«Beten und in den Strassengraben fahren»

Bremsen beim Auto manipulieren, das gelang US-Hackern. Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer über die wahre Gefahr dieses Szenarios – und die Frage, was er bei Bremsversagen tun würde.

Dieses Modell ist von Sicherheitsexperten gehackt worden: Jeep Cherokee von Fiat Chrysler.

Dieses Modell ist von Sicherheitsexperten gehackt worden: Jeep Cherokee von Fiat Chrysler.

Yannick Wiget@yannickw3

Herr Dudenhöffer, stellen Sie sich vor: Sie fahren auf der Autobahn, Ihr Fahrzeug wird gehackt und die Fussbremse funktioniert nicht mehr. Was würden sie tun?
Gute Frage. Bei einem Schaltfahrzeug würde ich einen niedrigen Gang einlegen und versuchen, eine Motorbremsung zu machen oder mit der Handbremse zu stoppen, wenn die noch funktioniert. In Zukunft wird aber auch die Handbremse vollautomatisch sein. Dann würde ich, wenn ich ehrlich bin, wahrscheinlich beten und versuchen, irgendwie in den Strassengraben zu fahren.

Fiat Chrysler muss nun Millionen Wagen wegen Sicherheitsrisiken bei Hackerangriffen zurückrufen. Der Autobauer hält die Gefahr durch Hacker insgesamt aber für gering. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Bei Fiat Chrysler hat man in der Vergangenheit gesehen, dass sie Dinge oft unterschätzen. Nach meiner Einschätzung muss man das Thema Cybersicherheit bei Automobilen sehr ernst nehmen. Was man bei Chrysler gesehen hat, ist nur die Spitze des Eisbergs. Bisher galt es als völlig unmöglich, dass man von aussen Motor, Bremsen oder Lenkung steuern kann – die Hacker haben gezeigt: Es funktioniert. Dies auf die leichte Schulter zu nehmen, ist eine Gefahr.

Schweizer fahren bevorzugt deutsche Produkte. Welche Hersteller oder Modelle könnten von ähnlichen Problemen betroffen sein?
Es ist schwer, das allgemein zu sagen. Aber Chrysler hat uns gezeigt, dass es Themen gibt, die wir uns viel intensiver anschauen müssen. In unsere Fahrzeuge werden immer mehr teilautonome Systeme eingebaut, damit sie über das Internet mit ihrer Umgebung kommunizieren können. Deshalb ist das Risiko erheblich. Wir brauchen in Europa nach meiner Einschätzung so etwas wie klare Regeln, gesetzliche Vorgaben, die dazu führen, dass wir dieses Thema ernster nehmen, als es bisher der Fall war.

Was für gesetzliche Vorgaben meinen Sie?
In Amerika gibt es eine sehr strenge Behörde, welche die Möglichkeit hat, Unternehmen wie Fiat Chrysler zu zwingen, Rückrufaktionen in Millionenhöhe zu machen. So etwas gibt es in Europa oder der Schweiz nicht. Es braucht eine europäische Behörde, welche die Macht hat, Sicherheitsfragen umzusetzen. Durch die amerikanische Behörde wissen wir beispielsweise von General Motors, dass es in den USA wegen technischer Mängel mittlerweile mehr als 120 Todesopfer gegeben hat. In Europa wissen wir gar nichts darüber.

Was unternehmen denn die Autobauer bis anhin gegen diese neue Gefahr?
Die Autobauer versuchen natürlich immer, Fahrzeuge sicher zu machen. Die jüngsten Entwicklungen übersteigen aber deren Vorstellungskraft. In diesem Jahr hat der ADAC schon gezeigt, dass man zum Beispiel BMW hacken kann, um mit einem Handy die Tür auf- und zuzumachen. Es sind Beispiele, an die man bisher nicht gedacht hat, weil man sich mit dem Thema Cybersicherheit einfach nicht intensiv beschäftigt hat. Das ist eine völlig neue Dimension, vor der man heute steht.

Wie können die Hersteller solche Sicherheitslücken verhindern?
Indem man noch viel stärker mit Cybersicherheitstechnologen daran arbeitet, Informationen so zu verschlüsseln und Informationskanäle so zu definieren, dass keine zusätzliche Software eingepflanzt werden kann. Das Thema Cybersicherheit muss bei den Autobauern einen eigenen Stellenwert erhalten.

Was halten Sie von der Idee, Hacker in den Entwicklungsprozess von neuen Automodellen miteinzubeziehen?
Ob man Hacker beschäftigt oder andere, da gibt es sicher unterschiedliche Wege. Es ist aber lebensnotwendig für die Autoindustrie, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, sonst gefährdet sie die eigene Entwicklung Richtung teilautonomes Fahren. Nach meiner Einschätzung sollte man das aber nicht nur den Autobauern überlassen. Wir brauchen auch eine Aufsichts- oder Sicherheitsbehörde. Die Politik muss auf europäischer Ebene die Regeln dafür schaffen. Hier ist Amerika Vorbild.

Video: Die Aktion des US-Magazins «Wired», bei der ein Jeep Cherokee gehackt wird

baz.ch/Newsnet

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