Die Geburt der «Muscle Cars»

Pontiac gibt es nicht mehr. Aber 1964 hat die amerikanische Marke mit dem GTO das Zeitalter der «Muscle Cars» eingeläutet.

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In der Autoindustrie behauptet so mancher Hersteller, er habe dies oder jenes erfunden – sei es der SUV, Minivan oder das erste Coupé-Cabrio. Doch es gibt Dinge, bei denen klar ist, wem die Ehre wirklich gebührt. Etwa bei den «Muscle Cars», welche die 1960er-Jahre so sehr prägten. Diese Ära lässt sich an einem einzigen Automobil festmachen, dem 64er Pontiac GTO.

Halt, wird ein Kenner sagen: So ganz neu war die beim GTO 1964 so erfolgreiche Strategie, einen grossen Motor in ein Auto zu bauen, das auf ein schwächeres Triebwerk ausgelegt war, auch in den USA nicht. 1957 schickte AMC den Rebel ins Rennen, der ein Rambler war, aber mit einem 327-ci-Triebwerk (5,4 Liter Hubraum) auf Touren gebracht wurde. Das war wohl das erste US-Gerät, das den Namen «Muscle Car» verdiente.

Rambler Rebel – hässlich wie die Nacht

Mit einer Länge von 4,85 Metern war der Rambler Rebel kompakt für amerikanische Verhältnisse, die echten 270 PS machten den Sprint von 0 auf 60 Meilen in 7,5 Sekunden möglich. Und warum wollen wir den Rambler Rebel trotzdem nicht als allerersten «Muscle Car» akzeptieren? Zuerst einmal: Er ist hässlich wie die Nacht. Dann: Der Rebel war tatsächlich eine Sonderserie, 1500 waren geplant, 1500 Stück wurden gebaut. Und schliesslich: Die Kiste war so schlecht lackiert, dass quasi alle Exemplare zurück zu den Händlern mussten.

GTO startet durch

Die ersten Pontiac GTO waren keine eigene Modell-Reihe, sondern ein sogenanntes «Package», das für einen Aufpreis von 296 Dollar für die 64er Pontiac Tempest Le Mans bestellt werden konnte. Es handelte sich um einen Versuchsballon, und der damalige Pontiac-Chef, Pete Estes, war skeptisch, ob sich das Ding verkaufen liess. Also gab er die Zusage für eine erste Serie von 5000 Exemplaren. Als er Ende des Jahres nachzählte, musste er eingestehen, dass er zu Unrecht skeptisch gewesen war: 1964 wurden insgesamt 32'450 GTO-«Packages» verkauft.

Weisungen der Chefs umgangen

Hinter der Idee für den GTO standen John DeLorean, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der amerikanischen Autoindustrie, Russell Gee, ein Motoren-Ingenieur, und Bill Collins, ein Fahrwerk-Spezialist. Das Trio hatte ein Problem: Anfang 1963 hatte die General-Motors-Plüschetage das Engagement in Rennaktivitäten verboten. Pontiac brauchte aber dringend etwas, was das jüngere, sportlichere Publikum ansprach. Die Lösung war einfach: Es wurde ein 389-ci-Motor (6,4 Liter Hubraum), der für die «grossen» Pontiac-Modelle reserviert war, in das eine Stufe kleinere Modell Tempest eingepflanzt. Weil es sich bei diesem «Package» nur um eine Option handelte, konnten die Weisungen aus den Chefbüros umgangen werden, und Pontiac-Chef Estes war kein Spielverderber für seine wilde Truppe. Den Namen soll DeLorean beigesteuert haben. Ja, natürlich handelte es sich dabei um eine klare Kopie der Bezeichnung des Ferrari 250 GTO, der 1962 auf die Strasse gekommen war und schon damals Legende war.

Für stolze 5400 Dollar war er zu haben

296 Dollar waren schon damals nicht wirklich viel Geld. Und wenn man bedenkt, dass die Basis-Motorisierung des Tempest Le Mans damals ein 215-ci-Sechszylinder (3,5 Liter Hubraum) war, dann war der 6,4-Liter-V8, der mit einem Carter-AFB-Vierfach-Vergaser auf 325 bhp bei 4800/min (max. Drehmoment 580 Nm bei 3600/min) kam, schon allein die Versuchung wert. Doch dann kam noch so einiges dazu: Es gab dann noch einen Doppelauspuff, eine stärkere Kupplung, eine manuelle Dreigangschaltung, steifere Federn, zusätzliche Stabis vorne, grössere Räder (7,50 x 14) mit Rotwand-Reifen und Lufteinlässe auf der Motorhaube.

Auf Wunsch kam noch ein manuelles 4-Gang-Getriebe (mit lang übersetzter Hinterachse) oder eine Zwei-Gang-Automatik dazu, drei Zweifach-Vergaser (das gab dann schon 348 bhp bei 4900/min; max. Drehmoment 580 Nm bei 3200/min) und ein Sperrdifferential. Voll ausgerüstet kam so ein 64er GTO dann auf stolze 4500 Dollar – und dafür kriegte man damals auch schon eine ganz nette Corvette.

Doch das Ding ging wie Pressluft. Das amerikanische Magazin «Car Life» schaffte den klassischen Sprint von 0 auf 60 Meilen (97 km/h) in 6,6 Sekunden. Noch besser war «Car & Driver», die Testfahrer knackten mit Slicks die Viertelmeile in sensationellen 12,8 Sekunden und waren nach 400 Metern 180 km/h schnell; ein Audi RS6 mit Allradantrieb und 580 PS ist heute auch nicht schneller. Aber während es an den Fahrleistungen gar nichts zu kritisieren gab, prügelten die amerikanischen Tester heftig auf die Lenkung ein – und schimpften über die Trommelbremsen, die gegenüber dem Tempest nicht verbessert worden waren.

Der 65er-Jahrgang wurde sanft überarbeitet, Radstand und die Innenraumabmessungen blieben gleich, doch die Länge wuchs um rund 8 Zentimeter, und auch das Gewicht nahm zu. Erkennbar sind die 65er an den vertikal angeordneten Frontleuchten, und auch das Armaturenbrett wurde deutlich, sagen wir mal: verschönert. Und die Kunden liebten den neuen Look: 75'352 GTO wurden 1965 abgesetzt.

baz.ch/Newsnet

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