Eine Stadt als Tatort

Baltimore leidet an Armut und Rassismus. Und wurde durch seine Probleme weltberühmt.

Polizeibeamte im Einsatz in Baltimore. Foto: Keystone

Polizeibeamte im Einsatz in Baltimore. Foto: Keystone

Jean-Martin Büttner@Jemab

Wer sich der Stadt auf dem Wasser nähert, durch die weite Chesapeake-Bucht Kurs auf den Hafen nimmt, wo Getreidesilos zu Appartements umgerüstet wurden, wo das nationale Aquarium glitzert und die Skyline bleckt, wer in die sauberen Strassen geht und die historischen Gebäude besucht, dort mit den feierlichen Hinweisen der Stadtführer zugedeckt wird – der wird nichts von den Gründen verstanden haben, welche die Stadt nach wochenlangen Spannungen explodieren liess.

Das Zentrum wird touristisch gentrifiziert, die Rassenprobleme schwelen an den Rändern weiter. Freddie Gray, ein 25-Jähriger Afro­amerikaner, vor zwei Wochen wegen Messerbesitzes verhaftet, starb unter bislang ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam. Sein Begräbnis eskalierte am Montag zu Unruhen von jener ritualisierten Wucht, wie Amerika sie bereits nach den Vorfällen in Ferguson bei St. Louis erlebt hatte. Der Gouverneur von Maryland rief den Ausnahmezustand aus, verhängte eine Ausgangssperre und liess die Nationalgarde einrücken. Soldaten patrouillieren, Helikopter kreisen, Kameras drehen.

Baltimore, Maryland, USA. Die angesehene Johns-Hopkins-Universität steht hier, Billie Holiday wurde hier geboren, der Krimiautor Dashiell Hammett, der sarkastische Regisseur John Waters, der gerne in seiner Stadt dreht. Vor 200 Jahren reimte ein junger Rechtsanwalt ein Gedicht über eine amerikanische Flagge über dem Fort, das die Briten von ihren Schiffen aus bombardierten. Der Angriff scheiterte, Scotts Stadt triumphierte. Sein Gedicht wurde musikalisiert, heute flattert es als Nationalhymne über Amerika.

Der Schatten der anderen

Die Arbeiterstadt hat eine Geschichte, aber keine Bedeutung, sie bleibt eine Provinzstadt im Schatten anderer. Im Süden liegt die Hauptstadt Washington, im Norden die Gründerstadt Philadelphia und dahinter New York. Der Industriehafen hat seine Bedeutung verloren, wo Stahl verschifft wurde, frisst heute der Rost. Die Stadt verliert seit sechzig Jahren an Einwohnerinnen und Einwohnern, Zehntausende Häuser stehen leer und verfallen, noch knapp über 600 000 Menschen leben hier, zwei Drittel sind schwarz. Seit Jahrzehnten tobt ein Drogenbürgerkrieg zwischen den Banden und der Polizei, die Slums von West Baltimore gehören zu den schlimmsten des Landes. Eine Stadt wird zum Tatort.

Baltimore mag ohne Bedeutung sein, es wurde aber weltbekannt durch seine Probleme. Armut, Gewalt. Rassismus, Drogen, Segregation. Dass die Welt davon erfahren hat, verdankt die Stadt einem Journalisten, der sich auf das Schlimmste eingelassen hat.

David Simon arbeitete zwölf Jahre als Polizeireporter für die «Baltimore Sun». Als sich die Arbeitsbedingungen verschlechterten, begleitete er ein Jahr lang die Polizisten auf Streife und schrieb zwei Bücher darüber beziehungsweise verfasste sie mit. Daraus entstand zuerst «The Corner», eine radikal direkte Miniserie über den lokalen Drogenhandel, später ausgeweitet zu «The Wire». Die fünf Staffeln und sechzig Episoden lange Serie der Nullerjahre seziert den Drogenkrieg als Metapher des Kapitalismus in seiner reinster Form. Das Angebot als Droge, die Nachfrage als Sucht.

Die Killing Streets

«Ich stehle aus dem Leben», hat Simon sein Vorgehen genannt. Er sei einfach nicht fantasiebegabt, sagte er im Gespräch mit der «Zeit». «Ich kann keine Welt heraufbeschwören, die ich nicht selbst erlebt und bis zu einem gewissen Grad studiert habe.» «The Wire» beschreibt die Akteure des Drogenkriegs auf den Killing Streets von Baltimore, ohne sie zu verurteilen, weder die Polizei noch die Banden. Der Drogenhandel sei der einzige Wirtschaftsfaktor, sagt Simon, der in vielen Vierteln der Stadt noch funktioniere. Seine Serie wurde mit Preisen überhäuft und wird bis heute als herausragendes Beispiel ihrer Gattung genannt. «The Wire» beschreibt die Ausgangslage, aus der heraus die Ausschreitungen der letzten Tage entstanden sind.

An eine Besserung glaubt Simon nicht; die amerikanischen Städte befänden sich im Zustand der Unregierbarkeit. Was Baltimore von New York oder Los Angeles unterscheide, wurde er gefragt: Die Durchschnittlichkeit, gab er zurück. Eine Stadt aus der zweiten Reihe, wie Cleveland, Detroit oder St. Louis.

In Baltimore wird Amerika typisch.

Tages-Anzeiger

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