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Sind wir Zeugen einer historischen Zeit?

Terror, Brexit, Trump – wir glauben, vor unseren Augen spiele sich noch nie Dagewesenes ab. Das kann man auch anders sehen.

Die Geschichte geht weiter, und die Langeweile endet. Foto: Erik S. Lesser (Keystone)
Die Geschichte geht weiter, und die Langeweile endet. Foto: Erik S. Lesser (Keystone)

Constantin Seibt

Zugegeben, meistens passiert nichts. Und dann etwas Unerwartetes..

Ja

Clinton versus Trump: War das eine echte Entscheidung? Oder nur hässlicher Lärm?

Es gibt eine unsichtbare Linie, die politische Köpfe trennt, egal, ob links oder rechts: die Frage, ob etwas passiert oder nichts.

Die Debatte darum steigt in jeder Bar, jedem Parlament, nicht zuletzt jeden Morgen in jeder Redaktion – die, die überall die Zeichen sehen, gegen die, die sagen: nume nöd gsprängt.

Es ist eine Debatte, die nicht zuletzt von der Herkunft bestimmt wird. Redaktoren mit solid schweizerischen Wurzeln tendieren dazu, dass am Ende nichts geschieht: Die Eurokrise wird Europa nicht sprengen, der SVP-Sieg wird nicht mehr bewegen als weitere Subventionsgelder in bürgerliche Taschen, die Frage, wer US-Präsident ist, ändert für dein reales Leben nichts.

Ihre Prognose ist, dass, sobald sich der Lärm verzieht, alles weiterwurstelt. Das ist keine Überraschung: Sie wuchsen in einem Land ohne Kriege, Geldentwertung, Enteignungen auf.

Die Journalisten, die Secondos sind, sehen die Welt meist nervöser. Für sie kippt die Zivilisation dauernd: ins Autoritäre, in die Krise, ins Chaos. Denn ihnen sitzen die Gespenster der europäischen Geschichte im Nacken.

Das Ergebnis: Fast immer haben die Entwarner recht. Die Kraft des Wurstelns wird chronisch unterschätzt. Es ist erstaunlich, wie zäh sich Institutionen über Widersprüche hinweghangeln: das Bankensystem, die EU, die Ehe der Nachbarn.

Nur wird dabei das Entscheidende verpasst: Die Welt bewegt sich in Sprüngen fort, nicht in Entwicklungen. Die prägenden Ereignisse – der Fall der Berliner Mauer, das World-Trade-Center-Attentat, die Finanzkrise, der Arabische Frühling – kamen selbst für Experten völlig unvorhergesehen.

Die Geschichte gleicht einer Kette von Wundern, erfreulichen wie blauen. Deshalb, weil das Handeln einzelner Menschen mit anderen stets unabsehbare Folgen hat – unkalkulierbar für alle Beteiligten. Ohne das würde nie etwas Neues auf die Welt kommen.

Als 2000 in den USA die Wahl Bush gegen Gore hiess, kommentierten viele, das Ergebnis sei egal: Am Ende sei die Eigendynamik eines Imperiums wichtiger. Nur: Mit Gore wären die USA nie in den Irak einmarschiert. Es waren 537 Stimmen in Florida, die entschieden über das Leben – und den Tod – von Millionen. Weiss der Teufel, worüber die jetzige Wahl entschieden hat.

Natürlich steht die Welt von heute auf der Kippe. Etwa, weil das Gespenst des vergangenen Erfolgs sie verfolgt: in der Form von Trillionen von Spargeldern, die – gierig und nervös – als Springflut um den Planeten kreisen und mal einen Boom, mal Verwüstungen auslösen. Oder in Form der Angst der Erfolgreichen, in Zukunft ärmer zu werden – der Moment, in dem Besitz von Sicherheit in Panik kippt. Trumps Wähler waren nicht verzweifelte Verlierer, sondern verzweifelte Gewinner.

Vielleicht ist es auch die stetige Verdoppelung der Rechengeschwindigkeit, die zu sprunghaft smarteren Maschinen führt. Und zu einer völlig neuen Lebensform: möglich, dass unsere Kinder als Erwachsene zu ganz anderen Wesen werden. Vielleicht passiert auch, wie so oft, nichts. Nur sollte man nicht damit rechnen. Denn etwas völlig Neues kommt – unter Garantie. Wir leben in einer historischen Zeit. Weil es nie eine andere gab..

David Hesse

Dass wir uns in historischen Zeiten wähnen, zeugt von reinem Wunschdenken..

Nein

Die Zeiten sind zum Fürchten, aber immerhin, so denkt man: historisch. Erst der Brexit, das Rütteln am Friedensprojekt EU, nun die US-Präsidentschaftswahl, bei der der Kandidat der Konservativen als toupierter Hooligan auftrat, seiner Gegnerin mit Haft und den Feinden Amerikas mit Atomwaffen drohte. 2016 hat es in sich.

Für einen freundlichen Politikwissenschaftler namens Francis Fukuyama bedeutet das: noch mehr Häme, noch mehr Spott. 1989 hatte er in der Zeitschrift «National Interest» das «Ende der Geschichte» verkündet. Nach dem Niedergang der zwei grossen Konkurrenzideen Faschismus und Kommunismus, schrieb Fukuyama, habe der Westen gewonnen, stünden Demokratie und Marktwirtschaft ohne Alternative da. Überlesen wurde oft, dass der Autor diesen Sieg nicht nur als Glücksfall sah. Es kämen «Jahrhunderte der Langeweile» auf uns zu, schrieb er, da wir künftig weniger um bessere Politik besorgt sein würden als um «Videorekorder und Stereoanlagen», die Feinjustierung der Konsumkultur. Traurig.

Seither ist Fukuyama tausendfach verrissen worden. Jedes Jahr nach 1989 schien seine steile These weiter zu entkräften: 9/11, der Aufstieg des autoritären China, Demokratieverdruss im Westen – siegreiche Langeweile sieht anders aus.

Vielleicht zum Glück. Wer will schon in permanenter Langeweile leben? Neben allem Weh­klagen über Trump und Co. lag in den letzten Monaten stets auch Erleichterung in der Luft. Die Geschichte geht weiter. Und wir sind dabei!

Die Lust am historischen Potenzial der eigenen Gegenwart gedeiht in allen politischen Ecken. Rechte Schlagbaumnostalgiker hofften, der Aufstieg Trumps werde einen Knall bringen, internationales Recht, politische Korrektheit und sonstige Hemmnisse des freien weissen Mannes pulverisieren. Linke wie der Philosoph Slavoj Zizek drückten Trump die Daumen, weil sie sich nach «tabula rasa» sehnen, einem Neuanfang nach dem Crash. Ja, selbst dezidierte Trump-Gegner schienen glücklich, einmal die ganz grossen Formulierungen verwenden zu dürfen: «So kommt der Faschismus nach Amerika», schrieb der konservative Politologe Robert Kagan, und der Kolumnist Roger Cohen sah den «Weimarer Moment» der USA gekommen, den Aufstieg des Bösen in den Bierhallen der Enttäuschten.

Knall, Crash, Weimar: Wir sind im Griff von Erschütterungssehnsucht, darauf aus, dass auch unsere postheroische Gegenwart relevant ist. Im Kleinen war dies auch in der Schweiz so, bei der Durchsetzungsinitiative, die im Januar separates Recht für Ausländer einführen wollte und vom Volk zu Recht verworfen wurde. Die Initiativgegner verstanden sich zuletzt als antifaschistische Widerständler. Unsere Zeit, unsere Schlacht.

Das ist Wunschdenken. Ob Brexit, US-Wahl oder SVP-Initiative: Die Zukunft der Welt wird nicht in einem Urnengang verhandelt, sondern jeden Tag ein bisschen. Die Realität ist umständ­licher als die Frage auf dem Stimmzettel. Ist Trumps Mauer legal? Wer handelt den Brexit aus? Das Stimmvolk träumt von einer Handlungsmacht, wie sie seine Politiker nicht mehr haben. Wir suchen das Pathos der Entscheidung, weil wir auf der Zielgeraden leben, der betonierten Piste ohne Ausfahrt. Fukuyama sah das kommen. Langeweile gebiert wilde Träume.

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