Zum Hauptinhalt springen

Der «American Way» des Sportwagens

Stärker, schneller, aber auch beherrschbarer und luxuriöser feiert die US-Ikone Viper unter dem Markennamen SRT ihr furioses Comeback.

«How you doin’» ist eher als freundliches Hallo denn als Frage gemeint, «really close» liegt 45 Minuten entfernt, mit «you guys» bin auch ich gemeint, auf dem Frühstückstisch steht Ketchup, und vor der Reizüberflutung mit Weihnachtskitsch gibt es kein Entrinnen. Es sind solche Details, die – und das ist bitte nicht wertend zu verstehen – klarmachen: Amerika tickt anders.

Bezüglich Autos mag man das Standardgefährt Pick-up erwähnen, aber keines belegt den kulturellen Unterschied zwischen Europa und den USA so eindrücklich wie die amerikanische Sportwagenikone Viper. Downsizing? Turbolader? Kompressor? Direkteinspritzung? No, thanks! Die Ingenieure schöpfen Leistung lieber aus stolzen 8,4 Liter Hubraum. Selbst jetzt noch, da eine Tankfüllung in den USA längst nicht mehr so günstig wie Ketchup ist und das 2010 eingestellte Modell komplett neu entwickelt wurde – um «alles zu verschmelzen, was man bei Chrysler weiss». Mehr noch: «Als Beweis, dass Chrysler eine Seele hat.»

650 PS und 814 Newtonmeter

Der Rückschluss, in Detroit mangle es an Zeitgeist oder technischer Raffinesse, ist jedoch falsch. Ausserdem zählt Chrysler ja längst zur Fiat-Gruppe, und die Italiener haben bei der Fahrzeugentwicklung kräftig mitgewirkt. Zwar «mehr bezüglich Know-how als Komponenten», wie Kommunikationsmanager Davide Kluzer betont, aber den «American Way» der Sportwagen-Interpretation habe man auch in Turin gefördert: «Eine Viper im Stil von Maserati oder Ferrari wäre nicht glaubwürdig.» Glaubwürdig erscheint der Hub-raum-Protz vor allem darum, weil er den Leistungsdaten gerecht wird: Der obligate V10 ist (auf europäische Werte umgerechnet) von 612 auf fast 650 PS erstarkt, leistet 814 Newtonmeter Drehmoment und katapultiert den handgeschalteten Supersportler mit 3,5 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 sowie 331 km/h Spitze direkt in die oberste Sportwagen-Liga.

Und wie die Viper nun flammend rot und heiss atmend auf dem sich 12-mal windenden Road Atlanta-Rundkurs zum Angriff bereitsteht, denke ich: Zum Glück haben die Amerikaner auch am charakteristischen Machoauftritt mit elend langer Motorhaube, mittig abgesenktem «Double Bubble»-Dach sowie klassischen Side-pipes festgehalten und sich dabei deutlich stärker am Original von 1992 denn am Vorgänger orientiert. Dafür, dass die neue Haut dennoch nicht angegraut wirkt, sorgen schärfere Kanten, ein riesiger Kühlerschlund, reptilienartig geschlitzte Bi-Xenon-Scheinwerfer mit LED-Leisten sowie ein verändertes Heck, an dem das Viper-Emblem nun als dritte Bremsleuchte aufblitzen darf.

Luxus und besseres Handling

Abgewöhnen muss man sich indessen den Markennamen Dodge, der zuweilen auch Chrysler lautete: Die neue Viper erscheint unter dem Label SRT, das für Street & Racing Technology steht. Nicht gerade zum Ab-, aber Umgewöhnen ist ferner die Abkehr vom Purismus: Neuerdings bändigt man den US-Renner in opulentem italienischem Leder, das in der luxuriösen GTS-Version fast schon verschwenderisch eingesetzt wurde, geniesst ergonomischeres Schalengestühl und blickt auf ein rein digitales Cockpit mit 8,4-Zoll-Touchscreen. Zum Serienumfang zählt auch ein leistungsstarkes Harman-Kardon-Soundsystem. Aber wie ein Mitglied des SRT-Teams bemerkte, wurde das Auto «nicht geschaffen, um Musik zu hören». Es wurde nicht einmal geschaffen, um sich zu unterhalten: Sobald der Saugmotor die Beschleunigung brüllend und mit ohrenbetäubenden Hochfrequenzen orchestriert, erübrigt sich Small Talk. Entsprechend haben die SRT-Leute für die Begleitung der Journalisten Handzeichen parat. Etwa den «Slow down» bedeutenden, nach unten gerichteten Daumen, den man allerdings zunehmend ignorieren möchte – das Fahrzeug zu beherrschen, fällt schliesslich leichter als sich selbst, und die Brembo-Bremsen beissen jederzeit vehement zu.

In Europa (noch) nicht erhältlich

Dass mein Beifahrer die problemlose Kurvenhatz mit amerikanisch-überschwänglichem «Good Job!» lobt, ist allerdings weniger meinen denn den Künsten der Ingenieure zuzuschreiben: Die 50 Prozent steifere Karosserie, das mit Alu, Karbon und zusätzlichem «SRT Track-Package» auf unter 1,5 Tonnen gedrückte Kampfgewicht, erstmals verbaute Elektronik wie Traktionskontrolle und ESP verleihen der giftigen Viper das Gemüt einer Ringelnatter. Die Launch Control macht den Blitzstart zum Kinderspiel, und wer auf normaler Strasse unterwegs ist, kann das Fahrwerk der GTS-Version sogar auf Komfort trimmen. Wie robust die Konstruktion überdies ist, belegt SRT-Chef Ralph Gilles lachend damit, dass die gleichzeitig entwickelte Rennversion eine ganze Woche «Top Gear»-Filmerei schadlos überstand.

Die Viper bleibt letztlich auch mit mehr Luxus und besseren Manieren ein faszinierendes Sportgerät, und von den anwesenden Journalisten aus Europa, Russland, Australien und dem Mittleren Osten verlässt an diesem Tag keiner das Cockpit, ohne von einer Seite des Helmes zur anderen zu grinsen. Wer sich genau dieses Grinsen nun aber zu Weihnachten wünscht, sollte nicht das Christkind, sondern den amerikanischen Santa Claus anfragen, denn der Europa-Import ist vorerst nicht geplant. Sollte sich dies jedoch ändern, dürfte der Preis, der in den USA bei 97 395 Dollar für die Basis- und 120 395 Dollar für die GTS-Version startet, auch in der Schweiz weit unter dem Niveau vergleichbarer Maschinen liegen. In diesem Sinne: Merry Christmas. Und hoffentlich: Happy New Year!

 Nina Vetterli fuhr die die SRT Viper am 11. Dezember auf Einladung der Fiat Group Automobiles Switzerland SA in den USA.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch