Er kämpft gegen unvorstellbare Gewalt

Denis Mukwege hilft Vergewaltigungsopfern im Kongo – allen Bedrohungen zum Trotz. Für diesen Kampf erhält er den Friedensnobelpreis.

Das Komitee zeichnet zwei Gewinner für ihr Engagement gegen sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten aus. (Video: SDA)
Sarah Fluck@sa_fluck

Die Strasse zum Panzi-Krankenhaus ist staubig. Entlang von Bananenbäumen und Wellblechdachhütten schlängelt sie sich zum Stadtrand des ostkongolesischen Bukavus. Vorbei an Mädchen, die gelbe Wasserkanister auf dem Kopf tragen; vorbei an Männern, die gebratenen Fisch aus dem Kiwusee verkaufen. Durch ein Gebiet, das von den Medien zynisch als «Welthauptstadt der Vergewaltigung» bezeichnet wird.

Der Mann, der wohl am besten weiss, was diese Bezeichnung für die betroffenen Frauen bedeutet, tigert an diesem Morgen auf und ab. Mehrmals blickt Chefarzt Denis Mukwege auf die Dutzenden Frauen, die sich noch vor dem ersten Sonnenstrahl am Zaun der Klinik versammelt haben. Seine Statur einem Bodybuilder gleich, unter seinen dunklen Augen zeichnen sich die Tränensäcke ab. Seine Stimme ist ruhig, als er von den Tausenden Frauen spricht, die in den vergangenen Jahren an seine Pforte pochten.

Mehr als 50’000 waren es seit der Eröffnung des Spitals 2008. Er erzählt ruhig ihre Geschichten, erzählt, wie sie von Milizen, Rebellen, Soldaten geschnappt und stundenlang vergewaltigt wurden, erzählt von den vergewaltigten Säuglingen, die noch in seinen Armen starben; erzählt von den Mädchen, denen in den Bauch geschossen wurde. Und Gynäkologe Mukwege versucht zu nähen, was zu nähen ist; zu pflegen, was zu pflegen ist; zu trösten, was zu trösten ist. «Ich versuche, die verstümmelten Körperteile wiederherzustellen.» Mitunter dauert es Jahre und sind mehrere Operationen nötig, bis der Arzt zu seinem Ziel kommt.

Auf der Stippvisite erzählt eine Frau an diesem Morgen, wie sie von «dem Mann, der die Frauen repariert» gelernt hat, sich nicht mehr «Opfer», sondern «Überlebende» zu nennen. Ein wichtiger Schritt in einer Welt, in der die Ehemänner bloss selten ihre geschändeten Frauen zurücknehmen.

Drei Jahre später ist der heute 63-Jährige am Freitag für seinen Einsatz in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden; dies, nachdem er bereits mehrere Jahre in Folge als Favorit gehandelt worden war. Die Jury bezeichnete Mukwege als «Symbol im Kampf gegen sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten». Zusammen mit der Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad habe er «auf seine Weise dazu beigetragen, sexuelle Gewalt besser sichtbar zu machen, sodass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können».

«Ich will nicht zum Märtyrer werden»

Mit seinem Engagement schuf sich der tiefgläubige Arzt in seiner Heimat aber auch Feinde: Einen Monat nachdem er 2012 in einer Rede vor der UNO-Generalversammlung angeprangert hatte, dass die Regierung der Demokratischen Republik Kongo zu wenig gegen Massenvergewaltigung tue, wurden seine Kinder vorübergehend als Geiseln genommen. Kurz darauf dringen Schwerbewaffnete in sein Haus ein. Ein enger Mitarbeiter, der die Täter von dem Arzt ablenkt, wird erschossen. Mukwege flieht nach Belgien: «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich diese Arbeit nicht mehr fortsetzen konnte», sagte er rückblickend, als ihm 2017 der Aurora-Preis verliehen wurde.

Bleiben kann er nicht: Es seien Briefe der Frauen gewesen, die ihn drei Monate später zur Rückkehr bewegt hätten. «Sie verkauften Obst, um mir zu helfen. Das hat mich sehr berührt.» Diese Kongolesinnen hätten nicht einmal einen Dollar pro Tag verdient und seien trotzdem bereit gewesen, alles zu geben. Zurück in der Universitätsstadt Bukavu, lebt er heute in einer mit Stacheldraht gesicherten Anlage; steht unter Personenschutz von UNO-Truppen. «Ich will nicht zum Märtyrer werden.»

Im Einsatz: Denis Mukwege (im Zentrum) auf Visite mit Stundenten. Foto: Getty Images

Seine Arbeit bezeichnet der 1955 im damaligen Belgisch-Kongo Geborene als eine Berufung. Als Inspirationsquelle habe ihm sein Vater, ein Pastor im Nachbarland Burundi, gedient. «Er vermittelte mir die Gabe, für andere da zu sein.» Bereits als 8-Jähriger habe Mukwege gewusst, dass er Medizin studieren wolle. Gemeinsam hätten sie einen kranken Jungen besucht: Als Mukwege sah, dass sein Vater nur beten, aber keine Medikamente abgeben konnte, hat er gesagt: «Ich will Arzt werden, und du kannst weiterhin beten.»

Nach seinem Studium arbeitete er zunächst in einem Krankenhaus im kleinen Ort Lemera – 100 Kilometer ausserhalb seiner Geburtsstadt Bukavu. Er war schockiert, wie viele Frauen dort täglich starben – etwa bei der Geburt ihrer Kinder. «Das hat mich dazu bewegt, mich mehr auf die Behandlung von Frauen zu spezialisieren», sagt Mukwege. So fügte er ein Studium der Gynäkologie und Geburtshilfe in Frankreich an.

Zurück in Lemera, beschliesst er, in einer eigenen Abteilung gegen die Sterblichkeit der Frauen bei der Geburt anzugehen. Doch sein Engagement findet 1996 mit dem ersten Kongokrieg ein jähes Ende. Die Stadt wird von Rebellen komplett zerstört, das Spital wird attackiert, und Patienten und Personal, die nicht fliehen können, werden umgebracht.

Im OP überrascht worden

Vermehrt setzen nun sowohl die Rebellengruppen wie auch die Soldaten Vergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung ein. Es ist in dieser Zeit, dass ihm zum ersten Mal ein Opfer begegnet: «Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handle sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandelte ich noch 45 ähnliche Fälle», erinnert sich Mukwege in seiner Biografie «Plaidoyer pour la vie». In Bukavu versucht er zu helfen und gründet mit internationaler Unterstützung das Panzi-Hospital.

Vor vier Jahren ist Mukwege für seine Arbeit mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede sagte er damals, die internationale Gemeinschaft habe «Grenzen für chemische, nukleare und biologische Waffen aufgezeigt – wir brauchen auch Grenzen für Vergewaltigung als billige Waffe» – und kämpfte weiter, damit solche «rote Linien» aufgezogen werden.

Als am Freitag die Nobelpreisgewinner verkündet werden, steht Mukwege im Operationssaal. Plötzlich habe es draussen Lärm gegeben, Leute seien hereingestürmt und hätten ihm die Nachricht überbracht. «Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich bin», sagte er am Telefon zu der norwegischen Zeitung «Verdens Gang». Dann bricht die Verbindung ab.

Mukwege wird nach seiner Operation in Bukavu gefeiert. Video: Panzi Foundation DRC

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