Das Auto des deutschen Wirtschaftswunders

Kult-Autos

Eine Fahrt mit dem VW Käfer De Luxe 1200. Ein Auto, das wir alle kennen - und trotzdem fast vergessen haben.

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Es ist, als sei ich erst gestern als fünfjähriger ausgestiegen. Alles ist noch genauso, wie es damals war. Die Türe (rechts ohne Schloss) schliesst nur auf Druck und lässt diesen unnachahmlichen «Plopp»-Ton ertönen.

Ein einziges Rundinstrument informiert über die Geschwindigkeit und die zurückgelegten Kilometer. Das Zündschloss sitzt rechts vom Lenkrad am Armaturenbrett, das aus Blech besteht und in Wagenfarbe strahlt. Zündschlüssel drehen und im Heck beginnt der luftgekühlte Vierzylinder-Boxermotor sein bekanntes Lied zu spielen, unspektakulär, zuverlässig.

Gelebte Nostalgie

Die Hand fällt auf den langen Schalthebel, der erste Gang liegt links vorne, das Schaltgefühl ist knöchern, das Geräusch metallisch. Minimal Gas geben reicht, die Kupplung kommen lassen und los gehts. Kurz darauf kann schon in den zweiten, dritten und vierten Gang geschaltet werden, 60 km/h stehen auf dem Tacho, das reicht und fühlt sich spitzenmässig an. Das ist gelebte Nostalgie. Die direkte Lenkung überrascht, die Bremsen funktionieren, die hoch bauende Karosserie lässt einen sich sicher fühlen wie in einer Trutzburg.

Das Autoradio (original) lasse ich stumm, zu enttäuscht wäre ich wohl, wenn nicht Cliff Richard mit «Rote Lippen soll man küssen» oder Wencke Myhre mit «Beiss nicht gleich in jeden Apfel» ertönen würde - oder noch passender zum offenen Rolldach «Immer wieder geht die Sonne auf» von Udo Jürgens.

In jeder Familiengeschichte ein Käfer

Man kann fragen, wen man will. In fast jeder Familiengeschichte kommt der VW Käfer vor. Sei es, dass man selber mal einen besessen hat, oder weil der Vater, Grossvater, Onkel oder ein anderer Verwandter einen «Vauwee» fuhr, fast jeder hat ihn selber erfahren. Bis zu sieben und mehr Personen wurden mit dem Krabbeltier transportiert, die kleinsten Passagiere in der Mulde hinter den Rücksitzen. Das Strassenbild der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre waren vom Käfer geprägt, kein Auto ist häufiger zu sehen auf Fotos dieser Zeit.

Schon als Neuwagen ein Oldtimer

Dabei war der Käfer schon in seiner aktiven Zeit eigentlich ein Oldtimer. Seine Geschichte reicht bis in die Dreissigerjahre zurück, als der KdF-Wagen als Volkswagen von Ferdinand Porsche und anderen Ingenieuren erfunden wurde. Erste Bilder tauchten bereits 1938 in der Presse auf.

Die Produktion begann allerdings erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges um 1946 und es sollte bis 1951 gehen, bis die erste Million Käfer auf unseren Strassen fuhr. Obschon das Fahrzeug technisch und auch optisch immer verbessert wurde, blieben die technischen Grundprinzipien - gering belasteter luftgekühlter Vierzylinder-Boxermotor im Heck, Pendelachse, Plattformchassis - während der ganzen Bauzeit von über 40 Jahren unangetastet.

Einfach, praktisch und dauerhaft

Um den Anforderungen an ein Volksfahrzeug und die erwünschte Langlebigkeit gerecht zu werden, bauten die Ingenieure ein vergleichsweise einfaches Auto ohne Firlefanz. Der Motor kam ins Heck, wo er die Antriebsräder optimal belastete und gleichzeitig ohne Kardanwelle auskam. Die Luftkühlung sparte Gewicht. Vorne wurde eine Kurbellenkerachse eingebaut, hinten sorgte eine Pendelachse für die Führung der Räder. Trommelbremsen, die über Seilzüge angesteuert wurden, verzögerten den ab 1946 «Typ 11» genannten Wagen. Rund 25 PS produzierten damals die Motoren, knapp 100 km/h konnte man damit erreichen.

Deutscher Perfektionismus, ständige graduelle Verbesserungen

Über die Jahre wurde der Käfer ständig verbessert. Gleichzeitig aber mussten die Produktionszahlen fortwährend gesteigert werden. Um eingeschliffene Produktionsprozesse nicht zu gefährden wurden Änderungen nur vorsichtig und Stück für Stück eingeführt. 1950 gab es erstmals hydraulische Bremsen (nur für das Export-Modell), Front- und Heckscheiben wurden immer grösser, der charakterische «Winker» wurde Anfangs der Sechzigerjahre durch den Blinker ersetzt. Die Uhrenaustattung im Cockpit wurde irgendwann mit einer Tankanzeige ergänzt (vorher konnte man auf «Reserve» umstellen, wenn der Motor zu stottern begann), mit den Modellen 1302 und 1303 kamen modernere Achskonstruktionen zum Einsatz. Aber auch der letzte gebaute Käfer kann seine Wurzeln nicht verleugnen. Schlechte Raumausnutzung, hohe Seitenwindempfindlichkeit, gewöhnungsbedürftige Fahreigenschaften und eine unbefriedigende Wirkung der Heizung trübten über Jahrzehnte die Freude der Käufer an ihrem Auto, wenn auch teilweise erst dann, als die Konkurrenz klar bessere Konzepte anbieten konnte.

Von der Presse gelobt und kritisiert

Im Jahre 1961 widmete die Automobil Revue dem einmal mehr verbesserten Käfer einen umfangreichen Langstreckentest. Und die Redakteure zeigten sich einmal mehr darüber erstaunt, dass ein Automobil mit einer Linie aus dem Jahr 1938, mit Trittbrettern und Kotflügeln, mit einem verhältnismässig wenig günstigen Leistungsgewicht und mit vielen offensichtlichen Minuspunkten sich eine derart dominierende und anscheinend unantastbare Stellung erringen konnte. 34 PS leistete der 61-er-Käfer und beschleunigte damit in 32,8 Sekunden von 0 bis 100 km/h. Mit 115 km/h Höchstgeschwindigkeit war der VW damals zwar nicht der schnellste, er konnte diese Spitze aber ohne drohende Schäden über längere Zeit halten. Als positive Eigenschaften nannten die AR-Tester die kräftigen und leichtgängigen Bremsen und der beachtliche Standard der Federung.

Auch der Qualitätsstandard und sogar die gut wirkende und regulierbare Heizung wurden gelobt. Und auch der abschliessenden Kommentar zeigen die damalige Wertschätzung: «Wer ein Maximum an Zuverlässigkeit und Betriebssicherheit wünscht einen im Verkehr beweglichen und angemessen leistungsfähigen Wagen braucht, dabei aber die naturgegebenen Nachteile des VW in Kauf nimmt, der kann auch heute noch nicht besser wählen.»

Die «Motor Rundschau» attestierte dem VW 1200 1962 eine gute Preis-Wert-Relation, 4980 D-Mark kostete der Käfer damals in Deutschland, und lobte auch die hohe, gleichbleibende Qualität. Gleichzeitig wurde aber die eigentlich veraltete Grundkonzeption kritisiert, die sich unter anderem in unsportlicher Höhe und mangelnder Innenbreite äusserte. Zudem fehlten den MR-Testern einige zeitgemässige Sicherheitsattribute wie ein gepolstertes Armaturenbrett oder eine Sicherheitslenksäule. 115 km/h schnell war der MR-Käfer, 100 km/h wurde vom fahrfertig 740 kg schweren Käfer in 32 Sekunden erreicht, der Verbrauch pendelte sich bei 8 bis 10 Litern pro 100 km ein.

Die Ganze ist mehr als die Summe der Teile

Die Zeitschrift «Auto Motor und Sport» organisierte im Winter 1962 einen Vergleich des VW 1200 mit seinen Konkurrenten Ford 12 M und Opel Kadett. Die letzteren konnten dabei durchaus punkten, so waren sie massiv schneller (126,3, respektive 121 km/h statt 111 km/h), sie beschleunigten besser auf 100 km/h (30 respektive 26,5 statt 36 Sekunden), boten vor allem hinten mehr Innenraum und waren auch sparsamer (Opel). Allerdings kosteten die beiden Käfer-Gegner mehr und sie waren nicht so gut verarbeitet wie der Käfer. Die Schlussfolgerung von Reinhard Seiffert repräsentiert wohl auch die Meinung des Autokäufers: «Man muss ihn (den Käfer) nicht unbedingt den anderen beiden vorziehen, denn 12 M und Kadett haben, jeder auf seine Art, gegenüber dem VW eindeutige Vorzüge. Beim Zusammenzählen ist aber für den VW unter dem Strich erstaunlich viel zu holen, und zwar besonders solche Dinge, die im fahrerischen Alltag eine Rolle spielen.»

Marketing-Anachronismus

Wenn ein Auto über 40 und mehr Jahre gebaut wird, dann müssen den Marketing- und Werbeleuten irgendwann die Ideen ausgehen, denn wo keine oder nur geringfügige Innovationen angekündigt werden können, lässt sich kaum laute Sprüche klopfen. So schlugen denn die Kommunikationsspezialisten der damaligen Zeit halt Kapital aus den typischen Käfer-Charakteristiken und es kamen Slogans wie “er läuft und läuft und läuft und läuft und läuft” oder “der Käfer ist so beliebt, weil .....” zu Stande.

Zu seiner Zeit das meistgebaute Auto der Welt Seine Tugenden, aber insbesondere auch seine “Klassenlosigkeit” machten die VW Käfer mit 21,5 Millionen verkauften Exemplaren zum meistverkauften Fahrzeug der Welt seiner Zeit. Er wurde sogar zum Filmstar und spielte in einer Reihe von Herbie- und Dudu-Filmen die Hauptrolle.

Wo sind sie geblieben?

War der VW Käfer noch in den Achtzigerjahren kaum aus dem Strassenbild wegzudenken, sieht man heute den Käfer nur noch selten auf unseren Strassen und wenn, dann meist als Cabriovariante. Gute VW Käfer werden heute als Sammlerwagen gehütet und an Club- und Oldtimertreffen gezeigt. Speziell die frühen Exemplare mit Brezel- oder Oval-Heckscheibe zählen zu den gesuchten Raritäten, aber auch die späteren Käfer treffen auf eine ständig wachsende Fan-Gemeinde. Gut erhaltene Käfer erreichen je nach Jahrgang und Ausführung locker den doppelten bis fünffachen Neupreis, der zum Beispiel 1961 6675 Franken betrug.

Ein Leben mit dem Käfer

Ein VW Käfer ist ein vergleichsweise pflegeleichter Oldtimer. Trotzdem gilt es einiges zu beachten. Die Preise sind je höher, umso älter das Fahrzeug ist, Käfer mit Oval- oder Brezelscheiben kosten 20 bis 40 Prozent mehr als die Käfergeneration ab 1960. Ein schöner Käfer mit Jahrgang 1962 wird für ungefähr 10'000 bis 12'000 Euro, respektive 13'000 bis 15'000 Franken gehandelt, umfangreiche und belegbare Restaurationsarbeiten lassen den Preis genauso ansteigen, wie seltene Ausstattungsoptionen und Bauvarianten.

Technisch sind die Krabbelfahrzeuge weitgehend problemlos, vorausgesetzt sie werden regelmässig gewartet und gemäss den Vorschriften geschmiert (z.B. Vorderachse alle 2500 km). Auspuffanlagen und Wärmetauscher mussten schon zu Käfers Lebzeiten häufig ausgetauscht werden. Die Teileverfügbarkeit ist nicht zuletzt dank der grossen Produktionsmenge und vieler Anbieter vor allem für Fahrzeuge ab 1960 ausgezeichnet. Die Fahrzeuge der Sechzigerjahre waren dank guter Blech- und Verarbeitungsqualität nicht ausserordentlich rostanfällig, aber inzwischen sind diese Autos natürlich fast 50 Jahre alt und daher ist heute vor allem die Qualität von Reparatur- und Restaurationsarbeiten wichtig beim Kauf.

Und so fahren wir denn weiter im Käfer und summen «Merci, Cherie» von Udo Jürgens und danken der Firma Swiss Classic AG für die Gelegenheit, im Volkswagen vergangenen Erinnerungen nachfahren zu können.

Weitere Informationen über den VW Käfer, mehr Fotos, viele historische Dokumente und eine Kostprobe des unverwechselbaren Käfer-Sounds finden sich auf Zwischengas.com.

baz.ch/Newsnet

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