Der letzte Spionagechef der Stasi ist noch immer voller Wut

Werner Grossmann führte die Auslandspione der Stasi. Nach dem Fall der DDR wurde er enttarnt – und vom Westen bitter enttäuscht.

Bürgerrechtler stürmten am 15. Januar 1990 die Stasi-Zentrale in Berlin. Tausende Stasi-Spitzel verloren ihre Tarnung. Foto: Jockel Finck (Keystone)

Bürgerrechtler stürmten am 15. Januar 1990 die Stasi-Zentrale in Berlin. Tausende Stasi-Spitzel verloren ihre Tarnung. Foto: Jockel Finck (Keystone)

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In einer Dreizimmerwohnung im Berliner Stadtteil Weissensee stützt sich Werner Grossmann auf seinen Gehstock, der letzte Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der DDR-Spionage klingt noch immer enttäuscht: «Wir haben alles getan, damit es eine Amnestie gibt, aber wir sind gescheitert.»

Grossmann hat schwere Hände, in seiner Jugend lernte er Maurer, dann kam er zur HVA, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR, stieg bis zum Generalobersten und Nachfolger seines Freundes Markus Wolf auf. Die HVA war eine Elitetruppe, ihre Westagenten sassen in der Bundesregierung, bei der Nato, bei der NSA. Zumindest bei der Spionage hatte es die DDR weit gebracht. Grossmann würde seine Leute nie Spione nennen. Er sagt: Kundschafter.

Seine Wohnung liegt im Erdgeschoss, das Laufen fällt ihm schwer. Er hat Kaffee gekocht. Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegen einst geheime Regierungsakten. Sie dokumentieren, wie 1990 gerungen wurde. Es ging um die Frage, ob und wie man einen Schlussstrich zieht unter 40 Jahre Feindschaft. Es ging um keine generelle Stasi-Amnestie, aber um Straffreiheit für alle Spione. Niemand wäre ins Gefängnis gekommen, keiner der HVA-Offiziere und auch keiner ihrer Agenten in Westdeutschland. Keine Sieger. Keine Besiegten. «Das wäre ja was gewesen», sagt Grossmann.

Werner Grossmann

Werner Grossmann wurde 1929 in Sachsen geboren. Als 16-Jähriger kam er zum Ende des Zweiten Weltkrieges in den Volkssturm und sah, wie ein guter Freund starb. Das motivierte ihn, sich in der DDR der Kommunistischen Partei anzuschliessen. Nach seiner Ausbildung zum Maurer studierte er in Dresden. 1952 kam er zum Auslandsgeheimdienst der DDR und stieg später zum Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit auf. Sie hatte hochrangige Spione in der westdeutschen Regierung und der Nato. «Wir haben einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Friedens geleistet», sagte Grossmann dem «Spiegel». (Red)

Wie nah eine solche Lösung war, kann man in den Akten nachlesen. Und man versteht, wie gross in der damaligen Regierung von Helmut Kohl die Angst war, dass die Dossiers der Spione den Prozess der deutschen Einheit vergiften. Oder dass der sowjetische Geheimdienst KGB das von Grossmann kommandierte Agentennetz übernehmen und damit das frisch vereinte Deutschland unterwandern würde.

Die Akten dokumentieren, wie wahrscheinlich eine Amnestie für die DDR-Spione kurz wirklich war. Das Kabinett hatte bereits zugestimmt. Mit dem mitternächtlichen Feuerwerk und dem Glockengeläut zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 sollte alles erledigt sein. Die SPD brachte das zu Fall. Ohne ihre Zustimmung fiel der Amnestieplan in sich zusammen.

Am Morgen des 3. Oktober 1990 rückte das Bundeskriminalamt nach Berlin-Weissensee aus. Grossmann wurde wegen Landesverrats verhaftet. Sein Freund Markus Wolf setzte sich ab, die Flucht endete in Moskau. Auch Grossmann wäre in Moskau willkommen gewesen. «Kam nicht infrage», sagt er. Er hat seinen Gehstock an die Wand gelehnt und sitzt auf dem Sofa. Er ist noch immer voller Wut, wenn er von diesen Tagen erzählt. Von dieser Demütigung. Von den BKA-Beamten, die sich während der Durchsuchung seiner Wohnung die Kohlrouladen aus einer Westberliner Polizeikantine liefern liessen.

Eine Flut von Enthüllungen

Damals hat schon längst eine Flut von Enthüllungen begonnen. Am 15. Januar 1990 besetzen Bürgerrechtler die Stasi-Zentrale in Berlin. Viele der aussichtsreichsten DDR-Politiker fliegen als Stasi-Spitzel auf. Bei einem der wichtigsten – Wolfgang Schnur hat gute Aussichten, der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR zu werden – arbeitet damals eine junge Physikerin als Sprecherin. Es ist die spätere Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Werner Grossmanns Stimme wird noch heute lauter, wenn er davon erzählt. In der Nacht des Sturms auf die Stasi-Zentrale hält ein Pappschild mit der Aufschrift «Aufklärungsdienst» die Oppositionellen vom Eindringen in die Räume der HVA ab. Drinnen rattern die Schredder, laufen sie zu heiss, kommen sie in den Kühlschrank. Und auf den Datschen der Offiziere, den Ferienhäusern irgendwo auf dem Land, verbrennen heikle Akten im Ofen oder in offenen Feuern im Garten. Aktenvernichtung ist eigentlich verboten. Grossmann nennt das bis heute lächelnd die «einzige Befehlsverweigerung meines Berufslebens».

Am 15. Januar 1990 brach der Geheimdienst der DDR zusammen. Demonstranten verwüsteten die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin. Foto: Jockel Finck (Keystone)

HVA-Offiziere überzeugen die Bürgerrechtler in langen Diskussionen nach dem Sturm davon, die Finger von den Spionageakten zu lassen. Schliesslich habe jedes Land eine Auslandsspionage, mit dem Unterdrückungsapparat der Stasi habe das doch nichts zu tun. Und bei Enttarnung drohten den Agenten im Ausland Gefängnis oder Tod. Die Geschichte verfängt. Der Rest der Akten wird aus dem Stasi-Hauptquartier ausgelagert. Jetzt vernichtet die HVA am Stadtrand ganz ungestört tonnenweise ihre Geheimnisse.

Aber nicht alles lässt sich beseitigen. Papier kann man vernichten, nicht aber das Wissen in den Köpfen der Stasi-Offiziere. Was werden sie erzählen?

Seitensprünge der Minister

Wie gefährlich dieses Erbe auch dem Westen werden kann, wird schnell klar. Denn auch in Bonn, der damaligen Hauptstadt der Bundesrepublik, landen Kisten voller Material, abgeliefert von Stasi-Offizieren, die Geld machen wollen. Sie enthalten die Dossiers aus der Hauptabteilung III der Stasi, die die Telefone in Westdeutschland abhören liess. 100'000 Anschlüsse: Politiker, Geheimdienstler, Manager, die über Dienstgeheimnisse, politische Affären und Amouröses geplaudert hatten.

Sogar Seitensprünge von Bonner Kabinettsmitgliedern sind vermerkt: «Wenn er Blumen schickt, dann am liebsten gelbe Teerosen.» Auf Umwegen landen einige dieser Dossiers beim Magazin «Quick», das eine sechsteilige Serie ankündigt. Titel: «Unglaublich, sie wussten alles!»

Bonn ist in Aufruhr. Im Bundestag kommt es zu einer der schnellsten Gesetzesänderungen aller Zeiten, die Veröffentlichung entsprechenden Materials wird unter Strafe gestellt. Die westdeutschen Geheimdienste erhalten die Anordnung, die gekauften Abhörprotokolle in den Schredder zu stecken. Ungelesen. Jetzt laufen Reisswölfe in beiden deutschen Staaten.

Drinnen rattern die Schredder, laufen sie zu heiss, kommen sie in den Kühlschrank.

Berlin wird in diesem ersten Frühling nach dem Ende der DDR-Diktatur zum Jagdgebiet. Grossmann schenkt Kaffee nach, erzählt von den Meldungen seiner ehemaligen Untergebenen. Wann und wo der Bundesnachrichtendienst, der westdeutsche Auslandsgeheimdienst, der Verfassungsschutz, also der Inlandsgeheimdienst, und CIA bei ihnen an die Tür klopften und viel Geld für die Namen der Westagenten bieten. Grossmann hat sich alles notiert. Die CIA sticht alle aus: Bis zu einer Million Mark, Umsiedlung in die USA und bei Bedarf plastische Chirurgie bieten sie.

Die HVA existiert nicht mehr, Agenten werden abgeschaltet. Bis auf einen. Ausgerechnet DDR-Agent Klaus Kuron ist beim westdeutschen Verfassungsschutz einer der entscheidenden Leute in der Spionageabwehr. Er weiss, wen die deutschen Geheimdienste jetzt anwerben wollen. Von Kuron erfahren Grossmann und Genossen, wer überläuft. Bis zu seiner Verhaftung kurz nach der Deutschen Einheit wird Kuron der am längsten dienende DDR-Agent. Wer diese riskante Operation entschieden hat? «Na ich», sagt Grossmann.

In Bonn wirbt die Regierung für eine Amnestie, malt die Gefahren düster aus, lastwagenweise werden Akten an den KGB geliefert, man habe auch «konkrete Anhaltspunkte» dafür, dass zahlreiche frühere HVA-Agenten zu den Russen überlaufen. Moskau habe grösstes Interesse. Es klingt, als ginge der Kalte Krieg gar nicht mehr zu Ende.

«Wir sind doch keine Verbrecher»

Fragt man Werner Grossmann nach dem KGB, holt er tief Luft, dann sagt er: «Sie haben uns versprochen, sich für uns einzusetzen. Straffreiheit sei garantiert, unsere Renten sicher. Aber sie haben nichts getan.» Und die geheimen Aktenlieferungen? Habe es nie gegeben, sagt Grossmann.

Am Ende wird die Zeit zu knapp für ein Amnestiegesetz. Alles fällt auseinander. Markus Wolf hat sich bereits abgesetzt. In einem kleinen Arbeitszimmer verwahrt Grossmann bis heute Papiere, aus denen man erfahren kann, wie es weiterging. Auf den Regalen stehen Familienbilder, darüber Ordner an Ordner. Klaus Kuron wird zu zwölf Jahren verurteilt. Aber Grossmann musste nicht ins Gefängnis, das ist sein grösster Triumph: «Wir sind doch keine Verbrecher», sagt er.

Andere Papiere erzählen von seiner grössten Niederlage. Codename Rosenholz. Die CIA beschaffte sich eine Kopie der verfilmten Agentenkartei, nur die Buchstaben La bis Li fehlen. Warum, ist bis heute nicht bekannt. Auch nicht, wie die CIA an die Unterlagen kam. Beinahe alle DDR-Agenten im Westen flogen auf. «Schrecklich», sagt Grossmann.

Erstellt: 16.01.2020, 19:53 Uhr

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