Theresa May wird zu Unrecht für ihre Leidensfähigkeit bewundert

Ihre Widerstandskraft ist verblüffend. Aber Resilienz allein ist keine Tugend.

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David Hesse@HesseTA

Theresa May macht weiter. Letzte Woche reiste die britische Premierministerin wieder nach Brüssel, um Nachbesserungen an ihrem Brexit-Deal zu erbeten – wieder ohne Erfolg.

May steckt das weg. Ihre Widerstandskraft ist verblüffend. Sie hat die Wahlverluste von 2017 überlebt, den Putsch der eigenen Partei, die Ablehnung ihres Brexit-Abkommens im Unterhaus, den Misstrauensantrag. Sie steht weiter aufrecht und führt das streitende Land, auch wenn sie versprechen musste, bei der nächsten Wahl nicht mehr anzutreten. Sie beschwört stoisch «den Willen des Volkes», verweigert eine zweite Volksabstimmung, verteidigt ihr ungeliebtes Abkommen, auch wenn der harte Brexit so immer näher rückt.

Diese Sturheit fasziniert. Der Publizist John Lloyd rückt Theresa May in die Nähe christlicher Märtyrer. Ihre schmerzhafte Dehnung zwischen den unversöhnlichen politischen Lagern, schreibt er, erinnere an «Streckbankfolter» aus der Vergangenheit. May lasse sich öffentlich auseinanderziehen, «bis sie und vielleicht ihre Partei in Stücke gerissen werden».

Auch May verfolgt Interessen

Nun ist Leidensbereitschaft eine löbliche Eigenschaft in der Politik, sie zeugt von Verantwortungsbewusstsein: standhalten, nicht flüchten. Wo steckt David Cameron, der die Brexit-Abstimmung ansetzte? Und sicher: Ein Rücktritt Mays würde nichts besser machen, weil kein Anwärter in Sicht ist, der eine überzeugende Idee zur Durchsetzung oder Verhinderung des Brexit hätte. May versucht, das Parlament unter Druck und vielleicht mit doch noch ausgehandelten EU-Zugeständnissen von ihrem Deal zu überzeugen. Sie spielt auf Zeit, auf Angst, ihre Stamina ist strategisch.

Doch Resilienz allein ist keine Tugend. Dass May die Mängel ihres Deals nicht erkennt, ist eitel. Und dass sie meint, den einzig wahren Volkswillen zu verkörpern, ist verblendet. May hat Interessen: Drosselung der Zuwanderung, Härte an der Grenze, das waren schon als Innenministerin ihre Themen. Sie war treibende Kraft hinter den «Go Home»-Bussen, die Ausländer zum Weggehen aufforderten. Wenn sie heute eine zweite Abstimmung ausschliesst, so ist das nicht nur der Angst vor weiterer Spaltung geschuldet, sondern auch ihrem Willen zur Abschottung. May leidet nicht fürs Volk, sondern für eine Denkart.

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