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Theresa May und die «Davos Men»

Die britische Premierministerin redet am Weltwirtschaftsforum. Zwei eher ungeliebte Parteikollegen waren auch in den Bündner Bergen. Mays Treffen mit Donald Trump verkaufte vor allem der US-Präsident als Erfolg. Läuft alles nach Plan, trifft er die Queen im Sommer zum Tee.

Hansjörg Müller, London
«Auf derselben Wellenlänge»? Theresa May und Donald Trump gestern auf dem WEF in Davos.
«Auf derselben Wellenlänge»? Theresa May und Donald Trump gestern auf dem WEF in Davos.
Keystone

Theresa May, die britische Premierministerin, war auch auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Zwei ihrer Parteifreunde ebenso, wobei in diesem Fall angenommen werden darf, dass das Wort «Parteifreund» einen Euphemismus darstellt. Es handelte sich nämlich um David Cameron, Mays Vorgänger, und seinen Freund George Osborne, den früheren Finanzminister, den May nach ihrem Amtsantritt aus ihrem Kabinett hinauskomplimentiert hatte. Offenbar wollen beide Ex-Politiker im Geschäft bleiben.

Cameron fiel in Davos durch eine Äusserung über den Brexit auf, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war: Dieser sei zwar «ein Fehler», aber «kein Desaster», sagte er dem indischen Grossindustriellen Lakshmi Mittal. Die bisherigen Konsequenzen des Volksentscheids hätten sich «als weniger schlimm erwiesen, als wir zuerst dachten», auch wenn dessen Umsetzung «weiterhin schwierig» sein werde. Brexit-Befürworter werteten Camerons Worte umgehend als Eingeständnis, dass er mit seinen Warnungen falsch gelegen habe.

In allerhöchsten Kreisen

Osborne, 46, der während seiner Amtszeit als Dauphin des fünf Jahre älteren Cameron gegolten hatte, gab sich zumindest nach aussen hin weniger demütig: In einem ausgesucht selbstgefälligen «Tagebuch» für den Spectator erzählte er von seinen Erlebnissen in Davos, mit einem alkoholseligen Fondue-Dinner unter selbstverständlich höchst bedeutenden Freunden als dramaturgischem Höhepunkt.

Über seine Intimfeindin May machte er eine maliziöse Bemerkung: Auf dem letzten WEF hatte sich diese von den «citizens of nowhere» abgegrenzt, der angeblich abgehobenen globalen Elite, die den Kontakt zu den Bürgern verloren habe. Osborne übernahm diese Bezeichnung nun stolz für sich selbst – und erinnerte an Mays «erfolgreichen Auftritt» im Januar 2017, bei dem sie ihren Zuhörern erklärt habe, dass sie «Wahlen verlieren würden, sollten sie nicht erkennen, wie weit sie sich von den Leuten entfernt haben». Etwa fünf Monate später verlor May bekanntlich selbst ihre absolute Mehrheit im Unterhaus. Die (zugegebenermassen hypothetische) Frage, wie er oder Cameron sich gegen die unter Jeremy Corbyn wiedererstarkte Labour-Partei geschlagen hätten, sprach Osborne nicht an.

Was ein Jahr für einen Unterschied macht, diesen Satz könnte man als Überschrift für zahlreiche Texte über May verwenden: Vor zwölf Monaten trat sie am WEF betont selbstbewusst auf, bemüht, sich von Politikern wie Cameron und Osborne abzugrenzen, die im angelsächsi­schen Raum gelegentlich pejorativ als «Davos Men» bezeichnet werden. Dazu gehörte auch, dass sie Termine mit der globalen Managerkaste – ob bewusst oder nur aus Desinteresse – sausen liess. Jack Ma, den CEO von Alibaba und damit eine Art chinesischen Jeff Bezos, habe May 2017 düpiert, um stattdessen mit ihren engsten Mitarbeitern Teambuilding am Fondue-Caquelon zu betreiben, schreibt Katie Perrior, die damalige Kommunikationschefin der Premierministerin, in einem Beitrag für die Times.

Diesmal eher als Bittstellerin?

Demgegenüber kam May dieses Jahr eher als Bittstellerin, so zumindest stellten es britische Zeitungen dar. Zu­sammen mit Donald Trump werde sie die special relationship zwischen Grossbritannien und den USA zu neuen Höhen führen, hatten vor allem konservative Kommentatoren in den Wochen und Monaten nach dessen Wahl noch orakelt. Nun, so hiess es, müsse May froh sein, den US-Präsidenten überhaupt treffen zu können. Zumindest dies gelang ihr gestern.

Was Trump danach sagte, klang wie viele seiner Äusserungen übertrieben und daher wenig glaubwürdig: «Wir mögen uns sehr», behauptete er; die Premierministerin und er seien «in jeder Beziehung auf derselben Wellenlänge». Über einen Besuch Trumps in London werde «jetzt diskutiert», sagte May. Eigentlich hätte die Visite längst stattfinden sollen und wurde dann von Trump mehrfach abgesagt, dem Vernehmen nach aus Angst vor Protesten. Gestern nun einigten sich May und er auf einen Besuch im Sommer – offenbar ohne ganz grossen Pomp, aber mit einem Abstecher nach Windsor, wo Trump die Queen zum Tee treffen soll.

In der Ansprache, die sie vor ihrem Treffen mit Trump hielt, beschäftigte sich May mit allem Möglichen, nur kaum mit dem Thema, das ihre Zuhörer am meisten interessiert haben dürfte, nämlich dem Brexit. Stattdessen redete sie über soziale Netzwerke, neue Technologien und künstliche Intelligenz – und darüber, dass die Staaten all dies regulieren müssten.

Die Welt ist grösser als Europa

Vom EU-Austritt sprach dafür Schatzkanzler Philip Hammond. Dabei sorgte vor allem sein Auftritt bei der britischen Industriellenvereinigung CBI für Aufregung: Einmal mehr redete Hammond einem sogenannt weichen Brexit das Wort. Beide Seiten sollten eine «möglichst enge Beziehung» anstreben, sagte er. Brexit-Befürworter in der Konservativen Partei gaben sich entsetzt, worauf May ihren Finanzminister offenbar massregelte. Es sei klar für ihn, dass Grossbritannien den gemeinsamen Markt und die Zollunion verlassen werde, schrieb Hammond später auf Twitter. Die Brexit-Debatte innerhalb der britischen Regierungspartei tat damit einmal mehr, was sie seit Monaten tut: Sie drehte sich im Kreis.

Dienstleistungen müssten unbedingt Teil eine Deals zwischen London und Brüssel sein, hatte der Schatzkanzler bereits vor seinem Auftritt bei der CBI gesagt. Sollten die Kontinentaleuropäer der britischen Finanzindustrie schaden wollen, machten sie einen Fehler, warnte er, denn wenn die City verliere, würden nicht Frankfurt oder Paris gewinnen, sondern New York und Singapur.

Die Welt ist grösser als Europa, schien seine Botschaft zu lauten. Doch daran sollte man dieser Tage in Davos ohnehin niemanden erinnern müssen.

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