«Das Adrenalin fährt immer mit»

Die Schweizer Formel-E-Testfahrerin Simona De Silvestro sagt, dass im Elektrorennsport trotz fehlendem Motorenlärm noch genügend Emotionen im Spiel seien.

Simona De Silvestro: «Die Entwicklung der Formel E verläuft schnell. Der Unterschied zu anderen Rennserien war noch nie so klein.» Foto: PD

Simona De Silvestro: «Die Entwicklung der Formel E verläuft schnell. Der Unterschied zu anderen Rennserien war noch nie so klein.» Foto: PD

Simona De Silvestro, Sie kehren als Testfahrerin für Venturi und als Botschafterin des Titelsponsors ABB in die Formel E zurück. Befriedigt Sie dieses Engagement, oder hätten Sie wie vor drei Saisons lieber einen Startplatz?
Die ABB Formel E hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen und sich zu einer eindrucksvollen Alternative zum konventionellen Motorsport entwickelt. Daher freut es mich, nach meiner Pause wieder Teil der Serie zu sein und bei der Weiterentwicklung der neuen Generation-2-Rennwagen mitzuhelfen. Natürlich würde ich gerne selbst mitfahren – gerade dann, wenn am 22. Juni wieder ein Rennen in der Schweiz stattfindet. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ausserdem kann ich nebst meiner Rolle als Testfahrerin in anderen Serien starten: Derzeit bin ich in der australischen Supercars-Serie aktiv.

Venturi hat Ex-Formel-1-Pilot Felipe Massa als Fahrer verpflichtet. Was können Sie besser als er?
Felipe Massa verfügt über enorm viel Erfahrung und ist für mich ein Vorbild. Ich habe ihm voraus, dass ich bereits einmal eine Saison in der Formel E bestritten habe. Ich bin gespannt, wie ein Formel-1-Fahrer mit den Gegebenheiten der rein elektrischen Meisterschaft zurechtkommt.

Warum ist in der Formel E wie auch in der Formel 1 keine Frau am Start?
Zu Beginn meiner Karriere war ich oft das einzige Mädchen auf der Gokartbahn. Wenn sich schon nur wenige Mädchen unter den Jungtalenten befinden, ist es nichts als logisch, dass es nur wenige bis gar keine an die Spitze schaffen. Die Konkurrenz ist riesig und die Anzahl Rennserien und Cockpits begrenzt.

Was halten Sie von der 2019 geplanten W Series zurFrauenförderung im Motorsport?
Meiner Meinung nach ist das der falsche Ansatz. Ich fände es sinnvoller, das Geld so zu investieren, dass Frauen in den bestehenden Rennserien gefördert werden. Frauen müssen die Chance haben, ihr Talent in guten Teams mit konkurrenzfähigen Rennwagen unter Beweis zu stellen.

Weltfussballerin Ada Hegerberg wurde beim Ballon d’Or gefragt, ob sie twerken könne. Da auch der Motorsport ein Machobusiness ist: Haben Sie je solchen Sexismus erfahren?
Nein, zum Glück nicht! Wenn ich bei Spitzengeschwindigkeit in eine Kurve fahre, fragt niemand, ob ich männlich oder weiblich bin, dann geht es allein ums Können. Ich hoffe sehr, dass mein Engagement in der Formel E beweist, dass das Geschlecht bei der Verwirklichung der Träume keine Grenzen setzt.

Venturi hat mit Ihnen die einzige weibliche Testfahrerin und mit Susie Wolff die einzige weibliche Teamchefin in der Formel E. War dem Team der hohe Frauenanteil ein Anliegen?
Nicht explizit. Susie Wolff kannte ich noch aus ihrer Zeit als Rennfahrerin. Sie wusste, dass ich wieder Fuss in der Formel E fassen wollte, war von meinem Talent überzeugt und holte mich als Testfahrerin ins Team. Nun liegt es an mir, zu zeigen, dass ich diese Chance verdient habe.

Welche Aufgaben haben Sie als Botschafterin der ABB Formel E?
Gemeinsam mit meinem Formel-E-Kollegen und ABB-Botschafter Sébastien Buemi setze ich mich für eine zukunftsweisende Mobilität ein. Die Rennserie ermöglicht es uns, das Potenzial der Elektromobilität aufzuzeigen und die bahnbrechenden Technologien der ABB auf den Gebieten Digitalisierung, Schnellladeinfrastruktur und Elektromobilität weltweit für eine breite Masse erlebbar zu machen.

Wie schätzen Sie denn die Aussenwirkung derFormel E ein?
Allein die Tatsache, dass die FIA, prominente Fahrer, namhafte Autohersteller und grosse Medien partizipieren, zeigt das Potenzial der Rennserie auf. Die Entwicklung schreitet schnell voran: Die Fahrzeuge sind in dieser Saison schneller geworden und schaffen die gesamte Renndistanz mit einer Batterieladung – noch nie war der Unterschied zu herkömmlichen Rennserien so klein. Das zunehmende Interesse an nachhaltigen Technologien wird dazu führen, dass sich künftig noch mehr Leute mit der ABB Formel E identifizieren können.

Wegen der leisen Motoren ist oft von einem Mangel an Emotionen die Rede. Jetzt mal ehrlich: Haben Sie in einem E-Boliden dieselben Emotionen wie in einem Indycar-Renner?
Ich werde nie vergessen, wie ich im Formel-E-Fahrzeug zum ersten Mal bei einem Rennstart hörte, wie mein Herz pochte. Normalerweise geht das Geräusch ja im Motorenlärm unter. Doch sobald es losgeht, macht es keinen Unterschied, ob mit Elektro- oder Verbrennungsmotor: Das Adrenalin fährt auf der Rundstrecke immer mit.

Was können Sie als Testfahrerin zum Durchbruch der E-Mobilität auf der Strasse beitragen?
Als Testfahrerin prüfe ich Neuerungen unter Extrembedingungen. Wir werden künftig immer mehr Technologien und Komponenten aus den E-Boliden in den konventionellen Elektroautos sehen.

Fahren Sie auch privat ein E-Auto?
In meiner Zeit in Amerika fuhr ich tatsächlich ein Elektroauto. Momentan bin ich mit einem Mazda CX-5 aus der Autogarage meines Vaters unterwegs. Aber ich kann mir gut vorstellen, wieder auf ein Elektroauto umzusteigen. Es gibt viele tolle Modelle, und das Angebot wird immer grösser.

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