazu Markus Diem Meier, Chefökonom Tamedia

«Nehmen wir die wohl rhetorisch gemeinten Aussagen zum Nennwert und beantworten wir sie nüchtern: Was zum Beispiel ist gemeint mit der Aussage, «das Kapital hat nichts zu befürchten»? Ist damit gemeint, das System Kapitalismus hat nichts zu befürchten? Wenn ja, dann ist sie sicher richtig. Unser System wird wegen dieser Krise kaum zusammenbrechen.

Haben Besitzer von Kapital nichts zu befürchten? Auf jeden Fall haben sie das! Viele Kleinbetriebe sind vom Konkurs bedroht, was ihr aufgebautes Betriebs- und Humankapital schwer bedroht. Meint man mit Kapital salopp auch in Kapitalmärkte investierte Gelder, dann haben einige in jüngster Zeit ebenfalls viel verloren. Langfristig ist aber auch hier tatsächlich kaum viel zu befürchten: Es ist dank all der Hilfspakete, und weil die Krise wieder enden wird, damit zu rechnen, dass diese Verluste künftig wieder wettgemacht werden.

Wäre es eine gute Idee, all das jetzt benötigte Geld von den Banken zu nehmen? Das wäre schlicht absurd. Dass die Ökonomen nicht auf diese Idee gekommen sind, spricht für sie. Würden die Banken das Geld bezahlen und damit auch riskieren, wären auch all die Einlagen von Unternehmen, Beschäftigten und allen anderen gefährdet, die Krise wäre dann unendlich. Weil durch die Krise schon so viele der Bankkredite gefährdet wurden, geriet das Finanzsystem in Schieflage. Auch die Besitzer der Banken, deren Aktionäre, mussten herbe Verluste einstecken. Und um das Finanzsystem vor einem Einbruch wie 2008 zu bewahren, mussten Notenbanken mit massiven Geldspritzen einschreiten.

Unabhängig davon, wie viel Mist die Banken schon gebaut haben und wie viel sie verdienen: Die Aussagen von Bärfuss zeugen von grösster Ignoranz ökonomischer Zusammenhänge.»