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«Unsere Waffe ist jetzt das Wort»

Milena Reyes, die vierzehn Jahre lang Guerillera bei den Farc war sagt, die Menschen demonstrierten heute friedlich.

Sebastian Schoepp
Milena Reyes vor einem Bild von ihr in Kampfmontur, das die Fotografin Ann-Christine Woehrl gemacht hat. Foto: Sebastian Schoepp
Milena Reyes vor einem Bild von ihr in Kampfmontur, das die Fotografin Ann-Christine Woehrl gemacht hat. Foto: Sebastian Schoepp

In Kolumbien gibt es zurzeit Massenproteste und einen Generalstreik. Wer geht da auf die Strasse?

Das sind ganz normale Leute, sie kommen aus allen Schichten, sie verlangen bessere Bildungschancen, Gesundheitsversorgung, soziale Massnahmen, ähnlich wie in Chile. Ganz Kolumbien ist in Bewegung, zum ersten Mal in seiner Geschichte. Die Leute schlagen auf Pfannen, demonstrieren weitgehend friedlich.

Sie waren Mitglied der Rebellenarmee Farc. Hängen Sie deren Zielen noch an?

Ja, aber wir sind jetzt eine Partei und kämpfen in den Parlamenten für mehr Gerechtigkeit. Die Methoden haben sich geändert, aber die Ziele sind die gleichen. Unsere Waffe ist jetzt das Wort. Kolumbien ist immer noch wie ein Feudalstaat. Es gibt Korruption. Der Frieden ist da, aber an den Gründen des Konflikts hat sich nichts geändert.

Viele Stimmen haben Sie aber nicht bekommen bei der Parlamentswahl letztes Jahr.

Bei den diesjährigen Regionalwahlen schon. Wir haben auch einige Bürgermeisterämter erobert. Die Leute ändern ihre Meinung über uns.

Studenten an einem Protest gegen die kolumbianische Regierung am 23. November 2019 in Bogota. Foto: Keystone
Studenten an einem Protest gegen die kolumbianische Regierung am 23. November 2019 in Bogota. Foto: Keystone

Sie waren vierzehn, als Sie sich dem bewaffneten Kampf anschlossen. Wie kommt ein junges Mädchen auf so etwas?

Meine Familie war arm, wir ­waren acht Geschwister, meine Mutter hatte kein Geld, mir ein Studium zu bezahlen. Ich sah keine Perspektive. Dann war ich bei meiner Schwester auf dem Land zu Besuch. Über sie habe ich Leute von den Farc kennen gelernt. Sie waren gerade im Dorf, um Verpflegung zu kaufen und Kämpfer zu rekrutieren. Es waren acht Leute, sechs davon Frauen. Das hat mich elektrisiert.

Warum?

Die Rolle der Frau in der kolumbianischen Gesellschaft ist sehr traditionell, sie soll gehorchen, in der Küche bleiben, Kinder grossziehen. In der Guerilla hingegen schien es eine andere Möglichkeit zu geben. Vierzig Prozent der Guerilla waren weiblich.

Hatten Sie sich als Teenager schon mit marxistischen Ideen auseinandergesetzt?

Nein, gar nicht, das war ganz neu für mich. Meine Familie war konservativ-liberal. Ich war ein schlichtes, einfaches Mädchen, das in die Schule ging, herumspielte, sich mit Freundinnen traf. Es war irgendwie verrückt. Ich nahm mir fünfzehn Tage Zeit, verabschiedete mich von meiner Mutter und Oma und rückte ein.

Und dann drückte man Ihnen ein Gewehr in die Hand, und Sie gingen kämpfen?

Nein, das sagt das Klischee. Bei den Farc durchlief man eine zweijährige Ausbildung: marschieren, Schiessplätze und Camps aufbauen, ein Gewehr ­laden und entladen. Und ideologische Schulung.

Wo haben Sie gelebt?

In Zeltlagern, inmitten des ­Urwalds – und das war richtiger Urwald.

Vermissten Sie nichts?

Doch. Man lässt das Wichtigste zurück: seine Familie. Aber die Farc wurden zur neuen Familie.

«Was bei mir psychische Probleme ausgelöst hat, ­waren die Bomben. Ich habe ­sieben Bombardements überlebt, aber viele Kämpfer sind gestorben.»

Wie oft haben Sie Ihre richtige Familie in diesen vierzehn Jahren gesehen?

Dreimal. Einmal kam meine Mutter ins Camp, sie lief sofort zum Kommandanten und bat, mich nach Hause zu lassen. Der Kommandant fragte mich, was ich tun wolle. Ich habe gesagt, dass ich nirgendwo anders hinwolle. Ich sagte: Mutter, bitte respektiere meine Entscheidung. Meine Mutter hat zuerst versucht, Druck auszuüben, doch dann hat sie es respektiert.

Haben Sie auch an Kämpfen teilgenommen?

Ja, ich war fünf Jahre im Einsatz gegen die kolumbianische Armee. Und diese Armee versteht zu kämpfen. Danach habe ich mich der Kommunikation zugewandt.

Haben Sie jemanden getötet?

Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht.

Aber auf den Feind geschossen haben Sie?

Ja. Aber man sieht oft nicht genau, was auf der anderen Seite passiert.

Geht Ihnen das im Kopf herum?

Klar, natürlich.

Bereuen Sie es?

Eher nicht. Was bei mir psychische Probleme ausgelöst hat, ­waren die Bomben. Ich habe ­sieben Bombardements überlebt, aber viele Kämpfer sind gestorben. Wir haben Verletzte geborgen. Das prägt einen das ganze Leben. Man entwickelt ein übersensibles Gehör, lernt, ­Geräusche genau zu unterscheiden. Du hörst im Schlaf, wenn sich ein Fahrzeug nähert. Immer noch träume ich, dass ich im ­Lager bin, dass ich Tote sehe. ­Sogar Leute, die noch leben, sehe ich als Tote. Das sind Spuren, die ich noch nicht habe bearbeiten können.

Gab es sexuelle Übergriffe im Camp?

Wir waren vierzig Prozent Frauen. Das passiert in Armeen, die vor allem aus Männern bestehen.

Offiziell sind mehr als 5000 Übergriffe bei der Guerilla dokumentiert.

Das behaupten die Presse und die Staatsanwaltschaft. Nein, das stimmt nicht. Mit solchen Daten verfälscht man die Realität.

Wir sind jetzt ganz normale Kolumbianer, die dieselbe soziale Realität leben wie alle anderen.

Es heisst, Frauen, die schwanger wurden, mussten abtreiben.

Wir haben über Abtreibung gesprochen, lange bevor das ein Thema in der kolumbianischen Gesellschaft war. Es wurde aber nicht angeordnet, es geschah freiwillig.

Es wurden aber auch Kinder geboren in den Camps?

Es gab Kinder, ja, dabei sagte man uns beim Eintritt in die Farc, dass wir keine haben könnten. Für mich kam das auch nicht ­infrage. Ich wollte nicht erleben, was meine Mutter erlebt hat. Sie wurde vertrieben im Bürgerkrieg, wir waren acht Geschwister, mein Bruder und ich wurden Guerilleros, er wurde 2008 getötet. Ich hätte das Kind weggeben müssen, viele Kameradinnen haben das gemacht und suchen noch heute verzweifelt nach ihren Kindern.

Was war das Schwierigste bei der Rückkehr ins zivile Leben?

Du musst lernen zu arbeiten, um deine Miete und die Bildung deiner Kinder zu bezahlen oder Kleidung zu kaufen. Mit dieser Realität kämpfen wir, aber so ist der Alltag. Wir sind jetzt ganz normale Kolumbianer, die dieselbe soziale Realität leben wie alle anderen. Man muss lernen, dem System zu vertrauen, das man einmal hinter sich gelassen hatte. Und die Normen der Gesellschaft einhalten und der Verfassung. Ich studiere jetzt.

Wie ist die Stimmung Ihnen gegenüber?

Viele Leute glauben, Guerilleros seien Mörder, die Kinder fressen. Und diese Regierung macht es uns schwer. Seit dem Amtsantritt von Präsident Iván Duque sind 180 frühere Kämpfer getötet worden. Ich habe Leibwächter.

«Es gibt viele, die sind im Krieg alt geworden, die sind 60 oder 70, können nicht lesen und schreiben. Sie kannten nur das Gewehr. »

Bekommen Sie Unterstützung?

In den Friedensvereinbarungen ist festgelegt, dass jeder Kämpfer umgerechnet 270 Franken erhält. Das reicht aber nicht. Wir hatten ja kein Haus, viele haben ihre Familien verloren. Es wurden 27 Zonen eingerichtet, wo wir eine Unterkunft bekamen und Ackerland zum Bestellen, Kooperativen wurden gegründet. Aber diese Hilfe hört jetzt auf. Ich bin jung, ich habe das Leben vor mir. Es gibt viele, die sind im Krieg alt geworden, die sind 60 oder 70, können nicht lesen und schreiben. Sie kannten nur das Gewehr. Die Guerilla gab dir alles, Kleidung, Essen, Unterkunft.

Gehen viele zurück in den Urwald?

Ja, es gibt welche, die enttäuscht sind, etwa zehn Prozent der 15 000 früheren Kämpfer.

Würden Sie je zurückgehen?

Nein, das ist vorbei.

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