«Sarah Palin weckt bei Frauen Skepsis»

Sarah Palin hat am Parteitag der Republikaner zwar Punkte geholt. Doch viele Frauen beissen nicht an. Die Politologin Regula Stämpfli sagt baz.ch/Newsnet, warum.

Lächeln für die Kamera: Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin mit Tochter Piper und John McCain.

Lächeln für die Kamera: Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin mit Tochter Piper und John McCain.

(Bild: Keystone)

Sarah Palin hat das Publikum überzeugt. Sie wurde am republikanischen Parteitag frenetisch gefeiert – trotz des Wirbels um ihre Person. Ist sie der neue konservative Superstar in den USA? Für den Superstar reicht es nur innerhalb der eigenen Reihen – die Washington-Insider, die Medien sowie die urbanen Zentren bleiben skeptisch. Der gestrige Tag hat lediglich gezeigt, dass Palin trotz starker Kritik als Person mit Charisma und Rhetorik punkten kann. Das ist aus europäischer Sicht nicht viel, in amerikanischen Augen jedoch schon mehr als die halbe Miete.

Um McCain ins Weisse Haus zu verhelfen, muss die erzkonservative Palin auch Wechselwähler der Mitte ansprechen. Umfragen zeigen jedoch, dass vor allem Frauen skeptisch sind. Wieso? Jede Frau, die behauptet, locker Vizepräsidentin und Mutter von fünf Kindern – darunter ein behindertes – sowie in Kürze auch noch eine gute Grossmutter für das Kind ihrer minderjährigen Tochter zu sein, weckt bei Frauen Skepsis. Denn jede Mutter weiss, wie schwer es ist, Kinder und Karriere zu verbinden – ausser man verfügt über einen Haufen Geld. Für die meisten Frauen, die keine Kinder haben, gehen Palins erzkonservative Positionen in punkto Sexualität zudem schlicht an der Realität vorbei: Sie lehnt Abtreibungen ab – auch bei Vergewaltigungen.

Trotz ihres Weltbildes unterstützt die Hardlinerin Palin ihre schwangere 17-jährige Tochter. Das passt gar nicht ins konservative Weltbild. Seit wann gelten Logik und Konsistenz in Wahlentscheiden? Heutzutage werden Wahlen in den USA ausschliesslich mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf entschieden. Die USA sind ein zutiefst anti-intellektuelles Land wenn es darum geht, die eigenen Führer zu wählen. Dies war schon zur Gründerzeit der USA so.

Vor der Rede ist Sarah Palin drei Tage abgetaucht: Neben der Schwangerschaft ihrer Tochter wurde auch Vorwürfe wegen Amtsmissbrauch bekannt. Zudem sass ihr Mann vor Jahren betrunken hinter dem Steuer. Würden ihre Kritiker ebenso auf sie schiessen, wenn sie ein Mann wäre? Wenn sie als Mann dieselbe Biographie hätte, sicher. Einzig die Fokussierung auf den Ehemann und die Bezeichnung «Schattengouverneur» ist klar gegen die Frau gerichtet. Auch die hessische SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti wurde wegen ihrem Berater-Mann als «fleischgewordener Teleprompter» bezeichnet. Doch in Palin ein Opfer zu sehen, wäre völlig falsch verstandener Feminismus.

Dann hat Sarah Palin nichts mit kritisierten Schweizer Politikerinnen wie Ex-Bundesrätin Elisabeth Kopp und der nicht wiedergewählten Bundesrätin Ruth Metzler gemein? Nein, gar nichts! Hier einzig die Biologie zu nehmen und so unterschiedliche Politikerinnen mit unterschiedlichen politischen Kulturen, Biographien und politischen Karrieren zu vergleichen, ist zwar medial durchaus verständlich, aber eigentlich eine Beleidigung für alle denkenden Frauen und Männer. Bis jetzt hat beispielsweise noch niemand nach den Ähnlichkeiten von Christoph Blocher und John McCain gefragt – obwohl beides alte und konservative Männer sind.

baz.ch/Newsnet

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