Ausnahmekönner Hansjörg Abt

In seinem 84. Lebensjahr ist ein Ausnahmekönner unter den Wirtschaftsjournalisten von dieser Welt gegangen.

Schon beinahe Kultstatus erlangte H. A. bei der publizistischen Begleitung und schliesslich Beendigung des abenteuerlichen Unternehmer-Ritts des Werner K. Rey.

Schon beinahe Kultstatus erlangte H. A. bei der publizistischen Begleitung und schliesslich Beendigung des abenteuerlichen Unternehmer-Ritts des Werner K. Rey.

(Bild: nzz.ch)

Aus der Perspektive eines jungen Ökonomen, den Hansjörg Abt in seinen ersten drei Jahren auf der Wirtschaftsredaktion der NZZ von 1970 bis 1972 unter seine Fittiche nahm, gestatte ich mir im Folgenden Schilderungen und Wertungen, die sehr vieles nicht enthalten können, was der äusserst vielseitig interessierte Hansjörg Abt in seinem familiären und weiteren, privaten Umfeld erlebte und gestaltete.

H. A., bald einmal sein journalistisches Markenzeichen, startete mit seiner Dissertation bei Professor Edgar Salin an der Universität Basel 1963 mit einem prall gefüllten Rucksack, der ihn als Wirtschaftsjournalist bei den Basler Nachrichten in die Lage versetzte, weit über die rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweisen hinwegzublicken. Die Ironie dabei: Bei den hartnäckigsten Recherchen, die H. A. später für die NZZ, manchmal als eigentliche Fortsetzungsgeschichten publizierte, halfen ihm seine ausserordentlichen Fähigkeiten der Bilanzanalyse. Damals und auch heute noch keine ausgesprochene Stärke eines Grossteils der Wirtschaftsjournalisten.

Schon beinahe Kultstatus erlangte H. A. bei der publizistischen Begleitung und schliesslich Beendigung des abenteuerlichen Unternehmer-Ritts des Werner K. Rey (Stichworte dazu: Selve Thun, Bally). Dass ihm dabei ein ganz grosser Grossbankier der damaligen SBG half, ist nie dementiert worden. Aber die Hilfe kam dem Bestmöglichen zugute. Die Branche der Elektro-, Metall- und Uhrenindustrie kannte Hansjörg Abt wie kaum jemand unter den Aussenstehenden. Es war denn auch kein Zufall, dass H. A. zwischenzeitlich auch mal die oberste Kommunikationsverantwortung für die Brown Boveri & Cie. AG in Baden übernahm. Aber dort war er nicht an dem ihm wirklich passenden Platz.

Denn Hansjörg Abt war ein Solitär. Auch ein Stück weit charakterlich. Auch als Alpinist. Er ging bei der NZZ nicht als ausgesprochener Teamplayer in die Annalen ein. Vielmehr hielt er sich einsam, etwas abgesetzt, im Dachgeschoss der Zeitung auf. Und bald einmal entstanden seine journalistischen Preziosen mehrheitlich in einem wunderbaren «Reduit» am Rheinufer Grossbasels. Für die Leser war sein Output schlicht ein Genuss. Schon damals meinten selbst ernannte Journalismus-Lehrer, das Wichtigste eines Texts müsse immer zu Beginn enthalten sein.

H. A. kümmerte sich um solche Banalratschläge keinen Deut. Bei ihm war es vielmehr oft so, dass der eigentlich «Hammer» im Schlusssatz zu lesen war. Vielfach hätte man am liebsten weitergelesen. Journalistische Sternstunden bot H. A. auch über die Chemie- und Pharmaindustrie. Dabei gelang es ihm als eingefleischtem Stadtbasler, von aussen betrachtet jedenfalls, mühelos, die für den Spitzenjournalismus notwendige mittlere Distanz zu den Machthabenden einzuhalten. Diese mussten H. A. nicht lieben, aber ihren Respekt konnten sie ihm nicht vorenthalten.

Eine «ganz grosse Nummer» war Hansjörg Abt für die Uhrenindustrie, die ja zu seiner Zeit einigen Anlass bot, um kritisch beleuchtet und hinterfragt zu werden. Es gab damals zwei Wirtschaftsjournalisten, denen kein noch so wichtiger Uhrenindustrieller oder Grossbankier mit Grosskrediten für diese Unternehmen Märchen erzählen durfte. Der andere war Gil Baillod vom Impartial aus La Chaux-de-Fonds, der Hansjörg Abt im Tod um einige Jahre vorausgegangen ist.

Bei all den Berichten, Analysen und Kommentaren zu den Grossunternehmen (worunter sich auch Nestlé befand) könnte man meinen, Hansjörg Abt hätte sich darauf beschränkt und damit das übergeordnete Makroökonomische etwas vernachlässigt. Falsch. Als sich der hoch erfolgreiche und ebenso respektierte Grandseigneur unter den schweizerischen Grossindustriellen, Max Schmidheiny, mal in einem Vortrag etwas von einem liberalen, wirtschaftspolitischen Weg verbal entfernte, kam die Schelte von H.A. prompt und glasklar.

Erich Heini ist ehemaliger NZZ-Redaktor und Auslandkorrespondent. Er war von 1976 bis 1984 Pressesprecher der SNB.

Basler Zeitung

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